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Sexmuffel sterben früher


Es ist für viele die schönste Nebensache der Welt. Jetzt gibt es sogar noch eine positive Nachricht: Regelmäßiger Sex macht schön und hält gesund. Ist Sex also das Wundermittel schlechthin?
Ein Artikel von Maria Riedler

Irgendwie habe ich das Gefühl, als sei ich immer schon ein Sexmuffel gewesen“, lacht Susanne verlegen. „Am Anfang jeder Beziehung war es vielleicht noch nicht so deutlich, doch mit der Zeit habe ich immer weniger Lust auf Sex, obwohl – wenn es soweit ist, dann macht es eh Spaß. Aber den Anfang mache ich nie und es ist irgendwie wie beim Sport: allein wenn ich daran denke, dann kommt mir das große Gähnen. Mein jetziger Freund ist total lieb und zärtlich und der netteste Partner, den man sich wünschen kann. Wir reden viel miteinander und ich habe auch einen Orgasmus, aber trotzdem ist meine Unlust der Killer in einer sonst so perfekten Beziehung. Bin ich nur zu faul? Lasse ich mich gehen? Ich leide langsam auch selbst darunter, was soll ich bloß tun?“

„So wie Susanne ergeht es vielen Menschen. Immer häufiger kommen verunsicherte Paare jeden Alters in meine Praxis, weil Märchen über die Notwendigkeit und angebliche sexuelle Aktivität der anderen durch die Medien geistern und man sich vergleicht und feststellt, dass man keine Lust hat, diesen nachzueifern und fürchtet, nicht mithalten zu können“, so Andrea Hammerer, klinische Psychologin und Paartherapeutin in Salzburg.

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Lustlos im Alltag

Für sie ist es Alltag, dass jede dritte junge Frau unter Lustlosigkeit und immer mehr junge Männer unter Erektionsstörungen leiden. „Der erste Weg führt oft zum Urologen, von denen manche nach einem kurzen Gespräch Medikamente wie Viagra verordnen, wenn es nicht sogar überhaupt einfach im Internet bestellt wird. Die Verunsicherung wird dadurch verstärkt und nicht beseitigt. Junge Frauen wissen sehr wohl, dass hormonelle Verhütungsmittel der Lustkiller Nummer 1 sind und haben gar nicht so viele Alternativen, wie es oft erscheint.“ Hinzu kommen Schwankungen in der Lebensführung, wie berufliche Belastungen, von den verunsichernden Phasen wie Schwangerschaft, die Zeit nach der Geburt und den Wechseljahren ganz zu schweigen. „Wir Sexualtherapeuten wissen auch, dass, je größer die Liebe ist und je mehr Jahre sie schon auf dem Buckel hat, eine gewisse Scham vor neuen Ideen und Experimenten entsteht

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  Guter Sex ist lebensverlängernd

Laut einer Studie aus North Carolina, USA, verlängert regelmäßiger Sex das Leben. Ein australisches Forscherteam hat wiederum herausgefunden, dass Männer, die zwischen dem 20. und 50. Lebensjahr besonders häufig ejakulieren, später ein weniger hohes Risiko haben, an Prostatakrebs zu erkranken und das Krebsrisiko bei Männern gesenkt wird, weil jede Ejakulation so etwas wie ein „kleines Service“ für die Prostata ist. Und bei Frauen kann regelmäßiger Sex z.B. Menstruationsbeschwerden lindern. Hier gibt es allerdings Unterschiede zwischen den Geschlechtern, so diese Studie: Männer leben danach länger, wenn sie mehr Sex haben. Frauen leben länger, wenn sie befriedigenden Sex haben! Darüber hinaus wirkt regelmäßiger Sex bei beiden Geschlechtern Gefäßverkalkung und dem Knochenschwund entgegen, beugt Herz- und Kreislaufkrankheiten vor und löst stressbedingte Verspannungen. Bei den Frauen harmonisiert häufiger Sex den weiblichen Hormonhaushalt. Bei Arthritis, Kopfschmerzen und Rückenproblemen kann das Liebesspiel sogar schmerzlindernd wirken. Sexuell aktive Frauen bekommen nicht nur seltener Osteoporose, ihr Bindegewebe wird stärker, sogar Cellulite und Krampfadern kann vorgebeugt werden.

Die Werbung lebt von nackter Haut und Viagra verspricht körperliche Freuden bis ins hohe Alter. Unsere Lebenserwartung steigt kontinuierlich, doch mit zunehmendem Alter nehmen auch die gesundheitlichen Probleme zu. Das Interesse an Sex lässt auch bei älteren Menschen kaum nach, so belegt etwa die Kölner Männer-Studie mit fast 4.500 Teilnehmern, dass die Mehrzahl der älteren Männer diesen auch haben: 84 Prozent der 60- bis 69-Jährigen gaben an, sexuell aktiv zu sein, bei den 70- bis 79-Jährigen waren es 71 Prozent.

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Hormone für das Hochgefühl

Bei Männern sinkt der Testosteronspiegel ab dem 40. Lebensjahr um ein Prozent pro Jahr. Bei älteren Männern ist die häufigste Sexualstörung die erektile Dysfunktion. Und in einer Studie gaben 90 Prozent der Männer an, unter der Störung zu leiden. Auch die Sexualität der Partnerin wird davon beeinflusst: Sie empfinden weniger sexuelles Verlangen, sind weniger erregt, kommen seltener zum Orgasmus und sind weniger zufrieden als in der Zeit vor der erektilen Manifestation beim Partner. Wie auch beim Sport werden beim Sex Endorphine ausgeschüttet. Es beschleunigt sich unser Puls, die Durchblutung wird angeregt und der Körper wird intensiver mit Sauerstoff versorgt. Sex bringt also den Hormonhaushalt in Fahrt, Testosteron- und Östrogenspiegel steigen an. Ersteres macht Männer widerstandsfähiger und zweiteres Frauen schöner. Endorphine sorgen für das nötige Hochgefühl, das sonst oft erst nach langem Ausdauertraining zum Vorschein kommt. Das Wohlgefühl ist wiederum gut für die Psyche, ebenso die Entspannung nach dem Orgasmus. Ein weiteres Sex-Hormon, das Prolaktin, schützt vor Stress und entspannt. Sex verbessert die Leitfähigkeit der Nerven. Dadurch wird die Wahrnehmung gestärkt und der Körper kann sich gegen beginnende Störungen schneller wehren. Auch Vitamine werden bei regelmäßigem Geschlechtsverkehr besser ausgenutzt und umgesetzt. Sexualhormone machen also glücklich und lindern Schmerzen. Emotional lösen Körperkontakte in Form von sinn-lichen Berührungen ein Bindungsgefühl aus.

Wundermittel Sex?

Angesichts dieser extrem vielen Vorteile – soll man also so oft wie nur möglich Sex haben? „Sex ist immer dann gut, wenn die Dosis stimmt.“ Zweimal guter Sex sei mehr wert als fünfmal unbefriedigender, meint dazu etwa Elia Bragagna, Allgemeinmedizinerin, Sexual- und Psychotherapeutin und Leiterin der Akademie für Sexuelle Gesundheit (AfsG). Die Medizinerin sieht gerade die „Übersexualisierung der Gesellschaft“ ebenso wie Hammerer eher als Belastung für viele Menschen. Die Pharmaindustrie profitiere natürlich davon, dass sexuelles Funktionieren allgegenwärtig ist. „Insofern ist es für mich problematisch, wenn ich den Spruch höre ‚Wenn du gesund sein willst, hab Sex’“, meint die Medizinerin. Wundermittel ist Sex also keines, vor allem nicht, „wenn der Körper Nein sagt“. In der Hektik des Alltags bleibt die Romantik oft auf der Strecke. Was im Berufsleben als Burnout-Syndrom diagnostiziert wird, macht sich nun auch im Schlafzimmer breit. Die Zeit für die Liebe wird knapp, sind sich Experten einig. Dieses Szenario unterstreichen die Ergebnisse einer Durex Studie: Weltweit wünscht sich jeder Dritte weniger Stress und Müdigkeit, sowie mehr ungestörte Zweisamkeit (36%) mit dem Partner. Allgemein herrscht eine große Sehnsucht nach mehr Romantik und Zärtlichkeit: 39% der Befragten wünschen sich ein romantischeres Liebesleben.  Mehr Zeit für die Liebe steht auf der Wunschliste der Österreicher ganz weit oben (40%). Wer unter Stress und Hektik leidet, hat auch weniger Lust auf Sex: Mehr als ein Viertel der Österreicher wünscht sich eine  ausgeprägtere Libido. Im weltweiten Vergleich gehört Österreich zu den sexuell aktiveren Nationen.

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Bleibt Lust auf Strecke?

Mit dem Sex sei es wie mit Erdbeerkuchen, findet Autor Jörg Zittlau. Hin und wieder sei er ein Genuss, gäbe es ihn aber täglich, würde ihn niemand mehr haben wollen. In seinem Ratgeber „Wer braucht denn noch Sex?“ (Gütersloher Verlagshaus) geht er der Frage nach, warum in unseren Betten immer seltener die Lust regiert – und warum das eigentlich gar nicht schlimm ist. Laut Zittlau ist das Hauptproblem der Lustlosigkeit, dass Sex im heutigen Zeitalter überall zu finden ist: „Im Internet flimmern 30.000 Pornofilme pro Sekunde und über 400 Millionen einschlägige Webseiten liefern dort alles, was das sexbesessene Herz begehrt.“ Daneben finde man Annoncen für den kleinen sexuellen Hunger zwischendurch, Flirt- und Sextipps sowohl in Magazinen als auch im Internet, massenhaft Erotik in der Werbung sowie Sexenthüllungen von Prominenten und solchen, die es gerne wären. „Zu viel? Eindeutig zu viel. Die Lust bleibt dabei auf der Strecke“, schreibt Zittlau. „40 Prozent aller Frauen in Deutschland naschen lieber jeden zweiten Tag an ihrer Schokolade, anstatt sich beim Koitus abzuschwitzen“, so schreibt der Autor.  Zudem hätten verschiedene Umfragen gezeigt, dass Jugendliche eher auf Sex als auf ihr Handy verzichten möchten.

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Sex ist nicht das Wichtigste

Wir sollten aufhören zu jammern und einen anderen Weg gehen, so sein klares Statement. Es sei eigentlich gar nicht so schlecht, wenn der Sex langsam bedeutungslos werde. Der Autor geht in seiner Auffassung sogar so weit, dass er sagt, die Welt wäre ohne Sex viel friedlicher. Er rät, für einen entspannten Umgang mit dem Sex weder sich selbst noch den Partner unter Erfüllungsdruck zu setzen. „Es gibt keine Regeln, wie Sex stattzufinden hat. Aber wenn beide eine unterschiedliche Libido haben, müssen sie darüber reden und einen Konsens finden.“

Außerdem sei Sex kein Sport. Jedes Paar solle für sich herausfinden, was ihm Spaß macht. Achtsamkeit füreinander sei das Erfolgsrezept. Die Salzburger Psychologin Hammerer: „Manchmal ist es durchaus sinnvoll, sich dem anderen hinzugeben ohne große Diskussionen und ohne ständiges Fragen, ob man selbst oder der andere eigentlich Lust hat. Die Lust kommt nicht durch Nachdenken über sich selbst, sondern durch Tun. Durch die körperliche Nähe wird das sogenannte Bindungshormon Oxytocin ausgeschüttet, das nicht davon abhängt, ob und wie viele (gemeinsame) Orgasmen man hat.

Das Zauberwort ist Zärtlichkeit, die kein anderes Ziel hat, als dem anderen Beachtung zu schenken und ihm zu zeigen, dass man zusammengehört. Gibt es etwas Gesünderes für die Beziehung?“


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