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„Ich bin noch nicht bereit aufzuhören“

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Seit 12 Jahren ist der gebürtige Oberösterreicher Andreas Ulmer nicht mehr aus dem Kader des FC Red Bull Salzburg wegzudenken. Für unser Interview besucht er uns auf der Baustelle des Zentrums für Visionen und spricht über seinen Beruf, den Stellenwert der Familie und darüber, was für ihn Glück bedeutet.

Wenn du ein Ranking deines derzeitigen Lebens machen müsstest: Was steht bei dir an erster Stelle?
Ganz oben steht natürlich die Familie, das ist immer schon so gewesen. Und jetzt, mit einem kleinen Buben zuhause, schaltet man noch schneller ab und lässt alles, was mit Fußball zu tun hat, hinter sich. Aber an zweiter Stelle kommt dann natürlich gleich Fußball! Fußball ist mein Beruf, für den ich mir auch die Zeit nehme. Aber auch eine berufliche Entscheidung über einen Vereins- oder Ortswechsel würde ich immer nur in Absprache mit der Familie treffen.

Welche Kompromisse bist du zugunsten des Fußballs eingegangen?
Die größten Kompromisse geht man schon ein, wenn man noch sehr jung ist. Plötzlich ist die Zeit für Freunde knapp; am Wochenende finden die Wettkämpfe statt, wenn alle anderen „frei“ haben. Freundschaften aus frühen Jahren gehen im Laufe der Zeit auseinander, weil man einfach einen anderen Rhythmus hat.

Hauptarbeitszeit ist bis heute an den Wochenenden, während eben andere, die nicht mehr viel mit Fußball zu tun haben, ihre Freizeit genießen. Und natürlich ist man viel unterwegs, gerade jetzt im Herbst sind wir, da wir international spielen, viel auf Reisen! Egal ob zuhause oder auswärts, du bist nie durch Skandale, Frauengeschichten etc. aufgefallen, wie es bei Fußballern ja oft der Fall ist. Natürlich geht man mal gern fort. Mit dem Team zu feiern, wenn man ein Spiel gewonnen hat oder etwas erreicht hat, gehört dazu. Aber ich muss nicht jedes Wochenende unterwegs sein, hab ich nie getan. Früher vielleicht, als ich noch jünger war, ab und zu. Aber mittlerweile mach ich das gar nicht mehr. Und als Familienvater noch weniger.

Wie lange bist du mit deiner Frau Sarah bereits zusammen?
Schon sehr lange! Wir haben uns 2007 kennengelernt, als ich in Wien war.

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Über gemeinsame Bekannte, beim Fortgehen in Oberösterreich, woher wir ja beide ursprünglich stammen.

Euer Sohn Jonathan ist gerade zwei Jahre alt geworden – sind schon Geschwister in Planung?
Ja, das wäre schön, aber noch gibt es dahingehend nichts zu verkünden. Sarah hat mehrere Geschwister und auch ich habe einen jüngeren Bruder – insofern haben wir auch nicht vor, dass Jonathan alleine bleibt!

Wie hat sich dein Leben geändert, seit du Papa geworden bist?
Es richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf den Kleinen. Sobald ich heimkomme, habe ich kaum mehr Gedanken daran, was davor beim Training oder Spiel war. Man hat gar keine Zeit, an etwas anderes zu denken. Mein Fokus ist extrem auf ihn gerichtet und das tut richtig gut.

Wie schaut das Familienleben bei euch aus? Welche Rollen übernimmst du im Haushalt/Alltag?
Wir teilen uns das alles auf. Ich mache, was ich machen kann oder helfe zumindest mit. Windelwechseln, baden, füttern – das mache ich alles gern und muss nicht dazu gezwungen werden. Ich bin ja nicht nur zum Spielen da! (lacht)

Wünschst du dir, dass dein Sohn einmal in deine Fußstapfen tritt?
Für mich ist wichtig, dass es ihm gut geht, dass er sich gut entwickelt. Natürlich wär’s schön, wenn er sich auch sportlich entwickelt und gern in der Natur ist, aber nicht unbedingt leistungsmäßig und professionell. Eine gute Schulausbildung ist mir wichtig für ihn, aber er wird sicherlich nie zu irgendetwas gedrängt, das er nicht selbst will.

Du stammst ja auch aus einer Fußballer-Familie. Inwieweit war dein Weg vorgezeichnet?
Ich hab die aktive Zeit, als mein Vater und mein Onkel gespielt haben, nicht mehr bewusst mitbekommen, weiß aber viel aus Erzählungen. Mein Papa hat natürlich – sogar in der Wohnung – oft mit mir Fußball gespielt. Ich hab einfach selber immer schon gern Fußball gespielt. Dass ich ins Fußballtraining gegangen bin, ist rein von mir ausgegangen, ich wollte damals zum Verein und habe jede freie Minute am Fußballplatz verbracht.

Jetzt spielst du schon seit 12 Jahren bei Red Bull Salzburg…
Ja, seit Jänner 2009, schon seit 12 ½ Jahren!

Es ist doch eher selten, dass jemand so lange für denselben Verein spielt?
Ja, das gibt es nur noch ab und an. Fußball ist ein schnelllebiges Geschäft, in dem es viele Veränderungen gibt. Aber wir fühlen uns in Salzburg richtig wohl. Auch sportlich hat es für mich immer gepasst.

War der Weg ins Ausland nie interessant für dich?
Für mich war immer klar, wenn ich ins Ausland gehe, dann muss alles passen, das gesamte Paket. Das beinhaltet nicht nur das Sportliche, sondern auch das Rundherum. Das war letztlich nie gegeben. Mir hat Salzburg, der Club und auch Salzburg an sich, immer die besten Möglichkeiten geboten.

Wer war für dich bislang bei Red Bull Salzburg der beste Trainer?
Das ist sehr schwierig, ich habe von jedem Trainer viel mitnehmen können, auch von Trainern, mit denen ich persönlich weniger gut zusammengekommen bin. Gerade dann war es für mich aus professioneller Sicht auch immer eine Chance, mich weiterzuentwickeln. Ich finde es sehr wichtig, immer offen für Neues zu sein.

Wie empfindest du den Unterschied zu den jüngeren Kollegen, was ist heute anders als damals, als du angefangen hast? Wie hat sich der Nachwuchs verändert?
Gerade bei uns sind die Jungen heute sehr, sehr professionell und das wirklich schon in einem sehr jungen Alter. Sie müssen echt früh erwachsen sein, weil sehr viel von ihnen verlangt wird. Das war damals bei uns noch eher die Ausnahme, in so jungem Alter. Gerade die letzten Jahre haben wir in Salzburg viele junge Spieler um die 20 und darunter, die alle sehr professionell sind und auch außerhalb des Trainings viel für ihre Arbeit als Fußballer machen. Früher ist man halt gern zum Fußballtraining gegangen und danach war frei. Heute macht jeder noch sehr viel individuell und zusätzlich.

Wie schaffst du es, mit den Jungen mitzuhalten? Wie groß ist die Konkurrenz untereinander?
Es herrscht immer ein gewisser Konkurrenzkampf in einer Mannschaft. Wir haben einen großen Kader und jeder möchte spielen und versucht, immer ein paar Prozent mehr herauszuholen als der andere. Das find ich gut, es motiviert mich, auch in meinem „hohen“ Alter noch zu zeigen, dass ich gut mithalten kann.

Woraus schöpfst du Energie?
Energie zu tanken ist heute viel einfacher, weil ich sie aus der Zeit mit der Familie schöpfe, die mich runterholt aus dem Fußball-Zirkus. Auch die Zeit mit Freunden ist wichtig – manchmal ist es angenehm, wenn man über etwas anderes als über Fußball reden kann.

Was machst du sonst gern in deiner Freizeit? Sag jetzt nicht, Fußball spielen…
Nein, Fußball ist mein Beruf und den mach ich auch sehr, sehr gern. Aber in der Freizeit will ich dann nicht jedes Wochenende ein Fußballspiel anschauen! Da genieße ich lieber die Zeit mit Freunden und Familie und ich mag es sehr, etwas gemeinsam zu unternehmen.

Was sind deine Hobbys?
In meiner Freizeit mache ich relativ wenig sportliche Aktivitäten, da schone ich meinen Körper. Ich genieße gern die Natur, gerade bei uns im Salzburger Land. Oberösterreich ist auch schön – Salzburg bietet halt eine Spur mehr und es ist alles ein wenig näher gelegen. Man ist schnell an einem See und in den Bergen, aber auch gleich in der Stadt.

Profi-Fußballer zu sein hat einen gewissen Promi-Faktor. Welchen Stellenwert hat oder hatte das in deinem Leben?
Einen sehr geringen. Ich bin da sehr geerdet und ich glaube, dass in Österreich generell Fußball nicht so extrem gehypt wird wie in anderen Ländern, wie z. B. in Italien oder Spanien. Hier kann man sich komplett frei bewegen und hat seine Privatsphäre.

In Zeiten des Erfolgs – wie erkennt man echte Freunde?
Die wirklich engen Freunde bleiben einfach über einen längeren Zeitraum über die Jahre hinweg bestehen, die sind dann auch nicht böse, wenn man sich in gewissen Zeiten weniger oder gar nicht hört und sieht. Echte Freunde zeigen Verständnis.

Was ist heute dein Lebenstraum?
Ganz einfach: Dass wir als Familie gesund sind und bleiben. Das ist für mich das Wichtigste und das wünsch ich mir für mein Umfeld – dafür bin ich auch sehr dankbar. Und natürlich bin ich dankbar für die Unterstützung, die ich von meiner Familie bekomme. Fußball, wie ich ihn praktiziere, ist nicht immer einfach mitzutragen – dieses Leben muss man auch mögen.

Was fehlt dir noch zum Glück? Was wünschst du dir?
Im Moment bin ich sehr zufrieden, ich wünsch mir, dass alles, wie es ist, noch lang, lang andauert!

Dein Vertrag bei Red Bull läuft bis Sommer 2022. Wie geht es dann weiter?
Dann spiel ich weiter Fußball. Auf jeden Fall noch ein paar Jahre. Ich bin noch nicht bereit aufzuhören. Im Gegenteil, ich bin mehr als bereit, weiterzumachen.

Zur Person

Geboren am 30. Oktober 1985 in Linz, ist für Andreas UImer bald klar, dass Fußball seine große Leidenschaft ist. Nach seinen Anfängen beim SK Asten und der LASK-Jugend wechselt er mit 14 Jahren an die Frank-Stronach-Akademie in Hollabrunn. Weitere Stationen sind die Austria Wien und der SV Ried, bevor Ulmer im Jänner 2009 zum FC Red Bull Salzburg wechselt. Ebenfalls 2009 bestreitet er sein erstes Spiel in der Österreichischen Nationalmannschaft. Bis heute ist er dem FC Red Bull treu und absolviert im August 2021 sein sage und schreibe 500. Pflichtspiel für den FC Red Bull Salzburg. Andreas Ulmer lebt mit seiner Frau Sarah und Sohn Jonathan in Salzburg.