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Wenn Türen sich schließen…

Leer geworden ist es in der Theatergasse. Gleich bei drei alteingesessenen Geschäften, die seit Jahrzehnten hier beheimatet waren, steht man derzeit vor verschlossenen Türen. Andere Viertel der Innenstadt boomen mit jungen Start-ups und Concept-Stores.
Ein Artikel von Doris Thallinger

Die Zeiten haben sich geändert. Dies wird jedem Salzburger bewusst, der dieser Tage die Theatergasse entlang schlendert. Hier wird es gerade besonders deutlich vor Augen geführt, das Ende einer Ära. Einer Ära von langjährigen Geschäftstreibenden, von traditionsreichen Betrieben und Branchen, die nach höchst erfolgreichen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten ihre Türen schließen. Die Gründe dafür sind so vielfältig wie die Geschäfte selbst.

Strasser_6Das älteste Blumengeschäft Salzburgs
Fritz Neuhauser – der letzte Inhaber des traditionsreichen Blumenfachgeschäfts Strasser an der Theatergasse 2 – nimmt es mit Humor. Und doch war das Geschäft, immerhin das älteste Blumengeschäft Salzburgs sein Ein und Alles. So leuchten seine Augen auf, sobald er über längst vergangene Glanzzeiten spricht. Seit 1979 hat er sein Herzblut, seine Energie und sein Engagement in den Laden gesteckt. Für ihn war es immer besonders wichtig, mit seinem Blumengeschäft ein Stück Stil und Schönheit in den Alltag der Menschen zu bringen. „Die Leute waren immer angetan davon, dass hier alles so schön ausgeschaut hat.
Strasser_2Früher hatte ich auch noch Antiquitäten im Sortiment, Dinge, die sich gut mit Blumen machen“, erinnert sich Fritz Neuhauser gerne zurück. Denn in diesem speziellen Fall stimmt der Spruch tatsächlich: Früher war alles besser. „Früher haben die Menschen viel mehr Wert auf das Schöne, auf Blumen und Blumenschmuck gelegt. Besonders stark waren wir im Bereich der Blumenbinderei und der Trauerbinderei. Zu besten Zeiten gab es manchmal bis zu 20 Kränze am Tag zu binden. Heute werden keine Trauerkränze mehr bestellt – stattdessen wird gespendet. Was natürlich eine gute Sache ist. Aber auch zu anderen Anlässen, dem Valentinstag zum Beispiel, werden die Blumengeschenke immer seltener. Blumen-Arrangements zu kaufen gilt heute schon fast als Luxus, egal ob es um Blumensträuße für Künstler geht oder um Mitbringsel.“

Fritz Neuhauser und sein Team

Fritz Neuhauser und sein Team

Auch Großkunden wie Hotels, die früher noch täglich frische Blumen liefern ließen, blieben zunehmend aus. Seidenblumen, unkompliziert, unverwüstlich und unpersönlich gleichermaßen schmücken heutzutage die meisten Lobbys. „Allerdings sind immer wieder Hotelgäste hereingekommen, um sich zumindest für ihr Zimmer frische Blumen zu besorgen.“

In den letzten Tagen des Blumengeschäfts kommen viele Menschen herein, um Abschied zu nehmen von einer Institution der Salzburger Geschäftswelt. „So viele Menschen sagen mir, wie schade es ist, dass wir zusperren, wie leid es ihnen tut. Viele haben in den letzten Tagen noch ein Souvenir erstanden, etwas, das sie an Blumen Strasser erinnert“, freut sich Fritz Neuhauser über die rege Anteilnahme. Just in dem Moment kommt wieder eine Kundin ins Geschäft. Etwas außer Atem betont sie, dass sie schon früher kommen wollte, aber sie immer wieder gefahren sei, nachdem weit und breit kein Parkplatz frei war. Das Parkplatzsituation  in der Umgebung hat dem passionierten Blumenhändler das Leben ebenfalls nicht leichter gemacht. Die meisten seiner Kunden seien mit dem Auto gekommen, auch um ihre Einkäufe überhaupt transportieren zu können. Fritz Neuhauser selbst fährt mit dem Bus. Eine andere Möglichkeit gibt es für ihn auch kaum.Feinkost-Koelbl

Der erste, der sich – vorübergehend – aus der Theatergasse verabschiedete, war Feinkost Kölbl, mit Ende des Jahres 2016. Seit 6. April ist das Spezialitätengeschäft wieder für seine Kunden da – mit neuem Konzept und eingeschränkten Öffnungszeiten.

Beste Lage?
Trotz der zentralen Lage, in bester Umgebung zwischen Mozarts Wohnhaus, dem Salzburger Landestheater und dem Hotel Sacher, wirkt die Gasse ein wenig vernachlässigt, ein bisschen so, als ob man sie vergessen hätte, die Gasse, die streng genommen nur noch eine Busspur ist. Außer jeder Menge Menschen, die auf ihren Bus warten, und hektisch umsteigenden Passagieren herrscht hier kaum Frequenz, hier tummeln sich keine Kauflustigen auf ihrem Einkaufsbummel. Hier lehnen die Wartenden an den Schaufensterscheiben, und auch so mancher Obdachloser hat es sich schon in der Nähe der Bushaltestelle bequem gemacht. Vielleicht einfach nicht mehr der richtige Platz für Geschäfte der „alten Garde“, die weniger auf rasche Geschäfte denn auf langfristige Kundenbindung spezialisiert sind.

Ein trauriges Phänomen, das tatsächlich hauptsächlich die Theatergasse zu betreffen scheint. „Der Unternehmer-Standort Rechte Altstadt entwickelt sich hervorragend – das sieht man sehr gut am Beispiel Linzer Gasse. Was die Theatergasse betrifft, hängt das sicher sehr mit dem starken Strukturwandel zusammen. Die Digitalisierung ist in allen Branchen spürbar, gerade der Online-Handel hat natürlich großen Einfluss und wird auch die nächsten Jahre noch für einige Veränderungen sorgen“, beschreibt Inga Horny, Geschäftsführerin des  Altstadt Verbands, die Situation.

Zeitschriften-Hummer35 Jahre Zeitschriftenfachgeschäft Hummer
Seit 25. März stehen auch die Kunden des Pressefachgeschäfts Hummer, des letzten echten Pressefachgeschäfts Salzburgs, vor verschlossenen Türen. Eine Woche vor Blumen Strasser sperrte Alexander Hummer die Tür seines Geschäfts für immer zu – 35 Jahre, nachdem sein Vater Peter Hummer dieses übernommen hatte. Auch hier waren die Kunden zunehmend ausgeblieben: „Die lesende Generation stirbt langsam aus“, so Alexander Hummer, „Wer kauft denn heute noch regelmäßig Zeitungen und Zeitschriften?“ Junge Menschen definitiv nicht mehr. Diese lesen die aktuellsten Nachrichten unterwegs am Smartphone oder Tablet, nicht mehr tagesaktuell lautet die Devise, sondern sekundenaktuell!

Um ein rückläufiges Geschäft fortzuführen, täglich Knochenarbeit mit geringem Deckungsbeitrag zu leisten, muss schon sehr viel Herzblut im Spiel sein. Doch bei allem Engagement war nun der Zeitpunkt, dem Familienbetrieb Adieu zu sagen. „Die Arbeit wurde immer mühsamer, es gab so gut wie keine Unterstützung vonseiten der Stadt, um die Parkplatzsituation für uns oder gar unsere Kunden leichter zu machen. Und wenn dann das Geschäft schlechter wird, muss man einfach die Reißleine ziehen“, bedauert Senior-Chef Peter Hummer. Und Alexander Hummer ergänzt: „Rundherum ist überall Parkverbot, bzw. das Parken nur für Bewohner gestattet. Als selbstständiger Geschäftstreibender hat man leider keine Chance auf eine Bewohner-Parkkarte oder Ausnahmegenehmigung. 1.200 Euro zahle ich jährlich nur an Parkgebühren.“ Wohl mit einer der Gründe, die der Familie Hummer den Schritt etwas leichter gemacht haben.

Parken_verbotenDas offensichtliche Dauer-Thema der fehlenden Parkplätze in Salzburg ist Stadtrat Johann Padutsch hinlänglich bekannt: „Jeder, der den angesprochenen Bereich kennt, weiß, dass der Platz für mehr Parkplätze an der Oberfläche schlicht und ergreifend nicht vorhanden ist. Das ist auch der Grund, warum vor rund zwölf Jahren der Bau einer Tiefgarage unter dem Makartplatz geplant war. Das Baurecht war bereits an den Bayrischen Unternehmer Max Aicher vergeben, wurde von diesem aber letztlich nicht in Anspruch genommen bzw. zurückgegeben. Die Gründe waren eine Mischung aus befürchteter fehlender Wirtschaftlichkeit und den Tücken des Bau- und Anrainerrechtes.
Wie soll ich bei der Ausgangssituation empfehlen können, wo Kunden am besten parken? Direkt vor Ort gibt es nur wenige Parkplätze, die Raika Garage ist im Nahbereich. Die Geschäftstreibenden selbst können nur im Rahmen der StvO Bestimmungen eine Ausnahmebewilligung erhalten und die sind sehr restriktiv, wobei ich mich schon an die eine oder andere Ausnahmebewilligung erinnern kann.“

Von Seiten des Altstadt Marketing Salzburg liegt der Schwerpunkt auf einer Verbesserung des Parkleitsystems.

Jedem Ende wohnt ein Zauber inne
Während es in der Theatergasse zurzeit ruhiger wird, blühen andere Viertel der Salzburger Altstadt geradezu auf. Das Kaiviertel erlebt beispielsweise einen Aufschwung durch neue Concept- und Pop up-Stores, wie „s’Fachl“ oder „The Living Store“. Und auch auf der rechten Altstadtseite ist ein Viertel stark im Kommen: Das Andräviertel, ebenso wie die Berggasse, entwickelt sich zunehmend zum gefragten Ort für Boutiquen, Feinkostbetriebe und viele weitere Geschäfte. Die Zeiten ändern sich, ebenso wie die Bedürfnisse der Salzburger. Und so öffnen sich, auch in Salzburg, neue Türen, wenn andere sich schließen.

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Fotos: www.kaindl-hoenig.com

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