Moderne nach Maß

Das Bauhaus gilt als Inbegriff der architektonischen Moderne – als revolutionärer Bruch mit der Vergangenheit. Doch nicht überall folgte man diesem radikalen Pfad. In Salzburg entfaltete sich eine stille, aber eigenständige Moderne, die bis heute prägend wirkt.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Hubert Auer, Marco Dullinger

Wohn-und Geschäftshaus Bacher

Vor über 100 Jahren gründete Walter Gropius in Weimar das Bauhaus – nicht als bloße Kunstschule, sondern als visionäres Projekt. Es war der Beginn einer neuen Ära des Bauens: weg vom historischen Zierrat, hin zur Klarheit, Funktion und technischer Präzision. Die Architektur des Bauhauses stellte eine Revolution dar – ästhetisch, gesellschaftlich, politisch.

Der Leitgedanke „Form folgt Funktion“ ist heute längst in unseren Sprachgebrauch übergegangen. Doch damals war er ein radikaler Bruch mit den Traditionen. Gebäude sollten nicht mehr Macht und Reichtum symbolisieren, sondern dem Leben dienen – effizient, erschwinglich und schön. Schönheit lag nicht mehr im Ornament, sondern in der klaren Struktur, im ehrlichen Umgang mit Materialien wie Glas, Beton und Stahl.

Doch das Bauhaus war mehr als ein Stil. Es war ein gesellschaftliches Statement. In einer Zeit großer Umbrüche – nach dem Ersten Weltkrieg, mitten in der Wohnungsnot der Weimarer Republik – suchte man nach Lösungen für das Leben der breiten Masse. Die Idee: Standardisierung, modulare Bauweise, industrielle Fertigung – um gutes Wohnen für alle möglich zu machen. Demokratische Architektur eben.

Villa Schall; Entwurf: Jakob Ceconi & Karl Pirich (1900)

Die berühmten Bauhaus-Meisterhäuser in Dessau oder die Siedlung Törten stehen bis heute für diese Vision. Geometrische Formen, Flachdächer, offene Grundrisse – das alles war Ausdruck eines neuen Menschenbilds. Architektur sollte nicht einengen, sondern befreien – von alten Zwängen, von überladenem Dekor, von sozialer Ausgrenzung.

Stille Revolution

In Salzburg selbst war kein Bauhaus-Schüler aktiv, es fehlen direkte Bezüge. Österreich insgesamt war, was die Rezeption des Bauhauses betrifft, eher zurückhaltend. Die Wiener Moderne etwa – mit Vertretern wie Adolf Loos oder Josef Frank – unterschied sich deutlich von der „weißen Moderne“ à la Le Corbusier oder dem funktionalistisch-industriellen Ethos des Bauhauses. Loos etwa war ein scharfer Kritiker der Bauhaus-Prinzipien, verstand sich aber selbst dennoch als Teil der Moderne.

Und Salzburg? Auch hier gab es Architekten, die modern dachten – aber unter anderen Vorzeichen. „Ich glaube nicht, dass sich ein Architekt wie Gerhard Garstenauer als Bauhausarchitekt verstanden hat. Eher als Vertreter einer eigenen Moderne“, so Roman Höllbacher, künstlerischer Leiter der Initiative Architektur in Salzburg, „Es gab in Salzburg sehr wohl eine Form der Modernisierung – aber keine Bauhausarchitektur.“

Haus Weidlich

Spannend ist daher der Gedanke, dass es nicht die eine Moderne gab. Für manche war die Hinwendung zur industriellen Produktion und neuen Materialien – Stahlrohrmöbel, Glasflächen, Beton – der Inbegriff des Fortschritts. Für andere bedeutete „modern“ etwas anderes: ein neuer Zugang zu Raum, zu Funktion, zur Ästhetik – aber nicht zwingend ein Bruch mit dem Handwerk oder eine Hinwendung zur Massenproduktion.

„Österreich hatte in den 1920er Jahren schlicht nicht die industrielle Infrastruktur, um die Bauhaus-Idee von der kostengünstigen Massenproduktion baulicher Prototypen umzusetzen“, erklärt Roman Höllbacher. „Die industriellen Kapazitäten waren gar nicht da.“ Und doch fanden sich auch hierzulande Ansätze, die sich an Effizienz und Rationalisierung orientierten.

Denn die Moderne war kein monolithischer Stil, sondern ein Spannungsfeld zwischen Vision und Realität, zwischen Handwerk und Industrie, zwischen regionaler Ausprägung und internationalem Anspruch.

Was heißt „Moderne“ in Salzburg?

Wenn in Salzburg von „Moderne“ die Rede ist, dann geht es dabei nicht einfach um das Bauhaus, weiße Flachdachhäuser oder avantgardistische Architektur im klassischen Sinn. Vielmehr bezeichnet der Begriff hier eine stille, aber tiefgreifende Veränderung der Bautradition um 1900. Diese erste wirkliche Moderne zeigt sich beispielsweise in der Villa Schall, die als Bau eines Zementfabrikdirektors errichtet wurde. Der Baukörper ist klar gegliedert, das Dekor zurückhaltend – mit wenigen, gezielt eingesetzten Jugendstilmotiven, etwa im Gartenzaun oder im Eingangsbereich. Die klassische Gründerzeit mit ihrem historisierenden Zierrat wird hier bewusst hinter sich gelassen. Stattdessen: schlichte Linien, flächige Wirkung, moderne Materialien. Ein geflügelter Löwe am Eingang verweist auf römische Antike, und vielleicht spielt der Bezug auf Zement – ein „neuer“ Baustoff mit antiken Wurzeln – ebenfalls auf dieses kulturelle Erbe an.

Fortschrittsdenken

Ziel dieser frühen modernen Bauten war nicht, radikal zu brechen, sondern sichtbar zu machen, wie man Fortschritt mit lokalen Bezügen gestalten kann – das Resultat: eine Salzburger Moderne.

Beispiel dafür ist unter anderem die Entwicklung des Architektur-Büros Ceconi, das in den 1890er Jahren noch klassisch gründerzeitlich baute, um 1900 jedoch eine stilistische Wendung vollzog. Die Fassade wurde flächiger, horizontale Putzbänder und Jugendstilanklänge traten an die Stelle historistischer Ornamentik. Die Grundstruktur der Häuser blieb gleich – Geschäft im Erdgeschoss, Wohnungen darüber –, aber die Sprache des Dekors veränderte sich grundlegend. Das zeigt: Die Moderne in Salzburg begann nicht mit einer neuen Funktion oder einem neuen Typus, sondern mit einem veränderten Verständnis von Form und Oberfläche.

Technischer Fortschritt trifft Ästhetik

Gleichzeitig hielt der technische Fortschritt Einzug: neue Baustoffe wie Zement und Eisen wurden großflächig verwendet. Ignaz Gridl und Ernst Gaertner etwa realisierten innovative Eisenfachwerkbrücken – elegante, tragfähige Konstruktionen mit Jugendstilanklängen, wie den Salzburger Mozartsteg. Sie ersetzten die früheren Holzbrücken und ermöglichten schnelle, günstige Lösungen für die Infrastruktur. Auch hier bedeutete Moderne: Effizienz, Fortschritt, aber mit gestalterischem Anspruch.

Salzburger Autopalast; Entwurf u. Ausführung: Zöttl und Sperl (1928)

Der Autopalast – Vision einer neuen Mobilität

Ein besonders interessantes Beispiel für die Kombination aus technischer Innovation und städtebaulichem Denken ist der Salzburger Autopalast, ab 1928 errichtet vom Fuhrwerksunternehmer Friedrich Gruber. Er erkannte früh, dass das Auto, das bis dahin ein Oberschichtsphänomen war, bald breite Verwendung finden würde. Der Autopalast war eine moderne Autogarage mit Einfahrtsrampe und mehreren Geschossen, geplant für 400 Fahrzeuge – technisch durchdacht, aber in klassischer Mauerwerksbauweise.

Entworfen und ausgeführt hat den Autopalast die Bauunternehmung Zöttl & Sperl, was beweist, dass sich selbst eine Baufirma „mit moderner Architektur durchaus identifizierte (…)“, ein Satz mit dem kein Geringerer als Friedrich Achleitner dieses Unternehmen charakterisierte.

Farbgestaltung spielte damals generell eine wichtige Rolle – Wunibald Deininger verwendete „Venezianerrot“, andere Architekten wie Richard Bandian oder Martin Knoll experimentierten mit unterschiedlichen durchgefärbten Putzen, ganz im Sinne des architektonischen Expressionismus der 1920er Jahre.

Respekt vor dem historischen Stadtbild

Modernisierung bedeutete aber nicht nur neue Materialien und Nutzungen, sondern auch eine bewusste Auseinandersetzung mit dem bestehenden Stadtbild. So kritisierten moderne Architekten das Justizgebäude von 1908, weil es mit seinem Walmdach den klassischen Blick vom Bürglstein auf Altstadt und Nonnberg störte. Als Reaktion entwarf Wunibald Deininger 1929 die benachbarte ehemalige Polizeikaserne mit flachem Dach – nicht im Sinne einer internationalen Moderne, sondern mit Verweis auf die Altstadthäuser selbst, deren Dachabschlüsse traditionell horizontal verliefen. Auch in der Fassadengestaltung blieb man bei Lochfassaden statt Bandfenstern – wiederum als Anlehnung an die bestehende Salzburger Baukultur.

Die Salzburger Moderne als eigenständiger Stil

Diese Haltung zieht sich durch die gesamte frühe Moderne in Salzburg: Man wollte nicht einfach internationale Strömungen übernehmen, sondern suchte eigenständige Antworten. Eine „weiße Moderne“ wie in Dessau wäre als Fremdkörper empfunden worden. Stattdessen wurde eine spezifische Salzburger Moderne entwickelt – geprägt vom Bemühen, neue Materialien und Funktionen mit dem historischen Stadtbild in Einklang zu bringen.

Moderne Architektur in Salzburg entdecken

Die Ausstellung „Moderne Architektur in Salzburg – Zyklus 1 (1900–1940)“ zeigt noch bis 1. August 2025 anhand von 25 ausgewählten Bauwerken, wie sich gesellschaftliche, technische und kulturelle Umbrüche in der Architektur der Stadt spiegeln – vom Jugendstil bis zum Neuen Bauen.

Ort: Architekturhaus Salzburg, Sinnhubstraße 3, 5020 Salzburg
Öffnungszeiten: Di bis Fr, 12–17 Uhr, Eintritt frei!