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Wenn die Welt leiser wird

Schwerhörigkeit ist leider nicht nur eine Sache des Alters, auch immer mehr junge Menschen hören schlecht. Hörminderung wird noch immer zu spät bemerkt und behandelt.

Es war so, als hätte jemand am Lautstärkeknopf gedreht“, erzählt Martin S. Plötzlich machte ein Ohr dicht und „dazu kamen Schwindel, Ohrgeräusche sowie ein unangenehmes Druck- und Völlegefühl im Ohr“, so der Betroffene zu seinen akuten Problemen mit späterer Diagnose einseitige Hörminderung, verursacht durch einen Hörsturz. Diese Schwerhörigkeit kam aus dem Nichts, ohne Vorwarnung, „morgens direkt nach dem Aufstehen.“ In Österreich erleiden etwa 20 von 100.000 Einwohnern jährlich einen Hörsturz. Männer und Frauen erkranken gleich häufig, ein großer Teil der Betroffenen ist um die 50 Jahre alt. Weshalb es zu einem Hörsturz kommt, ist derzeit noch nicht genau bekannt. Experten vermuten, dass Durchblutungsstörungen im Innenohr zu einer Mangelversorgung der Sinneszellen führen und infolge ein Hörverlust auftritt. Diskutiert wird, ob auch chronischer Stress sowie Bewegungsmangel und Rauchen Einfluss auf das Krankheitsgeschehen haben und das Risiko für einen Hörsturz erhöhen können. „Schwerhörigkeit zählt zu den häufigsten sensorischen Störungen“, erklärt der Leiter der HNO-Abteilung im Krankenhaus Schwarzach, Professor Florian Kral. „Sie kann durch Vererbung, Lärm, Traumata oder Hörstürze grundsätzlich in jedem Alter auftreten, am häufigsten ist jedoch die Altersschwerhörigkeit. Von ihr ist etwa jeder dritte Österreicher über 65 Jahre betroffen.“


Wie bitte?

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Foto: iuricazac – fotolia.com

Stille. Kein Lärm. Manchmal ist es schön, seinen Ohren eine winzige Pause zu gönnen. Schließlich leben wir in einer lauten Welt. Mit Motorengeräuschen, Lärm am Arbeitsplatz, Musik von Rockkonzerten, Nachtclubs, MP3-Geräten oder der Stereoanlage – all das geht uns auf die Ohren. „Ein starkes Ansteigen von Schwerhörigkeit zeigt sich auch bei jungen Menschen, hier erkranken mittlerweile zwischen 10 bis 40 Prozent“, so der Hals-, Nasen- und Ohrenarzt. Laut einem Bericht der deutschen Krankenkasse habe sich die Hörgerätverordnung in kürzester Zeit bei den 15- bis 30-Jährigen sogar fast verdreifacht. „Schall ist Energie“, betont Kral, „und so wird beispielsweise bei einem Flugzeugstart tausendmal mehr Schallenergie abgegeben wie bei einem normalen Gespräch. Bei kurzen Überbelastungen können auftretende Schäden oft erfolgreich behandelt werden, bei chronischer Schädigung durch Lärm bleibt meist ein Schaden bzw. eine verminderte Hörleistung zurück.“Dass die Leistung des Gehörs abnimmt, nehmen viele Betroffene zumeist gar nicht wahr. Sie bemerken nicht, dass sie alltägliche Geräusche, wie das Zwitschern von Vögeln, das Ticken einer Uhr oder das Rauschen von Blättern nicht mehr richtig hören. Für sie scheint es, als würden die Menschen um sie herum einfach undeutlich sprechen und nuscheln, warum es für sie notwendig wird, auch vermehrt nachzufragen. Das Radio und der Fernseher wird lauter gestellt. Gespräche in lauter Umgebung werden immer schwieriger, weil die Geräuschkulisse das schon eingeschränkte Sprachverstehen zusätzlich behindert.

Ursachen Schwerhörigkeit

„Hier gibt es zwei Hauptformen“, erklärt Professor Kral. „Einerseits die Hörminderung bei gestörter Schallübertragung und Störungen bei der Schallempfindung. Bei einem Hörsturz ist die Schallempfindung gestört. Hier sind hauptsächlich schädigende Einflüsse wie ein Knall oder eine Explosion, manchmal Medikamente oder auch andere Faktoren wie Stress, Entzündung oder Durchblutungsstörungen verantwortlich. Bei der Schallübertragungsstörung ist eine häufige Ursache die Mittelohrentzündung, bei der durch Flüssigkeitsbildung hinter dem Trommelfell dieses nicht mehr richtig in Schwingung versetzt wird und dadurch weniger Schallwellen an das Innenohr weitergeleitet werden können. Bei Kindern kann es durch vergrößerte Rachenmandeln zur Verlegung der Eustachischen Röhre zu Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr kommen, sodass es ebenfalls zu deutlicher Hörminderung kommt“, sagt Primar Kral. „Hier gilt es rasch zu handeln, um eine Sprachentwicklungsverzögerung zu vermeiden.“ Viele Menschen glauben irrtümlich, dass lautes Sprechen oder Schreien schwerhörigen Menschen ein normales Hören und Verstehen ermöglicht. Schwerhörigkeit bedeutet jedoch in vielen Fällen nicht bloß ein leiseres Wahrnehmen von Tönen und Geräuschen, sondern ein frequenzgestörtes, d.h. gebrochenes und „zerstückeltes“ Hören und damit eine hohe Anstrengung im Verstehen. Wörter und Sätze müssen durch Kombinieren, Sinnzusammenhänge, Lippen-Lesen usw. oder durch ständiges Nachfragen ergänzt werden. Da das Innenohr auch das Gleichgewichtsorgan enthält, kann es bei Veränderungen zu Schwindelanfällen kommen.

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Foto. KH Schwarzach

 

„Gerade bei jungen Menschen  beobachten
wir ein Ansteigen der Schwerhörigkeit“,
so Professor Florian Kral, Leiter der
HNO-Abteilung in Schwarzach.


Rasche Abklärung wichtig

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Foto: psdesign1 – fotolia.com

„Bei einer akuten Hörminderung ist eine rasche Abklärung beim HNO-Arzt notwenig, da ein gutes Ansprechen auf die Therapie von einem frühzeitigen Therapiestart abhängt“, betont Professor Florian Kral. „Bei dauerhaften Hörproblemen kommen neben hörverbessernden Ohroperationen, die Versorgung mit Hörgeräten oder auch Cochlea-Implantate zum Einsatz, die durch eine Elektrode im Innenohr direkt den Hörnerv stimulieren. Bei Erkrankungen der Schallübertragung oder einer Kombination aus Schallübertragung und Schallempfindung kommen Mittelohrimplantate zum Einsatz, die die Gehörknöchelchen wieder zum Schwingen bringen.“ Eine akut einsetzende Hörbeeinträchtigung wird in der Regel sehr rasch erkannt. Hingegen bleibt eine schleichende Hörverminderung zumeist geraume Zeit unbemerkt, nicht zuletzt, weil sich die Betroffenen an ihr schlechter werdendes Gehör gewöhnen. Als Folge chronischer Schwerhörigkeit kann die Lebensqualität durch verschiedenste Problemebeeinträchtigt werden. Damit das Gehör vom normalen Hören nicht immer mehr entwöhnt wird, sollte man möglichst frühzeitig einen HNO-Arzt aufsuchen. Stellt dieser fest, dass Hörgeräte notwendig sind, um einen Hörverlust auszugleichen, ist es ratsam, diese auch wirklich zu tragen. Wird der Hörnerv nämlich bei einer fortschreitenden Schwerhörigkeit nicht mehr gereizt, bildet er sich immer mehr zurück. Und dieser Prozess ist bislang unumkehrbar.

Ein Artikel von Maria Riedler

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