Winterflucht auf die Vulkaninseln

Dem Winter die kalte Schulter zeigen? Das geht auf den Kanaren ziemlich gut. Manuel Padilla Cubas ist Bergführer und Reiseleiter. Er hat unsere Autorin zum Drei-Insel-Hopping geladen.
 Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Fotos: Kathrin Thomar-Bregar

Meine Großeltern haben in ihrem Leben nur eine einzige Flugreise unternommen, nach Gran Canaria. Autofahren war nicht ihre Sache, schon gar nicht in fremden Gefilden. Sie saßen in der Bettenhochburg Playa del Ingles fest. Als sie wieder kamen, hatten sie wenig zu erzählen. Das wenige war wenig schön. Ich gebe der Insel trotzdem eine Chance. Manuel erwartet mich am Flughafen. Unser Hotel liegt in Santa Brígida, im Westen. Hier gibt es große Süßwasservorräte und der Boden ist extrem fruchtbar.

Santa Brígida gehört zu den exklusivsten Wohngebieten nahe Las Palmas mit vielen prächtigen, alten, herrschaftlichen Villen. Auf dem Weg vom Airport nach Santa Brígida braucht man allerdings Nerven. Der Küstenstreifen ist furchtbar verbaut, dazwischen Müll, Beton und Überreste von ehemaligen Tomatenplantagen. Kanarische Tomaten waren einst der Exportschlager. Bis die EU die Subventionen kürzte. Aber je weiter man sich vom Meer entfernt, desto reizvoller zeigt sich Gran Canaria.

Die Insel ist fast kreisrund. Das geografische Zentrum markiert ein Kreuz aus schwarzen Steinen, das Cruz de Tejeda. Es liegt auf einem 1.580 Meter hohen Gebirgspass, zu dem Manuel und ich am nächsten Tag wandern. Die Natur hat den Tisch reich gedeckt: Ich nasche Feigen, Brombeeren, Pflaumen, Äpfel. Am Pass bin ich überrascht, als Regen horizontal auf uns prasselt. Typisch für die Kanaren, sagt Manuel, vom feuchteren Norden schwappen im Laufe des Tages Wolken über den Kamm und lösen sich in der trockenen Luft des Südens auf. Und tatsächlich, auf der Südseite scheint wieder die Sonne. Hier fahren wir mit dem Auto auf schmalen Bergstraßen, bis mir schwindlig wird. Die Landschaft erinnert an den Grand Canyon, garniert mit kleinen grünen Palmenoasen und weißen Bergdörfern. Karg, aber wunderschön. Bis wir uns wieder der Küste nähern. Manuel weiß ein Fischrestaurant abseits des Trubels. Es gibt Calamari, Sardinen und Schrumpelkartoffeln mit Mojo Sauce, eine kanarische Spezialität. Ich denke an meine Großeltern und wie sehr es ihnen hier geschmeckt hätte.

Klima

Auf den Kanaren kann man ganzjährig Tagestemperaturen zwischen 20° und 30° Celsius erwarten. Im November und Dezember ist es feuchter. Grundsätzlich sind die Nordküsten der Inseln nasser als die Südküsten. Hinkommen: Von München in 5 Stunden, Condor fliegt täglich, ab 79,99 Euro one way, Pauschalangebote bietet der DAV Summit Club, z.B. 8 Tage La Gomera inklusive Flug, Übernachtung mit Halbpension und Reiseleitung ab 1.495 Euro. www.summit-club.de Mehr Infos: www.spain.info

Die einzige Pfeifsprache der Welt
Eine wunderbare Ruhe überkommt mich, sobald ich den Fuß auf La Gomera setze. Mit dem Flugzeug sind wir auf die zweitkleinste Kanareninsel weitergereist. Ich atme tief ein, dieses Aroma nach Meer, Kräutern, Zitronen, Pinien, Lorbeer. Manuel ist gebürtiger Gomero und stolz darauf, dass man dem Bauwahn auf seiner Insel einen Riegel vorgeschoben hat. Auf La Gomera gibt es nur 5 Hotels, kein Rambazamba, dafür eine liebenswürdige Bevölkerung und feinen Palmenhonig. Manuel scheint hier jeden zu kennen, ständig drückt er auf die Hupe, winkt, bleibt stehen, ratscht. Er zeigt mir die schönsten Flecken. Im Valle Gran Rey grabe ich die Zehen in tiefschwarzen, feinsten Sand, laufe übermütig in den schäumenden Atlantik. Ich steige auf den Tafelberg Fortaleza (1.241 m), den die Ureinwohner La Gomeras „Argoday“– „den Mächtigen“ nannten. Ich schaue vom gläsernen Aussichtspunkt Mirador de Abrante vierhundert Meter in die Tiefe und gehe durch üppigen Urwald.

2012 hat ein riesiges Feuer 3.000 Hektar auf La Gomera zerstört, 5.000 Menschen mussten evakuiert werden. 80 Häuser fielen dem Brand zum Opfer. Wie durch ein Wunder blieben vier Kirchen unversehrt. Auf La Gomera gibt es die einzige Pfeifsprache der Welt, die Silbo Gomero. Unter dem Franco-Regime war sie verboten, heute wird sie in den Schulen offiziell gelehrt. Die UNESCO hat sie zum Weltkulturerbe erklärt. Ich könnte ewig auf La Gomera bleiben.

Vom gläsernen Aussichtspunkt Mirador de Abrante schaut man 
vierhundert Meter in die Tiefe. Am Horizont: Der Teide auf Teneriffa.
Vom gläsernen Aussichtspunkt Mirador de Abrante schaut man vierhundert Meter in die Tiefe. Am Horizont: Der Teide auf Teneriffa.
Im Inselinneren von Gran Canaria findet man wunderschöne, 
einsame Berglandschaften.
Im Inselinneren von Gran Canaria findet man wunderschöne, einsame Berglandschaften.

Von null auf 3.718 Meter
Teneriffa ist die größte Insel des Kanaren-Archipels. Mit der Fähre setzt man in 40 Minuten von La Gomera über. Im Norden Teneriffas kann man gut wandern. Im Süden locken Strände und mit etwas Glück sieht man sogar Wale oder, wie wir vom Schiff aus, eine ganze Horde Delphine. Teneriffas Attraktion ist der Teide. Mit 3.718 Metern ist der Vulkan der höchste Berg Spaniens. Vor rund 200 Jahren hat der Teide das letzte Mal Feuer gespuckt. Rund um den Berg erstreckt sich eine bizarre Lavawüste. Felsen sehen aus wie Gnome und wer zur Mittagszeit kommt, trifft auf Besucherströme, die die zum Nationalpark ausgewiesene Bergregion fluten. Eine Gondelfahrt auf den Gipfel muss man vorab buchen. Wir gehen lieber zu Fuß im Tal umher. Es staubt, es ist heiß. Kaum zu glauben, dass hier auch eine dicke Schneedecke liegen könnte.

Manuel liebt den Teide, er sei seine Heimat, sagt er. Zwischen 100 und 120 Mal im Jahr steigt er ganz hinauf. Vor zwei Jahren sogar an Heiligabend, weil er das Schiff nach Gomera verpasst hat. Und ich würde gerne meinen Flieger zurück ins kalte München verpassen und einfach immer weiter wandern.

Die Kanaren sind vor allem ein Wanderparadies und zwar das ganze Jahr über.
Fotos: Petra Rapp

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