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Wie man eine Lüge erkennt

Wir schwindeln, dass sich die Balken biegen – sei es, um unsere Haut zu retten, um selbst gut dazustehen oder um jemanden vor etwas Unangenehmem zu schützen.

Bill Clinton tat es und wir machen es täglich: schwindeln. Es heißt sprichwörtlich „Lügen haben kurze Beine, und der Schwindler verrät sich durch eine lange Nase“. Wäre es so, hätten wir ziemlich lange Nasen: Wir lügen nämlich bis zu 200 Mal am Tag! Natürlich nicht immer vorsätzlich. Oft lügen wir aus Höflichkeit, Bescheidenheit oder um besser dazustehen. Der Hauptgrund für eine Lüge aber ist die Angst. Wir lügen, wenn wir uns nicht sicher fühlen oder uns selbst beruhigen müssen. Dabei schwindeln wir nicht nur andere Menschen an, sondern auch uns selbst.

Für den Sozialpsychologen Peter Stiegnitz ist die Lüge „das Salz des Lebens“: Eine Prise macht das Leben leichter, zu viel macht es jedoch ungenießbar. Er meint: „Lügen ist bequem, gut und nützlich – solange wir damit uns und anderen nicht Schaden zufügen.“

Ohne Lügen würde unsere Gesellschaft vielleicht nicht funktionieren. Viele Lügen gehen uns leicht über die Lippen: „Wie geht es dir?“ – „Gut.“ – „Wie gefällt dir das neue Kleid?“ – „Hervorragend.“ Aus Höflichkeit oder Rücksichtnahme lassen wir uns zu kleinen Unwahrheiten hinreißen. Damit tut man meistens niemandem weh. Aber es gibt auch Situationen, in denen es wichtig ist zu wissen, ob das Gegenüber schwindelt. Doch wie gelingt es, dies überhaupt zu erkennen? Pamela Meyer, zertifizierte Betrugssachverständige, meint, dass wir beim Erkennen von Lügen unglaublich schlecht sind. Unsere Erfolgsquote liegt nur bei 54 Prozent – kaum besser, als würden wir eine Münze werfen. Sie hat sich ausgiebig mit den Mechanismen des Lügens befasst und ist Autorin des Buchs „Wie man jede Lüge erkennt“.

Braucht es Lügendetektoren?

Der Wunsch herauszufinden, ob jemand lügt, besteht seit Menschengedenken. Hierfür haben kluge oder weniger kluge Köpfe sich diverse Tricks einfallen lassen. Zum Beispiel: Im frühen China soll man den Leuten eine Handvoll ungekochten Reis in den Mund geschüttet haben. Blieb dieser aufgrund von wenig Speichel trocken, hielt man den Verdächtigen für einen Lügner. Die Erklärung war die Annahme, dass der Stress beim Lügen den Speichelfluss reduziert.

Im Prinzip arbeiten moderne Lügendetektoren ebenso mit körperlichen Anzeichen der Aufregung. Je mehr man beispielsweise schwitzt, desto besser leitet die Haut elektrischen Strom. Außerdem steigen durch Erregung Puls und Blutdruck. Viele Menschen atmen schneller. Diese Faktoren werden gemessen. Allerdings kann der Detektor auch einen Menschen zu Unrecht als Lügner ausweisen. Warum? Stellen Sie sich vor, Sie stehen unter Anklage und die Aussicht lautet etwa jahrelang Gefängnis. Würde das nicht automatisch Ihren  Herzschlag steigen lassen? So sind Lügendetektoren in die Kritik geraten, obwohl sie bisweilen gut funktionieren.

Ehrlich währt am längsten?

Nicht dort, wo hoch gepokert wird. Wenn Argumente allein nicht zählen, muss das Gegenüber ausgetrickst oder überwältigt werden. Paradebeispiel für einen Lügner, der sich durch sein Gesicht entlarvte, ist etwa US-Präsident Bill Clinton. Im Sommer 1998 wurde er des Lügens vor der Grand Jury „überführt“. Immer dann, wenn Clinton sagte, er habe keine Affäre mit seiner Praktikantin gehabt, da fasste er sich beim Sprechen an die Nase. Fast so, als würde sie immer genau in diesem Moment jucken. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen „Pinocchio-Effekt“.

Eine glaubwürdige Lüge zu erzählen ist für unser Gehirn vor allem eines – anstrengend. Wir müssen dafür sorgen, dass die Geschichte plausibel klingt, und uns dann auch noch bis ins kleinste Detail daran erinnern. Das bedeutet: Stress! Ja, und was passiert dann? Der Körper produziert jede Menge Stresshormone, die erhöhen den Puls, die Durchblutung ebenso.

Im Verhör können Spezialisten heutzutage zwar erkennen, dass ihr Gegenüber unter Stress steht – über den Grund können Sie allerdings nichts sicher sagen. Ist er nervös, weil er lügt – oder weil er Angst davor hat, zu Unrecht ins Gefängnis zu kommen?

Betrüger Finanzwelt aufgedeckt

„Die ausgefeilten Techniken von polizeilichen Ermittlern und Mitarbeitern der Geheimdienste sollten auch für die Geschäfts- und Finanzwelt nutzbar gemacht werden“, meint die Betrugssachverständige Pamela Meyer. Doch wie deckt man Lügen am besten auf? Hier gibt es verschiedene Techniken. Man kann sein Gegenüber unter Stress setzen, durch die Stimme oder Formulierungen. Dabei zeigen sich die Symptome von Lügen öfter, schneller und intensiver. Man kann eine Frage in einem anderen Wortlaut wiederholen. Der Befragte fühlt sich zwar sicher aber versucht rasch das Thema zu wechseln. Eine weitere Technik fragt  nach der umgekehrten zeitlichen Reihenfolge. Lügner stolpern dabei über die ausgeschmückten Details.

Warum schaut sie zur Tür, wenn sie ihr Alibi nennt? Hat sie die ganze Zeit mit den Füßen gewippt? Bei einer Vernehmung müssen Kriminalisten auf viele Dinge gleichzeitig achten. Lügner verraten sich zwar oft durch inhaltliche Widersprüche oder ihre Körpersprache, aber auch für das geschulte Auge sind nicht alle Signale eindeutig.

Pamela Meyer und anderen Experten raten jedoch: Die wichtigste Komponente in jedem Gespräch ist Aufmerksamkeit. Mimik, Körperhaltung, Stimme und Gestik werden in den Gesprächskontext eingeordnet und nicht einzeln beurteilt. Wenn man den Menschen als Ganzes wahrnimmt, dann verrät er einiges über sich selbst.

Um ehrlich zu sein…

Menschen, die Sätze mit Phrasen wie „ehrlich gesagt“ beginnen, machen leider in dem Moment genau das Gegenteil. Ebenso sind Distanz schaffende Gegenfragen wie „Was soll ich dazu sagen?“ oder „Was hab‘ ich damit zu tun?“

Indikator für eine Falschaussage wäre auch das Finden von Füllwörtern: Lügner versuchen Zeit zu gewinnen, um sich eine passende Erklärung zu überlegen. Daher verwenden sie unbewusst Füllwörter wie „Ähm“ oder „Naja“, um sich zu sammeln. Auch ein Räuspern oder kurzes Auflachen können dazu dienen. Eine weitere Verzögerungstaktik ist die Wiederholung der gestellten Frage. Zum Beispiel: „Wo ich gestern Abend um 20 Uhr war, fragst du mich? Wo soll ich schon gewesen sein – zu Hause!“

Augen auf! Wenn Ihr Gegenüber den direkten Augenkontakt nicht lange halten kann oder gar vermeidet, ist dies ein sicheres Indiz dafür, dass er etwas zu verbergen hat. Außerdem neigen Menschen beim Lügen dazu, häufiger zu blinzeln, als aufrichtige Zeitgenossen. Das kurze Schließen der Augen kann auch ein Hinweis darauf sein, dass der Erzählende gerade etwas frei erfindet.

Muskelspiele: Bestimmte Muskelgruppen können Menschen nur schwer aktiv steuern. Im Gegensatz zu den Augenbrauen können zum Beispiel die Muskelbewegungen um das Auge herum nicht kontrolliert werden. Halten Sie nach Gefühlsregungen Ausschau, die nur für den Bruchteil einer Sekunde aufblitzen („Mikroexpressionen“)! Diese Mini-Regungen lassen jene Gefühle erkennen, die eine Person unterdrücken will (etwa Wut, Angst). Im Gegensatz zur Mikroexpression gibt es den bewussten Gesichtsausdruck, der wahre Gefühle überdecken soll. Oft handelt es sich dabei um ein Lächeln: Lächeln ist der einfachste Ausdruck, den wir bewusst steuern können. Menschen, die professionell Lügen aufdecken, achten vor allem auf dieses (falsche) Lächeln. Während die Mundpartie lächelt, bleiben die Augen unbewegt. Ein zu lange andauerndes Lächeln ist mit großer Sicherheit falsch!

Gestenreich: Hat jemand nichts zu verbergen, braucht er sich auch keine Gedanken über eventuell verräterische Handbewegungen und Mimiken zu machen und kann frei gestikulieren. Lügner hingegen unterstreichen ihre Erzählungen seltener mit ausschweifenden Gesten.

Nonverbale Indizien für Lügen

• Das Herumspielen an Haaren, Körperteilen, Kleidung oder Gegenständen signalisiert Nervosität und einen Fluchtimpuls. Wer außerdem die Füße Richtung Tür ausrichtet, würde am liebsten gehen.

• Achten Sie auf plötzlichen Abbruch der Gestik! Wer unmittelbar vorhat zu lügen, hält oft in seinen Bewegungen inne, damit ihn nonverbale Signale nicht verraten.

• Versteinerte Haltung: Untermalende Gesten nehmen ab, je stärker sich der Sprecher auf das Spinnen einer Geschichte konzentrieren muss. Stattdessen werden die Hände oft unter dem Tisch versteckt.

• Fühlt sich jemand nicht wohl in Ihrer Gegenwart, wird er unbewusst versuchen, auf Abstand zu kommen (etwa durch Zurücklehnen, Fußstellung zur Tür, verschränkte Arme, verborgene Handflächen).

• Um „das Böse nicht sehen zu müssen“, reiben sich Männer oft die Augen, Frauen fassen sich unter die Augen.

• Blinzelfrequenz: Lügner schlagen ihre Augen öfter auf und zu. Stellen Sie zuerst unverfängliche Fragen, um den Unterschied auszumachen.

• Natürliche Gesten äußern sich zeitgleich auf beiden Gesichts- oder Körperhälften. Unecht ist die Asymmetrie von Gestik oder Mimik, also ein schiefes Lächeln, ein finsterer Blick mit nur einem Auge oder ein einseitiges Schulterzucken.

• Aufrichtige Emotionsausdrücke finden meist gleichzeitig statt, gespielte nacheinander. Wer vorgibt zu schmollen, würde z.B. zuerst die Arme verkreuzen und dann einen Schmollmund ziehen. Wer wirklich beleidigt ist, tut dies zeitgleich. Achten Sie also auf falsches Timing!

Verbale Indizien für Lügen

• Glaubwürdigkeitsphrasen wie „soweit ich weiß, …“, „um ehrlich zu sein, …“ oder „ich schwöre, …“ kommen oft vor, wenn die gespielte Aufrichtigkeit unterstrichen werden soll.

• Versucht jemand sofort das Thema mit ausweichenden Antworten zu wechseln, Gegenfragen zu stellen oder Ihre Fragen zu ignorieren? Dann will er vielleicht herausfinden, wie viel Sie bereits wissen.

• Das wortwörtliche Wiederholen der Frage ist eine Taktik, um Zeit zu gewinnen und eine Antwort zu konstruieren. Will jemand lediglich sichergehen, dass er die Frage richtig verstanden hat, wird er nur einen Teil wiederholen.

• Angespannte Nerven sorgen oft dafür, dass die Stimmlage höher rutscht, wegen der hohen Konzentration auf die Lüge könnte die Stimme flach und monoton werden. Alternativ könnte sie leise und flehend klingen.

• Unnatürliche Ausformulierung: Versucht eine Person ihre Schuld zu verbergen, betont sie die Wörter eventuell ungewöhnlich. Das natürliche „Ich war’s nicht“ wird dann zu: „Ich war es nicht“.

• Wer lügt, benutzt oft Wörter wie „man“, statt, „ich“ oder „du“. So bleibt die Lüge abstrakter.

• Sprachliche Fehler: Viele „Ähms“ und „Ähs“ sowie holprige, grammatikalische Konstruktionen entstehen, wenn der Gesprächspartner sich eine Lügengeschichte strickt.

• Wenn der Tonfall betont und unangebracht emotionslos ist, sollten Sie stutzig werden. Denn dann möchte der Gesprächspartner die Bedeutung des Themas herunterspielen.

Maria Riedler

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