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„Wir sind Pfeifen im Vergleich zu unseren Vätern“

Hans-Joachim Stuck (63) ist einer der erfolgreichsten deutschen Rennfahrer aller Zeiten und eine markante Persönlichkeit. Die Salzburgerin traf Stuck, dessen Spitzname „Strietzel“ weltbekannt geworden ist, beim Eisspeedway-WM-Lauf in der Arena von Inzell. Wir sprachen mit ihm über Themen, die ihn als Rennfahrer bewegt haben und über die Tragik um Michael Schumacher.

Hans-Joachim, in welcher Mission bist du hier in Inzell?

Stuck: Die Mission eins ist, weil es mich interessiert, weil es eine gute Sportart ist, die Mission zwei ist, weil ich Präsident des deutschen Motorsport-Bundes bin. Da werde ich mal nach dem Rechten schauen.

Selbst bist du aber nie so eine Maschine gefahren?

Stuck: Nein, Rennen nur auf vier Rädern. Privat bin ich schon Motorrad gefahren, aber ich glaube, dass ich mich auf vier Rädern wohler und sicherer fühle. Aber ich bewundere jeden Motorrad-Rennfahrer. Was die auf dem Motorrad abliefern, ist wirklich Fahrgeilheit in Perfektion! Jeder Moto-GP-Lauf ist spannender als jedes Formel-1-Rennen, das muss man sagen.

Du bist von 1974 bis 1979 in der Formel 1 gefahren. Wie war das damals, als Rennfahren noch so richtig gefährlich war?

Stuck: Man muss es so sehen: Jede Periode hat so seinen Zeitpunkt gehabt. Der Sicherheitsstandard, den wir in den Siebzigerjahren hatten, war schon auf einem hohen Niveau. Genau so ist es heute. Wer weiß, wie es in zehn Jahren ist … Ein Restrisiko werden wir niemals ausschließen können, Motorsport ist und bleibt gefährlich. Jeder Entwicklung, die uns in der Sicherheit was bringt, müssen wir folgen, aber einen hundertprozentigen Sicherheitsstand werden wir nie erreichen.  Wir haben ja früher mal im Schnitt jedes Jahr einen Kollegen zu Grabe tragen müssen. Das ist vorbei, und das ist auch schön so, der letzte Tote in der Formel 1 war Ayrton Senna.

Hat sich die Formel 1 nicht ein wenig zu weit entfernt vom normalen Autofahren? In deiner Zeit waren etwa tausend und mehr Schaltvorgänge pro Rennen die Norm, die rechte Hand war nachher wund.

Stuck: Das hat sich weiter entwickelt, muss ich sagen. Zum Teil finde ich das toll, früher sind wir wegen der vielen Schaltvorgänge das ganze Rennen mit einer Hand gefahren, das
Risiko des Verschaltens war sehr groß, dadurch sind Motorschäden entstanden. Das ist heute beendet.  Ich bin schon überzeugt, dass wir in der Formel eins auf dem richtigen Weg sind. Aber es darf nicht zu technisch werden. Wenn der Zuschauer überlegen muss, warum macht der jetzt den Flügel auf oder wieso kann der Fahrer überholen, dann ist das nicht gut.

Kurios war, wie Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo nachträglich disqualifiziert worden ist, oder?

Stuck: Ja, wegen angeblich zu viel Spritverbrauchs. Das tut schon weh, da sind wir nicht transparent genug und müssen aufpassen, dass wir den Sport nicht überziehen und zuschauergerechten Motorsport bieten.

Motorsport muss schon Motorsport bleiben, er muss unterhaltsam sein. Die Formel 1 ist die oberste Kategorie, wir müssen den Spagat schaffen zwischen Umwelt, Sicherheit, Spannung, das muss funktionieren, ist aber eine schwierige Aufgabe.

Was war das geilste Auto, das du jemals gefahren hast?

Stuck: Das kann ich sofort beantworten, es war der Porsche 962. Es war toll mit dem Auto zu fahren in den Achtzigerjahren, da waren wir auf vielen Strecken schneller als die Formel 1. 1986 und 1987 habe ich mit diesem Superauto das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewonnen und dann auch die Langstrecken-WM; dieser Weltmeistertitel zählt zu meinen größten Erfolgen.

Du hast ja das Rennfahren im Blut, dein Vater war sehr erfolgreich. Du hast mal in einem Interview gesagt: „Im Vergleich zu unseren Vätern sind wir Pfeifen.“

Stuck: Ja, da stehe ich heute noch dazu. Ich habe ab und zu die Gelegenheit, den Auto-Union-16-Zylinder vom Vater zu bewegen, zum letzten Mal bei einem historischen Rennen in
Monaco. Da bin ich fünf Runden gefahren und konnte mir nicht vorstellen, wie die damals auf dem Nürburgring fünfhundert Kilometer gefahren sind ohne Fahrerwechsel, ohne Physiotherapeuten, ohne Getränke, ohne Sicherheit, ohne Servolenkung, ohne Servobremsen. Ich muss vor Papa den Hut ziehen, denn was diese Männer damals geleistet haben – unglaublich.

Deine Söhne sind ja auch Rennfahrer. Wie sehr zittert man als Vater um das Leben seiner Kinder?

Stuck: Ganz ehrlich, wie der Johannes zum ersten Mal am Start stand, habe ich erstmals meine Eltern verstanden. Aber im Sport wird man auch zur Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit erzogen, aus meiner Sicht hat jeder Sport einen wichtigen Einfluss auf die Erziehung und Entwicklung junger Menschen. Und dass es im normalen Straßenverkehr gefährlicher ist als im Rennsport, das muss man auch einmal ganz deutlich sagen.

Gibt es unter Rennfahrern richtige Freundschaften? Geht man mal mit einem Kollegen ein Bier trinken?

Stuck: Also ich muss sagen, in 43 Jahren habe ich das kaum erlebt, dass man was gemeinsam unternimmt. Das kann ja auch nicht sein, wenn ich dem anderen am nächsten Tag in die Karre fahren muss. Aber es gibt logischerweise eine Handvoll Leute, mit denen man freundschaftlichen Kontakt hat: den Poldi von Bayern etwa, den Dieter Quester, den Thierry Boutsen, mit dem ich Langstrecken-Rennen gefahren bin.

Bist du einmal in einem Rallyeauto gesessen? War diese Form des Rennfahrens kein Reiz?

Stuck: Gesessen schon, ich wollte immer gerne Rallyes fahren, habe aber keinen Beifahrer gefunden. Das war ganz witzig, denn die haben alle gesagt: Mit dem Bekloppten fahren wir nicht. Wer weiß, wofür es gut war.

Hast du Kontakt mit Walter Röhrl, der als bester Rallyefahrer aller Zeiten gilt?

Stuck: Ja, wir sind zusammen in einigen Projekten engagiert, sind beide im Konzern verankert. Wir sind fahrerisch, denke ich, auf dem selben Niveau, aber menschlich ist das wie Feuer und Wasser. Ist auch gut so (lacht).

Hat man den Rennvirus eigentlich ewig im Blut: einmal Rennfahrer, immer Rennfahrer?

Stuck: Frag mal meine Frau, gell! Ich war neulich mit Allan McNish zusammen, er ist für Audi Langstrecken-Rennen gefahren, und er hat jetzt auch aufgehört und mir gesagt, für ihn ist das Thema durch. Für mich nicht, denn wenn ich über Rennsport rede, glänzen die Augen.

Fährst du gerne Oldtimer-Rennen?

Stuck: Classic-Rallyes ja, aber Oldtimer-Rennen sind mir zu gefährlich. Ich bin einmal in meinem Leben ein Rennen gefahren – nie wieder. Wenn man so lange überlebt hat und wenig verletzt war, darf man es nicht herausfordern. Mit diesen alten Autos, die teilweise dreißig bis fünfzig Jahre alt sind, das kommt für mich absolut nicht mehr in Frage. Die Saalbach-Classic im August, ja, das wäre ein Thema.

Hältst du noch Fahrer-Lehrgänge ab?

Stuck: Selbst halte ich keine mehr, bin aber bei Porsche, Audi und Volkswagen bei den entsprechenden Lehrgängen als Chefinstruktor buchbar.

Gibt es einen österreichischen Sportler, den du besonders bewunderst?

Stuck: Einer, vor dem ich vollen Respekt habe, ist Felix Baumgartner. Ich wäre gerne mit ihm da oben gewesen, runter gesprungen wäre ich aber nicht.  Der Felix fährt ja jetzt auch Rennen bei Audi. Ich habe gesehen, dass er Autofahren kann, er ist sehr mutig, und ich wünsche ihm alles Gute. Felix ist schon eine Lichtgestalt, von der man noch lange, lange reden wird.  Natürlich bin ich als Skifahrer auch ein Fan von Eurem Marcel Hirscher.

Wen hältst du für den besten Formel-eins-Fahrer aller Zeiten?

Stuck: Es gibt für mich keinen Besten, weil man die Zeiten nicht vergleichen kann. Für mich sind es zusammengefasst: Jackie Stewart, Niki Lauda, Ayrton Senna, Michael Schumacher.

Stichwort Schumacher: Wie war deine Beziehung zu ihm?

Stuck: Sehr okay. Ich bin sehr traurig, dass ihm so ein Schicksal passiert ist. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht daran denke.

Hans Adrowitzer

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