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Wut ohne Grenzen

Das Internet entgrenzt und enthemmt. Woher kommt dieser Hass im Netz und was kann man dagegen tun?
Ein Artikel von Maria Riedler

Schlampe! Hure!! Fotze!!!“ Sagt man nicht? Doch. Sagt man. Wenn das viele gleichzeitig tun, dann nennen wir das auch „Shitstorm“. Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, müssen sich Fragen gefallen lassen und Kritik aushalten. Das war schon immer so. Das gehört in einer demokratischen Gesellschaft dazu. Es ist aber ein Phänomen, dass viele Menschen Äußerungen im Internet treffen, die sie face to face, also etwa bei einer Betriebs- oder Schulversammlung, bei einer Gerichtsverhandlung oder auch im Gasthaus, nie wagen würden.
Ein Blick auf die Kommentare in Facebook ist manchmal ein Blick in Abgründe: Hohn und Spott, Beleidigungen und Hetze, Menschenverachtung oder Zynismus – in
sozialen Netzwerken wird bei bestimmten Themen ge-pöbelt und gedroht. Woher kommt der Hass und wo bleibt der Anstand? Entwickelt sich das Internet zum
asozialen Medium?

Foto: Gebi - fotolia.com

Foto: Gebi – fotolia.com

Erniedrigung und Mobbing
Erniedrigende Kommentare, peinliche Nacktfotos oder üble Beleidigungen verbreiten sich rasant und können quasi jederzeit und überall gespeichert, verändert und weitergeleitet werden. In keinem anderen EU-Land werden so viele Schüler gemobbt wie in Österreich, das zeigt der letzte OECD-Bericht auf. Allein in Salzburg wurden in den Kinderschutz-Einrichtungen im Vorjahr fast 600 Mobbing-Fälle gemeldet. Jemanden online fertigzumachen – der Druck solcher Attacken hat gerade unter Jugendlichen bereits zu Selbstmorden geführt.
„Das Bewusstsein zum Thema Cybermobbing ist zwar gestiegen, der Umgang damit aber leider immer noch nicht gut“, so Barbara Buchegger, pädagogische Leiterin des EU-geförderten Projekts Saferinternet.at.
Botschaften, die wüste Beschimpfungen, Lügen oder heimlich geschossene Fotos beinhalten – warum mobbben bereits Kinder und Jugendliche? „Das ist eine Art Machtausübung auf andere. Oft wissen sie nicht, wie sie mit ihren eigenen Konflikten umgehen sollen und diese austragen können“, erklärt Buchegger.

Hass aus den Köpfen
„Im Netz wird schnell einmal etwas geschrieben, ohne nachzudenken, was damit ausgelöst wird“, sagt die Psychologin Barbara Frauendorff. Das betrifft nicht nur Schüler, sondern auch Erwachsene. Die Anzahl rassistischer Hetzbotschaften und Hasspostings im Internet hat sich im Gegenteil fast verdoppelt, das berichtet der Verein ZARA – Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit im Rassismus Report 2015. Erfahrungen mit heftigen Postings haben auch die Online-Redakteure der Salzburger Nachrichten gemacht. Gäbe es besonders böse Kommentare, so werden diese natürlich gelöscht oder ein User gesperrt. „Selbst vor Gericht mussten unsere Redakteure schon aussagen“, so der Ressortleiter Thomas Hofbauer. „Wir haben hier ein eigenes Tool zur Kommentarkontrolle, denn manchmal sind dies mehrere hundert pro Stunde.“ Bei Unfällen oder kritischen Meldungen sperre man generell die Kommentarfunktion.
Und der nur zu plausible Grund dafür, dass Menschen sich im Internet in aller ihnen zu Gebote stehenden Niedertracht zeigen, lautet immer wieder: Es ist die Anonymität bzw. die virtuelle Identität.
Doch der Hass kommt nicht aus dem Netz, sondern aus den Köpfen, das belegen viele Forscher auch mit Studien. Ursachen sind meist ein mangelndes Selbstwertgefühl und die Angst, dass andere einem etwas wegnehmen. Diese „Anderen“ abzuwerten hilft, die „eigene Gruppe“ aufzuwerten. Besonders stark richtet sich der Hass gegen Menschen, von denen andere annehmen, dass sie zu Unrecht aufsteigen. Im Netz wird dieser Hass sichtbar.

„Don´t feed the troll“
hass_im_internet_cover_150Gestreut werden im Internet auch bewusst Falschmeldungen – von sogenannten „Trollen“, die sich am Leid anderer ergötzen und sich intellektuell überlegen fühlen, wenn sie Menschen in Rage oder zur Verzweiflung bringen. Sie werfen Köder wie verletzende Wortmeldungen aus und hoffen, dass angebissen wird, als Beweis, dass er klüger als seine Beute sei, so die Medienredakteurin des Nachrichtenmagazins Profil und Autorin von „Hass im Netz“. Anders als der Troll agiere der Glaubenskrieger nicht aus Jux und Trollerei. Diese beanspruchen die „Wahrheit“ für sich, meint Brodnig, und müssen diese weiterverbreiten. Sie denken, sie seien besser informiert als andere und glauben, dass sie eine wichtige Information verstanden haben, die der Großteil der Bevölkerung noch nicht so recht einsehen will. Zumeist geht es dabei um Komplotte von Eliten. Während „Trolle“ provozieren, ist ihr Ziel Panikmache.
Wer über eine verbale Attacke lacht, zeigt, dass er oder sie sich nicht unterkriegen lässt. Auch kann Humor offenlegen, wie absurd manch ein Vorwurf ist. Einer amerikanischen TV-Moderatorin schrieb ein User einmal: „Du bist das hässlichste Wettermädchen, das ich je gesehen habe.“ Sie antwortete sinngemäß: „Bitte keine Ungenauigkeiten. Es müsste heißen: ‚Du bist die hässlichste Meteorologin, die ich je gesehen habe.‘“ Auf den kecken Kommentar erntete sie Applaus – und der Übeltäter Buhrufe.

Rechtliche Grenzen
Offensichtlich ist es vielen nicht bewusst: Das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Was sonst als Beleidigung oder Verleumdung strafbar ist, ist als Social Media-Inhalt ebenso strafbar.
Heuer wurde Cybermobbing als Straftatbestand eingeführt. Wer eine Person online längere Zeit erniedrigt und „in ihrer Lebensführung unzumutbar“ einschränkt, kann sich strafbar machen. Wer im Internet zu Gewalt oder Hass gegen Personen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit, Weltanschauung bzw. sexueller Orientierung oder Hautfarbe aufstachelt, macht sich wegen Verhetzung strafbar.
Erfasst ist auch das herabsetzende oder verächtlich machende Beschimpfen von religiösen oder ethnischen Gruppen. Auch wer gerichtlich festgestellte Völkermorde oder Kriegsverbrechen öffentlich leugnet oder verharmlost, macht sich der Verhetzung strafbar.

Welche Strafen drohen?

Wird der Straftatbestand der Verhetzung erfüllt, droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren (Empfängerkreis ab 30 Personen) bzw. bis zu drei Jahren (Empfängerkreis ab 150 Personen).
Was jeder selbst tun kann, sind aber Aufforderungsschreiben und Löschungsanträge an Websitebetreiber, Hasspostings zu entfernen. Nach der Sicherung der Beweise sollte das einer der ersten Schritte sein – damit das Posting möglichst schnell gelöscht wird, agiert man am besten über Telefon oder E-Mail. Eine schnelle erste Reaktion besteht selbstverständlich auch darin, den Belästiger zu sperren beziehungsweise zu blockieren. In den meisten sozialen Netzwerken geht dies auf einfache Weise.
14-Jährige sind bereits strafmündig: Wer eine Person im Internet in ihrer Ehre verletzt, muss mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr rechnen. Begeht das Opfer Selbstmord drohen dem Täter drei Jahre Haft.
Was viele ebenso nicht wissen: Auch wer hetzerische Inhalte im Internet nicht selbst erstellt, sondern absichtlich und befürwortend weiterverbreitet, kann belangt werden. Das betrifft auch schon das Teilen oder „Reposten“ von Beiträgen in Sozialen Netzwerken. Im Einzelfall kann sogar das reine „Liken“ von hetzerischen Postings strafbar sein.

Kommentar
Abrüstung der Worte
Mob ist nicht neu – Menschen haben andere Menschen schon immer an den Pranger gestellt, man denke nur an die Hexenverbrennungen im Mittelalter. In einer Hinsicht hatten es die Hexen aber gut: Damals gab es das Internet noch nicht. Wir reden jetzt mit Hilfe von Facebook, Twitter, Foren und Blogs und wir reden einfach gerne. Wir „liken“ und „haten“, wir mögen uns und unsere Meinung und geben überall den eigenen Senf dazu – ob wir nun davon eine Ahnung haben oder nicht. Eine Harvard-Studie hat ergeben: In sozialen Netzwerken über sich selbst zu reden, macht die gleichen Gehirngegenden glücklich wie essen. Etwa 80 Prozent der Twitterer sprechen nur über sich und ihre Meinung. Wir sind in einer Kultur der Besser-Besserwisser ge-landet, wo man nicht nur weiß, was man tun sollte, sondern auch darüber schreibt, solange nur der virtuelle Freundeskreis zuhört. Im Eifer des nonverbalen und nicht selten anonymen Schlagabtauschs wird allerdings immer wieder vergessen, dass man sich in einem öffentlichen Raum befindet, in dem man zumindest die „Netiquette“ pflegen sollte. Dazu ist es auch wichtig, alle rechtsstaatlichen Mittel einzusetzen, um die Flut von Hetze und Hass im Internet einzudämmen. Denn immer häufiger zeigt sich, dass den hasserfüllten Aufrufen im Netz auch Taten verirrter junger Menschen folgen können.

Expertentipps
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Foto: LPD Salzburg – Michael Korber

Wenn Sie vermuten, dass ein Posting im Internet den Straftatbestand der Verhetzung erfüllt, können Sie dies bei der nächsten Polizeidienststelle melden und zur Anzeige bringen. Sichern Sie vorher Beweise (z.B. Screenshots oder Ausdrucke), welche die Verhetzung belegen. Da es sich bei Verhetzung nach § 283 um ein Offizialdelikt handelt, verfolgt die Staatsanwaltschaft den Fall selbständig („von Amts wegen“) weiter.
Michael Rausch, Sprecher Polizei Salzburg

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Foto: Barbara Buchegger

Wenn Jugendliche sich an ihre Eltern wenden, dann ist zumeist schon sehr viel im Vorfeld passiert. Ist man im beruflichen oder schulischen Kontext Opfer von Hetze, dann sollte man rasch Arbeitgeber beziehungsweise Schule informieren. Arbeitgeber und Schulen haben Fürsorgepflichten und können und müssen Betroffenen helfen. Sich den Eltern anzuvertrauen, mit den Lehrern zu sprechen, sich an die Beratungslehrer zu wenden, das sind Möglichkeiten, die ein Betroffener hat. Es ist dringend notwendig, dass sich Lehrer mit der Lebenswelt ihrer Schüler auseinandersetzen und digitale Kompetenz erwerben. Jugendliche finden kostenlos und auch anonym Hilfe beim Notruf Rat auf Draht.
Barbara Buchegger, Pädagogische Leiterin von Saferinternet.at

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Foto: Barbara Frauendorff

Cybermobbing ist kein Einzelproblem. Es betrifft die ganze Familie, die Schule und die Gesellschaft. Die Ursachen sind nicht im Internet, sondern im realen Umfeld zu suchen. Doch einem Opfer kann man nicht sagen, dass die Schule nicht zuständig sei. Immer wieder gibt es extreme Fälle mit großen Verzweiflungszuständen. Manche Schulen sind damit überfordert oder wollen die Situation nicht wahrhaben. Oft ist ein Eingriff von Eltern oder Lehrern auch nicht zielführend; hier helfen wir von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Salzburg.
Barbara Frauendorff, Psychologin, Kriminologin und Psychotherapeutin der Kinder- und Jugendanwaltschaft Salzburg (kija)

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