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Der gefährlichste Ort ist das eigene Zuhause

Ein Kommentar von Birgit Thaler-Haag, Geschäftsführung Frauenhaus Salzburg

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Foto: Birgit Thaler-Haag

Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: Häusliche Gewalt ist auch in Salzburg kein Randproblem, sondern für viele erschreckender Alltag. Über 500 von der Polizei ausgesprochene Betretungsverbote im letzten Jahr zeigen, in wie vielen Familien Gewalt vorkommt. Und wenn die Opfer oder vielleicht aufmerksame Nachbarn die Polizei holen, geht dem meist eine Vielzahl von gewalttätigen Vorfällen voraus.
Obwohl es in Österreich gute Gesetze gegen Gewalt gibt, wurden im Jahr 2018 insgesamt 36 Frauen von ihren Partnern oder Expartnern ermordet, das sind 3 Frauen pro Monat. Diese Zahl hat sich in den letzten 5 Jahren verdoppelt – Österreich nimmt damit in Europa einen unrühmlichen Spitzenplatz ein.
Aber diese Morde sind nur die Spitze des Eisbergs: Denn in Österreich erlebt jede fünfte Frau über 15 Jahre körperliche und/oder sexuelle Gewalt durch ihren Partner. Und sogar 38 % der Frauen geben an, psychische Gewalt durch ihren eigenen oder einen früheren Partner erlebt zu haben. Diese Zahlen sind in Österreich nicht neu, häusliche Gewalt hat es immer schon gegeben und es ist kein importiertes Problem, wie in letzter Zeit vielfach zu hören war. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Gewalt an Frauen in Beziehungen und in Familien unabhängig von Herkunft, ökonomischem Status, Bildung, Kultur, Religion und Hautfarbe vorkommt. Sehr alarmierend ist auch, dass Studien nachgewiesen haben, dass in 70 % der Fälle, in denen Frauen Gewalt durch ihre Partner erleiden, auch die Kinder misshandelt werden. Auch wenn die Kinder nicht geschlagen werden, wird ihnen durch das Miterleben von Misshandlungen und Drohungen gegenüber ihren Müttern psychische Gewalt angetan. Und wir wissen auch, dass das Aufwachsen in einem durch Gewalt geprägten Elternhaus dazu führt, dass diese als normal erachtet wird, also zu einem erlernten Muster wird.
Leider kommen betroffene Frauen oft erst nach einem jahrelangen Martyrium ins Frauenhaus, viele erzählen aus Scham nicht einmal ihrem nahen Umfeld davon, dass sie misshandelt werden. Frauen schildern uns, dass die Gewaltübergriffe mit der Zeit an Schwere zunahmen und die Abstände zwischen den Taten immer kürzer wurden. Trotzdem hofften die Frauen lange, dass der Partner mit seinem gewalttätigen Verhalten aufhört und wieder so wird, wie er am Anfang der Beziehung war. Doch diese Männer sind Wiederholungstäter, die erst dann zu stoppen sind, wenn sie Konsequenzen und Sanktionen erfahren, wie Betretungsverbote, Einstweilige Verfügungen oder Verurteilungen nach Strafverfahren. Oder aber die Frauen beenden von sich aus die Gewaltspirale und suchen Schutz in einem Frauenhaus.
Das Ausmaß der häuslichen Gewalt zwingt uns, noch mehr Anstrengungen zu unternehmen, um Betroffene zu schützen. Die enge Zusammenarbeit zwischen den Opferschutzeinrichtungen, der Polizei, der Justiz, dem Gesundheitsbereich und den Männerberatungsstellen ist dabei zwingend notwendig. Auch muss die Gewaltprävention einen höheren Stellenwert erhalten und die Angebote dafür müssen ausgebaut werden. Aber auch die Frauenhäuser als einzige geschützte Unterkunft für gewaltbetroffene Frauen und Kinder müssen ausreichend finanziert werden, damit sie nicht jedes Jahr wieder Beratungsstunden streichen und notwendige Nachtdienste aus Spendengeldern bezahlen müssen.

Kontakt:
Frauenhaus Salzburg: 0662 / 458 458; Frauenhaus Hallein: 06245 / 80 261; Frauenhaus Pinzgau: 0664 / 500 68 68

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