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Wenn der Darm streikt

Immer mehr vor allem jüngere Menschen leiden an den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa. Warum das so ist, beschäftigt die medizinische Forschung genauso wie die Suche nach noch besseren Behandlungsmöglichkeiten.

Es war ein jahrelanges Martyrium: „Immer diese Müdigkeit, ein grässlicher Durchfall, Abgeschlagenheit mit einem allgemeinen Krankheitsgefühl, leichtem Fieber, oft auch mangelnder Appetit und Übelkeit“, erzählt der 36-jährige Peter L. „Und dazu krampfartige Bauchschmerzen und Blähungen.“ Nach heftigen Schüben mit drastischen Gewichtsverlusten und starken Schmerzen kündigte sich die schlimmste Krise durch einen leichten Bauchschmerz in der Nähe des Blinddarms an. Später Darmdurchbruch, Bauchfellentzündung. „Ich war geschockt über die Diagnose chronisch entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn, obwohl ich schon etliche Jahre lang Probleme mit dem Darm gehabt habe“, so der Betroffene.

Tabuthema Darm

Probleme mit dem Darm? Darüber spricht niemand gern. Doch immer mehr vor allem jüngere Menschen leiden an den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa. Warum das so ist, beschäftigt die medizinische Forschung genauso wie die Suche nach noch besseren Behandlungsmöglichkeiten.

Geschätzte 40.000 – 60.000 Österreicherinnen und
Österreicher leiden derzeit an den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa – und es werden immer mehr.

„Die genauen Ursachen für die Erkrankung sind noch nicht geklärt“, so der Facharzt für Innere Medizin, Thomas Haas. „Vermutlich spielen mehrere verschiedene Faktoren, wie Genetik, Immunsystem, Infektionen und Umwelteinflüsse, eine Rolle bei den Entstehungsmechanismen.
Andere schon länger bekannte Risikofaktoren sind Rauchen, chronischer Stress und eine ererbte Neigung zu Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa.“ Möglicherweise, so der Salzburger Gastroenterologe und Hepatologe weiter, löst auch ein unbekanntes Bündel an Faktoren die Krankheiten aus, die den Darm zum Feind des Körpers machen. Sicher ist: Die CED sind eher Erkrankungen der Jüngeren. Bis zu 3.000 Mal werden Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa hierzulande jedes Jahr neu diagnostiziert.

Auch die 27-jährige Bettina S. leidet unter Morbus Crohn, „eine Krankheit wie ein Vulkan – man weiß nie wann, wie und ob sie wieder ausbricht. In schlimmen Phasen musste ich teilweise bis zu 25 Mal am Tag aufs Klo gehen. Die Angst, keine Toilette vorzufinden, wenn man eine braucht, begleitet einen da immer. Alltägliche Dinge wie zum Beispiel Schlangestehen an der Supermarktkasse sind dann oft ein riesiges Problem. Da muss man aufpassen, dass man nicht noch zusätzlich eine psychische Störung entwickelt und sich wegen dieser permanenten Angst isoliert und nirgends mehr hingeht.“ Bei ihrem zweiten Schub, der viel schlimmer als der erste war, bekam sie Durchfall, Fieber, Übelkeit und Schmerzen im gesamten Bauchbereich. „Ich nahm pro Tag gut ein Kilogramm ab, da ich ja wieder nichts essen konnte. Auch wenn ich seit dem letzten Krankenhausbesuch Krankenhäuser verabscheute, ging ich mehr oder weniger freiwillig hin und die ganze Tortur ging wieder mal von vorne los. Die Ärzte entschlossen sich dann für eine Langzeittherapie mit
entzündungs- und schmerzsenkenden Medikamenten. Mein Körper war so geschwächt, dass ich etwa beim
Duschen zwei Pausen einlegen musste. Langsam trat dann eine Besserung ein und ich konnte vier Wochen nach meinem Krankenhausaufenthalt wieder zur Arbeit gehen. Mittlerweile ist ein Jahr vergangen. Ich habe mir geschworen, nie wieder den dummen Fehler zu machen, die Tabletten abzusetzen, weil es mir ja scheinbar gut geht.“

Die Colitis Ulcerosa ähnelt in ihrer Erscheinungsform dem Morbus Crohn, ist aber auf den Dickdarm beschränkt.
Typische Symptome sind schleimige und blutige Durchfälle sowie Bauchschmerzen und Gewichtsverlust. Die Entzündung kann sich – wie auch bei Morbus Crohn – auf andere Organe ausbreiten. Die Ursache der Colitis Ulcerosa ist ebenfalls nicht bekannt. Der Arzt kann die Beschwerden durch Gabe entzündungshemmender Medikamente lindern.

Reizdarm – wenn der Darm streikt

Das Reizdarmsyndrom ist eine Erkrankung des Verdauungssystems, bei der es zu einer Fehlfunktion des Darms kommt. Es ist gekennzeichnet durch Symptome wie Schmerzen im Bauchraum, Durchfall, Verstopfung, Blähungen und das Gefühl der unvollständigen Darmentleerung. Bei schwerem Verlauf der Erkrankung rücken die Darmbeschwerden in den Mittelpunkt des Lebens und schränken die Lebensqualität stark ein. Bei einigen Betroffenen geht dies so weit, dass sie sich nur mehr in der Nähe einer
Toilette aufhalten können. Im Unterschied zum Morbus Crohn kommen Symptome wie Blutungen, Fieber oder andere Entzündungszeichen (zu viele weiße Blutkörperchen im Blut) jedoch nicht vor.

Die Prognose beim Reizdarm ist von Person zu Person unterschiedlich: Das Reizdarmsyndrom kann sich von selbst zurückbilden oder chronisch verlaufen. Je länger es besteht und je mehr der Betroffene unter Stress leidet, umso schwieriger sind die Symptome zu behandeln. Oft bestehen gleichzeitig psychische Erkrankungen wie
Depression oder generalisierte Angststörung.

„Bei einer Reizdarmsymptomatik sollte zur Differenzialdiagnose auch unbedingt eine Abklärung bezüglich
Laktose-, Sorbit- und Fructoseunverträglichkeit durch-geführt werden“, so die Salzburger Diätologin und Gastrosophin, Maria Benedikt.

In den letzten Jahren konnten große Fortschritte in der Diagnose und Therapie von chronisch entzündlichen Darmerkrankungen erzielt werden. „Auch wenn eine Heilung derzeit noch nicht möglich ist, so kann man inzwischen in den meisten Fällen eine Beschwerdelinderung erreichen und einen drohenden Funktionsverlust des Organs abwenden – sofern man möglichst früh mit einer geeigneten Therapie beginnt“, so Darmspezialist Thomas Haas. Doch noch immer ist der allgemeine Wissensstand der Menschen hinsichtlich chronisch entzündlicher Darmerkrankungen schlecht: „Durch die zunächst oft nicht eindeutige Symptomatik kommt es häufig zu einer Verzögerung in Diagnosestellung und Behandlung“, bedauert Haas. Laut einer Umfrage beträgt die Verzögerung vom Erstsymptom bis zur richtigen Diagnose einer CED in Österreich nach wie vor mehrere Jahre.

Dabei nehmen chronisch entzündliche Darmerkrankungen rapide zu: In den letzten 15 Jahren ist es zu einer Steigerung von 270 Prozent (!) gekommen.

Besonders auffallend ist es auch, „dass die Patienten jünger werden und die Häufigkeit im Kindesalter stark zugenommen hat.“ Frauen und Männer sind annähernd gleich häufig betroffen, der Erkrankungsbeginn liegt meist im dritten Lebensjahrzehnt, ein zweiter Erkrankungsgipfel findet sich zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr.

Stress, Psyche und Ernährung

„Da die CED zahlreiche Ursachen haben, gibt es auch nicht eine einzig richtige Therapie“, erklärt der Internist. Die Behandlungsansätze orientieren sich an den Symptomen und den Umständen. Vor allem die Dauer und die Lebens-bedingungen der Betroffenen beeinflussen die Prognose. Je länger etwa ein Reizdarmsyndrom vorhanden ist und je mehr der Betroffene unter Stress leidet, umso schlechter ist die Prognose.

Wie man die Ernährung umstellen sollte und welche
Medikamente wirksam sind, hängt von den Beschwerden ab. „Morbus Crohn und Colitis im akuten Schub sind
seitens der Ernährung  immer individuell zu betrachten“, sagt Maria Benedikt. „In der Remissionsphase kann auf eine leichte Vollkost umgestellt werden. Im akuten Fall gibt es die Möglichkeit einer künstlichen Ernährung, um die Aktivität der jeweiligen Erkrankung zu reduzieren. Hier werden Formula-Diäten angeboten, bei nicht aus-reichender Zufuhr kann zusätzlich über die Vene ernährt werden.“ Wenn es zu Passagebehinderungen durch eine Engstelle kommt, so sei eine faserarme Kostform indiziert, erklärt die Diätologin. „Gemüsesorten wie Kraut, Kohl oder Spargel und Obst wie Orangen, Weintrauben sind zu meiden. Grobe Vollkornprodukte, gehackte Nüsse sollten ebenso vermieden werden. Alternativ eignen sich fein geschrotete Dinkelbrote, Sauerteigbrot oder Graham-brot. Nüsse sollten nur in fein geriebener Form gegessen werden und Vorsicht auch bei Tomaten (Haut entfernen), Paprika und Pilzen. Steinobst sollte eher in Kompottform genossen werden.“

Unbehandelt können diese chronisch fortschreitenden organischen Erkrankungen zu hohen psychischen und körperlichen Belastungen führen.

An Medikamenten, die diese Erkrankungen noch besser als die bisher erhältlichen in ihrem Fortschreiten aufhalten,
wird geforscht. Bis die CED heilbar sind, wird allerdings noch einige Zeit vergehen. „Die Möglichkeiten der Behand-lung haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert und vervielfacht“, betont der Internist Thomas Haas.

Vorsorge wichtig

Das Risiko für Dickdarmkrebs ist bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen erhöht, sodass eine regelmäßige Vorsorge notwendig ist.

Sehr häufig beeinträchtigt die Erkrankung die körperliche Aktivität der Menschen und bedingt so sozialen Rückzug, Angststörungen und Depression. Abhängig von der Krankheitsaktivität ist dies in bis zu 70 Prozent der Fälle zu beobachten. 30 bis 40 Prozent der Patienten verlieren aufgrund der Erkrankung ihre Beschäftigung. Konfliktsituationen in zwischenmenschlichen Bereichen führen zu Verlusten von sexuellen Beziehungen und Freundschaft.

„Eine rechtzeitige Diagnose und adäquate Behandlung hilft nicht nur den Betroffenen, sondern spart auch enorme Kosten“, betont Haas. Erste gesundheitsökonomische Daten zu CED aus Österreich legen nahe, dass die Jahreskosten, die aus chronisch entzündlichen Darmerkrankungen
erwachsen, bis zu 2,7 Milliarden Euro betragen.

Maria Riedler

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