Chalon

Hart Backbord


Ferialpraktikant am Ruder oder: mit dem Hausboot durch das Herzen Frankreichs.

Es ist das pure Abenteuer für die urbane Landratte: Ohne Skipper und Matrose das eigene Boot durch die Kanäle Frankreichs manövrieren, Kapitän Blaubart spielen und die Seeleute von Back- nach Steuerbord jagen. Ja, Kapitän auf Zeit, das ist Adrenalin pur. Zumindest hatten wir es uns so vorgestellt und zu einem gewissen Teil war es das auch – allem voran aber war das gemächliche Plätschern über die sanften Wellen von Saône und Seille gemütlich. Doch der Reihe nach!

Eine kleine Wohnung

Es gibt zahlreiche Anbieter von Hausbooten in Frankreich und zahlreiche Möglichkeiten, dieses Land auf dem Wasser zu erkunden. Wer das Internet durchforstet, findet eine Vielzahl von kleinen und großen Veranstaltern. Wir haben uns für eine Tour über die Saône und die Seille entschieden. Wir hielten es für eine schlaue Idee, auf der einen Seite einen großen Fluss, die Saône, mit seinen Städten und Sehenswürdigkeiten zu befahren und andererseits einen kleinen Seitenarm, die Seille, mit romantischen Dörfern und viel Natur. Außerdem passte die Route gut in unseren 10-tägigen Reiseplan. Als Anbieter haben wir „Le Boat“ gewählt, einer der größten der Region. Er hatte mit der „Countess“ genau das richtige Gefährt für zwei Erwachsene und ein Kind im Angebot. Zwei Kajüten, jeweils eine an Bug und Heck, zwei Bäder und ein großzügiger „Wohnbereich“ mit Tisch, Küche und Steuerrad. Worauf man unbedingt achten sollte: Das Boot sollte sich auch an Deck steuern lassen – ansonsten verpasst der Kapitän die besten Eindrücke der Reise. Ein weiteres Argument, das für die „Countess“ sprach, war die schnittige Form – rein optisch darf man sich von den Hausbooten nämlich nicht den Inbegriff von Sportlichkeit erwarten. Das Design folgt hier augenscheinlich der Funktion.

Karussell zu Wasser

Unser Heimathafen lag in der Stadt St. Jean de Losne mitten im malerischen Burgund. An der Le Boat-Station übernahmen wir nach einer schier endlosen Wartezeit endlich unser Boot. Die Einschulung war bescheiden und bestand aus einer kurzen Tour, die der Instruktor mit uns durch den Hafen drehte. Fürs Gröbste aber hat es gereicht und wir starteten gleich am nächsten Tag früh morgens auf die Saône. Unser Ziel: Seurre, eine kleine Stadt mit wenigen Einkaufsmöglichkeiten und verwinkelten kleinen Gassen, die von uns entdeckt werden wollten. Unsere Herausforderung: Zwischen uns und Seurre lag unsere erste Schleuse. Nicht klein und herzig, wie man es aus dem Katalog kennt, sondern wie ein unüberwindbares Tor aus Stahl und Beton lag die Schleuse vor uns und versperrte uns den Zutritt. Es hieß warten … – und dieses Warten wurde zu einer echten Herausforderung. Die Strömung des Flusses ließ unser Boot Karussell fahren. Hilflos schaukelten wir zwischen den Wellen hin und her, und zum ersten Mal kam mir der Gedanke, dass die Einschulung eine Spur mehr Tiefe hätte vertragen können. Gott sei Dank, dass wir ein sehr ausführliches Handbuch in unserem Handschuhfach hatten. Die Menschen am Ufer aber bestaunten die scheinbar wahllosen Aktionen, die ich setzte, um das Boot auf Linie zu halten, mit einem gewissen Amusement. Die Schleuse selbst meisterten wir dafür wie die Profis. Seile um die Poller, einer vorne, einer hinten und mit dem Steigen oder Sinken des Wasserpegels langsam kommen lassen – nichts leichter als das! Schiff ahoi, Seurre wir kommen! 

Alleine in der Wildnis

Ein Führerschein ist fürs Hausbootfahren nicht erforderlich. Mit dem gemächlichen Tempo können die Urlaubs-Kapitäne und -Matrosen aber auch relativ wenig anrichten

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. Man muss aber ein Gespür bekommen für die zehn Meter oder noch längeren Vehikel. Sie reagieren träge und sie brauchen einfach ihren Platz. Das Ansprechverhalten hat mit dem Autofahren nichts gemein. Spätestens bei Schleusen oder beim Einparken in Häfen wird man sich dessen bewusst. Aber: Den Dreh hat man schnell heraus. Die ersten zwei, drei Versuche wirken vielleicht armselig, aber es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Seurre war für uns der perfekte Ort zum Üben. Der Hafen liegt hinter einer kleinen Insel, es gibt kaum Strömung und nur wenige Zuseher. Mit gestärktem Selbstwertgefühl ging es also weiter flussabwärts Richtung Verdun sur le Doubs, wo wir die Saône verließen und einen kleinen Nebenfluss befuhren, den Doubs. Der Fluss ist im Vergleich zur Saône ein Stück unberührte Natur mit wilden Ufern und ohne jeden Touristen. Das liegt wahrscheinlich daran, dass es eine Sackgasse ist. Wir beschlossen, hier anzulegen und die Nacht zu verbringen. Das wilde Campen ist in Frankreich erlaubt, wenn es nicht anders gekennzeichnet ist, und besitzt einen ganz eigenen Charme. Das Risiko, am Ufer auf Grund zu laufen, ist aber natürlich gegeben. Wir hatten Glück. Dieses Mal und noch zwei weitere Male auf unserer Reise. Nach einer abenteuerlichen Nacht ging es zurück auf die Saône bis zum Ort Gergy, der zwar Natur, aber dafür sonst nicht viel zu bieten hatte. Ganz anders als Chalon sur Saône, ein kleines Stückchen flussabwärts.    

Reges Treiben

Chalon sur Saône ist eine für die Gegend gewaltige Stadt und dementsprechend viel hat sie zu offerieren. Allen voran der Place Vincent mit seinen Fachwerkhäusern und der beeindruckenden Kathedrale St. Vincent. In Chalon lässt es sich flanieren, einkaufen und in einem der entzückenden Cafes das Leben genießen. Und es lassen sich wieder neue Vorräte für die weitere Reise punkern. Chalon ist einer der Gründe gewesen, weshalb wir auch auf einem großen Fluss unterwegs sein wollten. Wir blieben also gleich zwei Nächte und wollten die verlorene Zeit am nächsten Tag wieder einholen. Weiter ging es geradewegs nach Gigny, einer kleinen Stadt, die fast ausgestorben auf uns wirkte. Umso romantischer aber war der Anlegeplatz in einer alten, stillgelegten Schleuse. Er wurde von einem Schweizer geführt, der auch selbst Hausboote vermietete und wieder Gespräche in der eigenen Landessprache möglich machte. Und er hat für uns das Boot eingeparkt – wahrscheinlich hat er schon viele unangenehme Situationen mit Freizeit-Wasserratten wie uns machen müssen. Von Gigny aus ging es wieder in einen Nebenarm der Saône, die Seille, ein wildromantisches Flüsschen, das vor allem mit einem punktet: Natur. Gleich zu Beginn des Flusses finden sich beispielsweise ein Moor und ein paar natürliche Sanddünen, die man auf einem kleinen Rundweg erkunden kann – ein schönes und idyllisches Fleckchen Frankreich.

Pure Harmonie

Auch die Seille ist wie vorher der Doubs eine Sackgasse. Der Abschneider dorthin macht sich aber dennoch mehr als bezahlt, er war schlicht und einfach der Höhepunkt unserer Hausbootreise. Wenn morgens der Nebel auf dem Wasser liegt, Reiher und Schwäne neben dem Boot in dem stillen Wasser nach Fischen Ausschau halten und auf den sanften, grünen Hügeln entlang der Ufer vereinzelt alte Herrenhäuser thronen, dann ist das ursprüngliche Frankreich erreicht. Die Seille liegt ruhig wie ein See und die geringe Strömung macht das Manövrieren zu einem Kinderspiel. Die Schleusen entlang der Route sind keine Hochsicherheitstrakte wie auf der Saône, sondern kleine, verspielte Wehre, die noch per Hand geöffnet und geschlossen werden müssen. Für Kinder das absolute Highlight, für Erwachsene eine gern gesehene Abwechslung im Wechselbad von Faulenzen und Weinverkostung. Auch hier gilt: Beim ersten Mal war es noch eine Herausforderung, doch spätestens bei der zweiten Schleuse gehen solche Manöver bereits locker von der Hand. Außerdem gibt es bei vielen dieser kleinen Schleusen freundliche Franzosen, die den Touristen für einen kleinen Obolus gerne zur Hand gehen. Dieser Fluss war pure Harmonie. Er endet bei der Stadt Louhans, die vor allem für ihre von Arkaden gesäumte Hauptstraße bekannt ist. Für die Stadt mit ihren verträumten Cafes und den kleinen Geschäften braucht man zumindest einen Tag, um sie voll ausgekosten zu können.

Im Schnelldurchlauf

Unsere Reise war an diesem Punkt leider bereits fast zu Ende. Nun hieß es nur noch zurück zum Ausgangspunkt in St. Jean de Losne. Unterwegs hielten wir noch in Tournus, einer recht großen Stadt an der Saône, unweit von der Mündung zur Seille. Tournus ist auf jeden Fall einen Besuch wert, und wer Glück hat, ergattert gleich unterhalb der Brücke von Tournus einen Stellplatz – neugierige Blicke von Promenade-Flanierern inklusive. Doch wer es soweit geschafft hat, lässt sich davon auch nicht mehr abschrecken. Ins Zentrum der Stadt führen schmale, verwinkelte Gassen mit pittoresken, alten Häusern. Eine letzte Stärkung für die Heimreise nahmen wir direkt am Ufer und beobachteten ein letztes Mal das rege Treiben vor der malerischen Idylle der Saône. Der Rückweg gegen die starke Strömung des Flusses verlangte unserer Countess noch einmal alles ab, das Monster von Schleuse aber konnte uns nach zehn Tagen als Admiral zur See keine Schweißperlen mehr auf die Stirn zaubern und auch die Zuschauer entlang der Schleusenmauern hatten zumindest bei unserem Auftritt nichts zu schmunzeln.

Andreas Feichtenberger    


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