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Wege aus dem Burnout

Burnout trifft schon lange nicht mehr nur eine Minderheit. Mittlerweile sind etwa 25 Prozent der Bevölkerung einmal in ihrem Leben betroffen.
Ein Artikel von Maria Riedler

Zu Beginn der 1970er-Jahre stellte der New Yorker Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger bei sich selbst fest, dass ihn sein Job, der ihm einst Freude bereitet hatte, nur noch ermüdete und frustrierte. Ihm war auch aufgefallen, dass viele seiner gestressten Kollegen immer übler gelaunt und verletzend wurden und ihre Patienten eher abweisend behandelten. Nachdem Freudenberger auch Menschen aus anderen Berufsgruppen unter die Lupe genommen hatte, registrierte er immer wieder dieselben Probleme: Stimmungsschwankungen, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Konzentrationsschwächen, nicht selten in Kombination mit körperlichen Symptomen wie Rückenschmerzen oder Verdauungsproblemen. Es war Freudenberger, der darauf das sogenannte Burnout-Syndrom als „einen Zustand erschöpfter physischer und mentaler Ressourcen“, der mit dem Arbeitsleben in ursächlichem Zusammenhang steht, definierte.

Arbeit Auslöser?
Über die exakte Ursache des Burnout-Syndroms wird noch diskutiert. „Ob wirklich die Arbeitssituation und eine Überlastung der Auslöser von Burnout sind, ist nicht erwiesen“, erklärt die Fachärztin für Psychiatrie, Dr. Wiebke Buschmann.
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Einig ist man sich aber darin, dass dauerhafter Stress bei der Entstehung entscheidende Bedeutung besitzt. Denn fest steht: Vorübergehende Stresssituationen können wir folgenlos wegstecken – doch wenn die Belastung über Wochen, Monate oder gar Jahre anhält, sind nachhaltige Konsequenzen für den Organismus vorprogrammiert. Letztlich landet ein Mensch immer dann im Zustand des Ausgebranntseins, wenn Belastungen die psychischen und physischen Kraftreserven kontinuierlich aufbrauchen, ohne dass Körper und Seele die Möglichkeit haben, sich ausreichend zu erholen.
Ärztliche Hilfe sollte man in jedem Fall dann in Anspruch nehmen, wenn etwa Schlafstörungen auftreten, „wenn man am Morgen antriebslos, schlapp und mit stark negativen Gedanken aufwacht und wenn dieses Gefühl am Abend besser wird“, so Buschmann. Die Wahlärztin, die auch an der Privatklinik Wehrle-Diakonissen tätig ist, weiter: „Auch, wenn die emotionale Belastung stark vermindert ist, etwa wenn man schneller gekränkt und verletzbar ist, wenn man rasch in Streit gerät.“
Unbedingt sofortige ärztliche Hilfe bedarf es, wenn man gar unter Panikattacken leidet. „Medizinische Unterstützung braucht es auch immer dann, wenn man durchgehend unter gedrückter Stimmung leidet und selbst Hobbies, die einem früher Spaß machten, nicht mehr Freude bereiten. Oder auch, wenn man sich nach einem freien Wochenende oder nach einem Urlaub nicht erholt fühlt.“
Nach wie vor ist „Burnout“ keine klassische Diagnose in der Medizin. „Was wir sehen, ist, dass diese Symptome aber immer mehr zunehmen. Mittlerweile schätzt man, dass bis zu 25 Prozent der Bevölkerung einmal davon betroffen sind.“

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Warnsignale früh erkennen
Die Psychiaterin rät ihren Patientinnen und Patienten, die unter den oben beschriebenen Symptomen leiden, „auch eine medikamentöse Therapie in Anspruch zu nehmen. Denn ansonsten läuft man Gefahr, dass sich die Symptome ewig hinziehen, und dass man – im schlimmsten Fall – neben Freunden und sozialen Kontakten auch den Arbeitsplatz verlieren kann. Sich ewig Auszeiten zu nehmen, oder eben solche Lebenszeitverluste sind mit einer adäquaten medizinischen Behandlung überhaupt nicht nötig.“ Die Therapie beinhaltet natürlich auch zusätzliche psychologische Hilfe.
Die Behandlung muss zum Patienten und seiner Lebenssituation passen. In leichten Fällen ist mit Stressbewältigung, Zeitmanagement, Entspannungstechniken und der Klärung eigener Ziele oft schon viel zu erreichen.
Manchmal muss auch die Arbeitssituation verändert werden. „Aber immer mehr steht zur Diskussion, dass der Auslöser der Erkrankung nicht die Arbeit ist“, so die Ärztin Wiebke Buschmann. Im Rahmen von Coaching und Therapie lassen sich alternative Strategien einüben. „Pausen einplanen, auf sich zu schauen.“ Entspannungstechniken helfen, Stress abzubauen, beispielsweise autogenes Training oder Yoga.
Das soziale Umfeld, wie Partner, Freunde oder Familie können Rückhalt geben. Sich selbst wertschätzen, sich Zeit für sich selbst nehmen oder auch einmal Nein sagen lernen. Überzogene Erwartungen herabzusetzen und Pausen zu machen und auch Zeit für sich selbst einzuplanen.
Wer auf eine ausgewogene Ernährung und feste Schlafenszeiten achtet, und sich regelmäßig bewegt, stärkt den Körper und das eigene Wohlbefinden. „Hören“ Sie auf Ihren Körper, und nehmen Sie Schmerzen oder andere Auffälligkeiten als Warnsignal oder Hinweis wahr.
Und zögern Sie nicht, frühzeitig eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen.

Krank durch Langeweile?

Bedenklich: Es gibt Studien, die besagen, dass etwa ein Drittel der Arbeitnehmer finden, dass sie in ihrer Arbeit unterfordert sind und eigentlich mehr leisten könnten und möchten.

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Schon frühmorgens überlegen „Boreout“-Betroffene, wie sie den Tag in der Arbeit überstehen sollen. Zwischen dem Surfen im Internet lösen sie ein Rätsel oder telefonieren mit Freunden und Bekannten. Der Arbeitsalltag wird bestimmt von Unterforderung, Langeweile und Desinteresse. Neuerdings hört man, nicht so sehr aus der Wissenschaft, aber in zunehmend vielen Medien, vom Begriff „Boreout“. Dieser Begriff wurde von Peter Werden und Philippe Rothlin in deren Buch „Diagnose Boreout“ beschrieben.
Als Boreout-Syndrom (englisch boredom: „Langeweile“) wird ein Zustand ausgesprochener Unterforderung im Arbeitsleben bezeichnet und es steht damit als paralleles Gegenstück zum Burnout. Boreout soll aber auch in das Burnout münden können.
Zu den Symptomen von Boreout gehören Niedergeschlagenheit, Depressionen, Antriebs- und Schlaflosigkeit, aber auch Tinnitus, Infektionsanfälligkeit, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen und Schwindelgefühle.

Foto: AntonioGuillem - istockphoto.com

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Ebenso wie beim Burnout handelt es sich beim Boreout-Syndrom um ein Bündel von Symptomen, die im Zusammenhang mit einer Arbeitssituation auftreten können. Ein Boreout kann entstehen, wenn Unterforderung, Desinteresse und Langeweile gekoppelt sind mit Verhaltensweisen, die der Arbeitnehmer zeigt, um ausgelastet, ja sogar gestresst zu wirken. Daraus entwickelt sich häufig ein Gefühl der Leere und der Bedeutungslosigkeit. Patienten, die unter dem Boreout-Syndrom leiden, empfinden letztlich auch ihre Existenz sinnlos, sie reagieren mit sozialem Rückzug und haben starke Selbstzweifel.
Die meisten Menschen möchten etwas leisten und fühlen sich dann wohl, wenn sie sich weder unter- noch überfordert fühlen und eine entsprechende Anerkennung für ihre Leistung, sowohl ideell wie auch finanziell, erhalten. Es kann aber auch sein, dass Betroffene einfach im falschen Unternehmen arbeiten.
Die Arbeit sollte für einen selbst Sinn machen, herausfordernd und interessant sein. Das Boreout-Syndrom hat nichts mit Faulheit, sondern vielmehr mit mangelnder Herausforderung in der Arbeit zu tun.

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