Krebs – der stille Feind
Krebs ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit, mit stetig steigenden Inzidenzraten für viele Krebsarten. Doch trotz dieser alarmierenden Entwicklung gibt es Hoffnung: Die Forschung erzielt beeindruckende Fortschritte, moderne Diagnostik und innovative Therapien bieten neue Perspektiven auf Heilung und Lebensqualität, sodass Krebs heute meistens als chronische Erkrankung behandelt werden kann.
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock
Es gibt Momente im Leben, die alles verändern – eine Diagnose, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel einschlägt und den Alltag in ein Dunkel verwandelt. Krebs ist nicht nur eine Krankheit; er bringt Angst, Unsicherheit und Leid mit sich. Für Betroffene wird jeder neue Tag zur Herausforderung, jeder Arztbesuch zum Prüfstein der Hoffnung. Die Gedanken kreisen um die Fragen, die niemand wirklich beantworten kann: „Wie geht es weiter? Was wird aus mir? Was passiert mit meinen Kindern?“ Die Sorgen um die Zukunft und die quälende Ungewissheit belasten nicht nur die Erkrankten selbst, sondern auch ihre Angehörigen, die oft hilflos zusehen müssen, wie ihre Liebsten kämpfen. In diesen schweren Zeiten wird der Alltag zur emotionalen Achterbahnfahrt, in der Momente der Freude und des Lachens rar sind, während die Schatten der Krankheit ständig über ihnen hängen.
Krebs betrifft uns alle
In Österreich erkranken jährlich etwa 46.000 Menschen an Krebs oder bösartigen Tumoren, die nach Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten Todesursachen bei nicht übertragbaren Krankheiten zählen. Das ergibt laut Statistik der Krebshilfe Österreich (Stand 01/2025) 20.906 jährliche Sterbefälle und insgesamt 418.740 Menschen, die derzeit in Österreich mit der Diagnose Krebs leben. Somit ist es nicht übertrieben zu sagen, dass Krebs uns alle betrifft!
Krebs ist eine Krankheit, bei der sich Körperzellen bösartig verändern und unkontrolliert wachsen. Mediziner sprechen in diesem Zusammenhang von Neoplasien (Gewebeneubildung) oder Tumoren. Tumoren können entweder gutartig (benigne) oder bösartig (maligne) sein. Während gutartige Tumoren in der Regel nicht aggressiv sind und das umliegende Gewebe nicht schädigen, wachsen bösartige Tumoren invasiv in benachbarte Körperstrukturen hinein und zerstören diese. Dabei werden nur bösartige Tumoren als Krebs bezeichnet.
Mehr Betroffene, bessere Heilungschancen
In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen von rund 41.000 auf etwa 46.000 gestiegen. Laut Prognosen der Österreichischen Krebshilfe wird die Zahl der jährlichen Neuerkrankungen bis 2030 auf rund 50.000 Fälle anwachsen. „Der Hauptgrund für diesen Anstieg ist die alternde Bevölkerung. Bis 2040 wird die Zahl der über 75-Jährigen um fast 60 Prozent steigen, was das Risiko für Krebserkrankungen deutlich erhöht“, erklärt Univ.-Doz. DDr. Anton-H. Graf, Präsident der Krebshilfe Salzburg. Der positive Aspekt dabei ist, dass medizinische Fortschritte, ein verstärktes Screening, bessere Diagnosemethoden sowie ein gestiegenes Gesundheitsbewusstsein die Überlebenschancen von Krebspatienten steigern.
Salzburg wird europäisches Zentrum für Krebsforschung
Im Bundesländervergleich zeigt sich, dass Salzburg mit Abstand die niedrigste Krebssterblichkeitsrate Österreichs aufweist – denn seit der Gründung des Salzburg Cancer Research Institutes im Jahr 2014 konnten über 10.000 Patienten in klinischen Studien behandelt werden und erhielten frühestmöglichen Zugang zu neuen, modernen Therapien. Dabei verfolgt das Salzburg Cancer Research Institute die hoch gesteckte Vision, dass im Jahr 2050 in Österreich kein Mensch mehr an Krebs sterben soll.
In einer jüngst veröffentlichten Salzburger Studie wurden wertvolle Grundlagen für künftige mikrobiom-gesteuerte Therapiekonzepte bei Darmkrebs geliefert. Dabei konnte ein interdisziplinäres Forschungsteam der Universitätsklinik für Innere Medizin III der SALK und der Paris Lodron Universität Salzburg (PLUS) nachweisen, dass das Bakterium Fn die Immunabwehr bei bösartigen Tumoren im Dickdarm oder Enddarm ausbremsen kann.
In diesem Jahr hat sich auch ein weiteres Forschungsprojekt der Universität Salzburg in einem hoch kompetitiven europäischen Auswahlverfahren durchgesetzt und dafür bedeutende EU-Förderungen in Höhe von 5,2 Millionen Euro erhalten, um ein europäisches Zentrum für räumlich aufgelöste Tumorbiologie aufzubauen und Nachwuchsforscher auszubilden. Das Forschungsprojekt spaXio (spatial crosstalk in immuno-oncology) ist am Fachbereich Biowissenschaft und Medizinische Biologie angesiedelt und erforscht die Ausbreitung und das Wachstum von Krebszellen in entfernten Organen – denn das komplexe Zusammenspiel von Tumorzellen, Immunzellen, Mikrobiom und dem Gewebe rundherum wurde bislang noch kaum erforscht. „In unserer Forschungsarbeit kommen komplexe 3D-Tumormodelle („Tumoroide“) zur Anwendung. KI-gestützte Datenintegration und -modellierung werden genutzt, um innovative Behandlungsstrategien für fortgeschrittene Krebserkrankungen zu generieren“, so Prof. Dirk Schmidt-Arras, Leiter der Arbeitsgruppe Tumour Immunology und des universitären Forschungsschwerpunkts Center for Tumor Biology and Immunology.
Vom Todesurteil zur chronischen Erkrankung
Dank dieser medizinischen Fortschritte hat sich das Bild von Krebs in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Moderne Diagnostik, zielgerichtete Therapien und interdisziplinäre Behandlungsansätze ermöglichen es heute, viele Krebsarten als chronische Erkrankungen zu behandeln. Die relative Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt mittlerweile bei über 63 Prozent – Tendenz steigend.
Bei Frauen ist Brustkrebs die häufigste Diagnose, gefolgt von Lungenkrebs und Darmkrebs. Bei Männern hingegen steht Prostatakrebs an erster Stelle, gefolgt von Lungenkrebs und Darmkrebs. Besonders alarmierend: Lungenkrebs ist bei beiden Geschlechtern die häufigste Todesursache durch Krebs. Eine erhöhte Aufmerksamkeit gilt dem Anstieg von Brustkrebsfällen bei jungen Frauen unter 40 Jahren. Zwar machen sie nur etwa 5–7 Prozent der Diagnosen aus – das entspricht rund 350 bis 700 Fällen pro Jahr –, doch die Tendenz ist leicht steigend. „Wenn Brustkrebs in jungen Jahren auftritt, ist er oft aggressiver“, warnt DDr. Graf. „Die Diagnose in jungen Jahren trifft Frauen völlig unerwartet in einer Lebensphase, die von Familienplanung, Karriereaufbau und sozialer Aktivität geprägt ist. Die psychischen und sozialen Folgen sind entsprechend gravierend – von Ängsten über Unfruchtbarkeit bis hin zu beruflichen Einschnitten“, erläutert Krebshilfe Psychologin Gertraud Wagner-Mairinger.
Es ist wichtig, sich über diese Entwicklungen des Krankheitsbildes im Klaren zu sein, um präventive Maßnahmen zu fördern und die Öffentlichkeit gezielt über Risikofaktoren aufzuklären. Der Heilungserfolg hängt stark von individuellen Faktoren, der Art der Krebserkrankung und vor allem seinem Stadium ab. Eine frühe Diagnose und verbesserte Behandlungsmöglichkeiten führen zu guten Heilungs- und Überlebenschancen. Dennoch gelten bestimmte Krebsarten wie fortgeschrittener Leberkrebs, Bauchspeicheldrüsenkrebs und metastasierter Brustkrebs als besonders schwer behandelbar und haben oft schlechtere Heilungschancen.
Früher erkennen, besser behandeln
Die Österreichische Krebshilfe gilt seit 1958 als wichtige Anlaufstelle für Vorsorge und Früherkennung, Therapie und Nachsorge von Krebs, begleitet Erkrankte und Angehörige durch die schwere Zeit, gibt Aus- und Weiterbildungen, kümmert sich um die Enttabuisierung der Erkrankung und vergibt Förderungen in der Krebsforschung. „Niemand sollte mit einer Krebsdiagnose allein bleiben müssen. Wir nehmen uns Zeit und besprechen Sorgen, Nöte und Ängste. Dabei ist es für uns unbedeutend, ob Menschen als Patienten, als Angehörige oder zusammen als Familie zu uns kommen“, sagt Krebshilfe Geschäftsführer Mag. Stephan Spiegel.
Gesunder Lebensstil senkt Risiko
Obwohl es keine Garantie für die Vermeidung von Krebs gibt, kann ein gesunder Lebensstil das Risiko erheblich senken. Dazu gehört das Vermeiden von Tabak und übermäßigem Alkohol, eine ausgewogene Ernährung, regelmäßige Bewegung und der Schutz vor übermäßiger Sonnenstrahlung. Impfungen gegen Hepatitis B und HPV bieten zusätzlichen Schutz.
Indem man diese Maßnahmen befolgt, kann man aktiv zur eigenen Gesundheit beitragen und das Risiko für Krebserkrankungen reduzieren.
Mythen rund um das Thema Krebs
Es ist wichtig, folgende Mythen über Krebs kritisch zu hinterfragen und stattdessen auf wissenschaftlich fundierte Informationen zurückzugreifen.
1. Mythos: Bestimmte Lebensmittel verursachen Krebs
Die Dosis macht das Gift, und der gelegentliche Verzehr von bestimmten Lebensmitteln führt nicht automatisch zu einem erhöhten Krebsrisiko.
2. Mythos: Zucker „füttert“ Krebs
Es gibt keine Beweise dafür, dass Zucker das Wachstum von Krebszellen direkt fördert, jedoch führt übermäßiger Zuckerkonsum zu Übergewicht, was in Verbindung steht mit einem erhöhten Krebsrisiko.
3. Mythos: Kunststoffe und Chemikalien in Lebensmitteln sind krebserregend
Während einige Chemikalien tatsächlich potenziell krebserregend sein können, sind andere harmlos – hier ist eine klare Differenzierung nötig.
4. Mythos: Krebserkrankungen sind immer genetisch bedingt
Viele Krebsarten werden durch Umweltfaktoren und Lebensstil beeinflusst, nicht nur durch genetische Faktoren.
5. Mythos: Wenn man keine Symptome hat, hat man keinen Krebs
Viele Krebsarten sind asymptomatisch im Frühstadium, weshalb regelmäßige Früherkennungsuntersuchungen wichtig sind.
6. Mythos: Alternative Heilmethoden können Krebs heilen
Unbewiesene alternative Heilmethoden sollten nicht anstelle evidenzbasierter medizinischer Behandlungen in Betracht gezogen werden.
7. Mythos: Impfungen erhöhen das Krebsrisiko
Umfangreiche Studien haben gezeigt, dass Impfungen sicher sind und nicht zu Krebs führen. Impfungen wie die HPV-Impfung senken tatsächlich das Erkrankungsrisiko bestimmter Krebsarten sehr stark.
8. Mythos: Stress und psychische Belastungen können Krebs auslösen
Auch wenn chronischer Stress das allgemeine Wohlbefinden beeinträchtigt, gibt es keinen klaren Beweis für einen direkten Zusammenhang mit Krebs.