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Wie sinnvoll sind Nahrungsergänzungsmittel

Sie sind klein, handlich, schön bunt und versprechen Gesundheit, langes Leben, Fitness und Schönheit. Bei vielen Gesundheitsbewussten stehen sie hoch im Kurs. Aber, was können sie wirklich, die Nahrungsergänzungsmittel?
 Ein Artikel von Maria Riedler

Mikronährstoffe wie Vitamine und Mineralstoffe sind für den Körper lebenswichtig. 60 Prozent der Österreicher konsumieren Nahrungsergänzungsmittel. Sie wählen aus Produkten, die das Immunsystem stärken oder Gelenke und Knochen beweglich und schmerzfrei halten sollen. Laut Verbraucherschutzzentrale investieren die Österreicherinnen und Österreicher rund 100 Millionen Euro in Nahrungsergänzungsmittel. Ähnlich ist der Markt auch in Deutschland – gut die Hälfte der deutschen Bevölkerung zieht immer wieder eine Vitamintablette einer Orange vor. Der Griff zur Brausetablette, zur Vitaminpille oder zum Granulat zählt bei vielen zum täglichen Morgenritual.

Zu häufig verwendet
Doch Nahrungsergänzungsmittel mit ihren isolierten Nährstoffen können gesundheitsschädlich sein, wenn sie überdosiert sind oder öfter als empfohlen eingenommen werden. Sie sollen also unsere „normale“ Ernährung ergänzen, nie jedoch als Ersatz zu Vitaminen, Mineralstoffen oder Spurenelementen in frischem Obst und Gemüse eingenommen werden.
Im österreichischen Lebensmittelgesetz werden Nahrungsergänzungsmittel seit 2003 als „Lebensmittel“ definiert. Dadurch unterscheiden sie sich wesentlich von Medikamenten, denn ihre Inhaltsstoffe haben keine medizinische Wirkung. Arzneimittel müssen in Österreich ein Zulassungsverfahren durchlaufen und ihre Wirkung muss in wissenschaftlichen Untersuchungen dokumentiert sein. All das entfällt für Nahrungsergänzungsmittel. Andererseits dürfen letztere keine irreführenden Kennzeichnungen aufweisen und auch keine Heilwirkung enthaltener Substanzen propagieren.

Foto: JPC-PROD - fotolia.com

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Wann sinnvoll?
Für bestimmte Menschen können manche Nahrungsergänzungmittel sinnvoll sein – etwa Folsäure für Schwangere. Das Vitamin ist wichtig, damit sich das Baby im Mutterleib optimal entwickeln kann. Für alle anderen Menschen ist eher Vorsicht geboten, denn falls sich im Darm Krebsvorstufen gebildet haben sollten, kann eine hohe Zufuhr von Folsäure das Wachstum bösartiger Tumore fördern.
Veganer greifen manchmal zu Vitamin B12 – das kann sinnvoll und notwendig sein, denn dieser Nährstoff ist fast nur in tierischen Lebensmitteln enthalten. Und die Einnahme von Tabletten mit Vitamin D ist für verschiedene Risikogruppen angebracht, um die Knochen zu stärken – etwa für Babys oder Menschen mit sehr wenig Sonnenkontakt. In jedem Fall gilt aber: Die Einnahme sollte mit dem Arzt abgesprochen sein.
Bei älteren und kranken Menschen kann es sinnvoll sein, Omega-3-Fettsäuren, Eiweiß, Zink und Selen zu ergänzen. Menschen mit Herz-Kreislauf-Krankheiten oder dem Risiko einer Gefäßverkalkung können Omega-3-Fettsäuren auch vorsorglich einnehmen, ebenso Eiweiß gegen den Abbau von Muskeln und des Zahnhalteapparates. Wichtig ist auch Selen, das die Haargesundheit erhält und die Wundheilung fördert. Zusätzliche Nährstoffe sind auch für Sportler oder bei manchen chronischen Krankheiten mitunter ein wichtiges Thema. Zu einem höheren Bedarf bestimmter Nährstoffe führen oft auch bestimmte Diäten, hoher Alkoholkonsum und Rauchen.

Vorsicht Fitnessprodukte
Doch nicht jeder, der mal müde ist, Schwindel hat oder wenig Fleisch isst, hat auch einen Eisen- oder Vitamin B12-Mangel: Ob man einen Ersatz braucht, kann nur eine Blutuntersuchung beim Arzt klären. Denn die voreilige Einnahme von Eisen, Vitaminpräparaten oder anderen Nahrungsergänzungsmitteln kann auch gesundheitsschädliche Nebenwirkungen haben.
Eines der beliebtesten Mittel – Magnesium – würde zudem häufig überdosiert, betonen Verbraucherzentralen. Diese testeten im Herbst 2016 Produkte aus dem Einzelhandel und Internet. Von 42 untersuchten Mitteln waren 27 überdosiert, legt man die vom Bundesinstitut für Risikobewertung empfohlene Tageshöchstdosis zugrunde. Bei längerer Einnahme könne das zu gesundheitlichen Störungen führen, warnt die Verbraucherzentrale. Zudem sei die Einnahme von Magnesium für die meisten Menschen unnötig. Der Bedarf lasse sich leicht mit Gemüse, Vollkornprodukten und Nüssen decken.

Keine Mängel vorhanden
Ernährungswissenschafter und Biochemiker wie etwa Univ.-Prof. Dietmar Fuchs von der Medizinischen Universität Innsbruck weisen immer wieder darauf hin, dass es hierzulande „grundsätzlich keinen Mangel an Vitaminen oder Mineralstoffen gibt“. Doch bei bestimmten Bevölkerungsgruppen bestehe bei der Versorgung mit den Vitaminen A, D und Folsäure, sowie Calcium und Jod gewisse Mängel.
Aber gerade diese Substanzen sind in gängigen Nahrungsergänzungsmitteln nicht enthalten.
Der Biochemiker Fuchs kritisiert die diesbezügliche Marketingmaschinerie. Denn die Werbung suggeriere, dass es ein Zuviel nicht gebe – Risiken einer Überversorgung werden meist unterschätzt. So kann beispielsweise die Zufuhr von Vitamin A, E und Beta-Karotin zu erhöhten Raten bei bestimmten Tumoren führen. Dies dürfte auf entzündungshemmende beziehungsweise immunsupprimierende Eigenschaften mancher Antioxidantien und Vitamine zurückzuführen sein.

Risiko ausländische Produkte

Foto: Tatjana Balzer - fotolia.com

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Die Auswertung der Ergebnisse der Lebensmittelkontrollen zeigt, dass von problematischen Überdosierungen am ehesten bei Produkten, die per Versandhandel oder Internet aus dem Ausland bestellt wurden, eine größere Gefahr ausgehe. Hier warnt man eher vor Produkten aus den USA/Kanada sowie aus Asien und Osteuropa. Besonders häufig sind zu große Mengen an Vitamin B6, Nikotinsäure (Niacin), Vitamin D, Vitamin B12 und Vitamin E sowie bei den Spurenelementen Zink, Selen und Kupfer. Angeblich „natürliche“ Produkte sind häufig mit gefährlichen Arznei-Substanzen verunreinigt. Grundsätzlich vorsichtig sein sollten Sie bei der Verwendung von Pflanzen und Pflanzenzubereitungen, wenn Sie chronisch krank sind und/oder regelmäßig Medikamente einnehmen müssen. Hier sind Wechselwirkungen möglich. Übrigens: Als „rein natürlich“ angepriesene Nahrungsergänzungsmittel aus dem Internet, speziell solche zur Gewichtsreduktion, zur Potenzsteigerung oder zur Leistungssteigerung, enthalten häufig nicht deklarierte illegale Arzneiwirkstoffe. Vorsicht, wenn solche Erzeugnisse in Internetforen als besonders wirksam beschrieben werden.

Veränderung Lebensstil
Konsumenten sollten nur dann zu Nahrungsergänzungsmitteln greifen, wenn zuvor ein Arzt eine tatsächliche Unterversorgung festgestellt hat, so die Experten.
Ernährungswissenschafter und der Verein für Konsumenteninformation (VKI) empfehlen vor allem eine Anpassung oder Veränderung des Lebensstils. Wer sich gesund und ausgewogen ernährt, braucht meist keine Nahrungsergänzung. Hilfreich sind Vollkorn- und Milchprodukte, fetter Seefisch mit Omega-3-Fettsäuren, Pflanzenöle sowie täglich Obst und Gemüse. Eine ausgewogene Mischkost ist immer noch die erste Wahl: Sie garantiert nicht nur eine umfassende Versorgung, sondern auch eine bessere Bioverfügbarkeit der lebenswichtigen Teilchen.

Internetseite für Infos

Werbung, Produktaufmachung und Präsentation im Handel schüren oftmals die Erwartung, dass Nahrungsergänzungsmittel Krankheiten lindern oder sogar heilen – ganz wie Arzneimittel. Doch anders als Arzneimittel müssen Nahrungsergänzungsmittel kein behördliches Zulassungsverfahren durchlaufen, ehe sie auf den Markt kommen. Nur der Hersteller oder Importeur ist für die Sicherheit seiner Produkte verantwortlich. Nahrungsergänzungsmittel sind rechtlich Lebensmittel und nicht zur Vorbeugung, Linderung oder Heilung von Krankheiten vorgesehen. Sie dienen allein der Ergänzung der normalen Ernährung.

Deutsche Verbraucherzentrale: www.klartext-nahrungsergaenzung.de

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