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Von null auf 1.848 Meter

Vom Meeresufer am Fjord auf den Gipfel, in fünf Stunden, über Stufen und Schneefelder: Eine Tour auf den Skåla in Norwegen macht’s möglich. Aber was tun, wenn nach mühsamem Aufstieg Wolken die Aussicht kaputt machen? Tee trinken im Tuberkuloseturm…

Wieso haben die zwei Männer Ski auf dem Rücken? Ski im August? Um mich herum ist alles grün. Etwas planlos schaue ich die Burschen an. Auf Englisch erzählen sie: Sie waren vier Tage in den Bergen unterwegs, im ewigen Eis, auf den Ausläufern des Gletschers Jostedalsbreen. Begegnet sind sie dort oben niemandem. Sie waren mutterseelenallein. Zelt, Isomatten, Schlafsäcke, Kocher, Verpflegung, dicke Kleidung haben sie geschultert. Außen an den riesigen Rucksäcken baumeln Tourenski und -Skischuhe. Ihre Bartstoppeln sind lang und ihre Augen leuchten selig. Norweger sind gerne draußen, bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Wo man keinen Hund vor die Tür jagt, trinken diese Nordmenschen im Regen Kaffee, trotzen stoisch jedem Sturm und zelebrieren Outdoor-Wochenenden fernab der Zivilisation.

Ein Steinturm als Sanatorium

Unsere Gruppe lässt die Männer weiter ins Tal absteigen und macht sich selbst wieder auf den Weg. Wir haben noch etliche Höhenmeter vor uns. Es ist knapp eine Stunde her, dass wir etwas außerhalb der Ortschaft Loen am Nordfjord gestartet sind. Unsere norwegischen Begleiter Asgeier Blindheim und Marita Lindvik haben rund fünf Stunden angesetzt, dann sollten wir oben sein. Oben, das ist das Gipfelplateau des Skåla, 1.848 Meter hoch. Eine Zahl die ich mir auf Anhieb merken kann, der höchste Berg der Welt, der Mount Everest, zählt 8.848 Meter. Er ist schlappe 7.000 Meter höher. Dafür wartet der Skåla mit dem längsten Anstieg Norwegens auf, schließlich sind wir auf Meereshöhe gestartet. Das Motto des Tages: Von null auf 1.848 Meter.

Als wir tags zuvor anreisten, blieb uns beim ersten Anblick auf den mächtigen Berg, der sich geradewegs aus dem Fjord erhebt, die Spucke weg. Dabei war der Gipfel nicht mal zu sehen, dicke Wolken hüllten ihn fest ein. Keine Spur von dem Skålatårnet, dem runden Steinturm, den 1891 der norwegische Amtsarzt Henrik Gerhard Kloumann auf dem steil abfallenden Gipfelgrat erbauen ließ. Zu der Zeit wütete im Tal die Tuberkulose und Kloumanns Ansicht nach konnten die Patienten nur dort oben in der dünnen Luft Heilung finden. Heute wird der dreietagige Skåla-Turm mit den 20 Betten vom norwegischen Wanderverein DNT als Selbstversorger-Hütte betrieben.

Treppen steigen

Auch heute Morgen begrüßte uns alles andere als schönes Wetter. Der Himmel trägt grau in grau und je weiter wir hinaufkommen, desto kühler wird es. Erst ziehe ich ein langärmliges Shirt über, dann die Softshelljacke, später Goretex-Hose, Handschuhe und Wollmütze. „Aber es soll trocken bleiben“, verkündet Marita. So wie sie das sagt, könnte sie auch prächtigen Sonnenschein verkünden. Sie strahlt übers Gesicht und springt leichten Fußes dahin. Wie oft sie schon auf dem Skåla war? „Keine Ahnung, oft.“ Beim Berglauf, dem „Skåla Opp“ ist die 44-Jährige regelmäßig am Start. Ihre Bestzeit: 2 Stunden, 4 Minuten. Eine Woche nach unserem Gipfelsturm wird der Amerikaner Joseph Gray 1 Stunde und 9 Minuten benötigen.

Gut, von dem Tempo sind wir weit entfernt. Ich gehe lieber gleichmäßig gemächlich, fast wie in Trance. Die Gedanken
ziehen vorbei, genauso wie die Landschaft. Etwa das erste
Viertel des Weges verläuft im Wald und ist etwas steiler.
Später schlängelt er sich über freie Hänge und zum Schluss über felsiges Gelände. Immer wieder sind lange Passagen mit Steinplatten ausgelegt. Es ist ein bisschen wie Treppen steigen. Dem Arzt Kloumann war nämlich klar, dass Tuberkulose-Patienten keine Hochleistungssportler sind, deswegen versuchte er den Aufstieg als Reitweg anzulegen. Es ist nicht überliefert, ob es je ein Pferd hinauf schaffte.

Von Gletschern erschaffen

Auf circa 1.142 Meter versteckt sich in einer Mulde der kleine See Skålavatnet. Etwas oberhalb machen wir Pause. Wir müssen jetzt immer öfter rutschige Schneefelder queren. Gut, dass ich Wanderstöcke habe. Und gut, dass Asgeir aus seinem Rucksack eine Tafel norwegische Schoko-lade mit gesalzenen Mandeln nach der anderen zaubert. Das gibt neue Motivation. Lange sitzen bleiben wir sowieso nicht, uns pfeift zunehmend kalter Wind um die Ohren. Dafür hat man noch einigermaßen passable Sicht auf den Nordfjord und endlose Bergketten, die oben alle Weiß tragen. „Der letzte Winter war in Fjordnorwegen besonders streng und lang. Deswegen liegt hier immer noch so viel Schnee“, sagt Asgeir.

Fjordnorwegen liegt im westlichen Teil von Norwegen und erstreckt sich von Stavanger (Süden) bis nach Kristiansund (Norden). Es besteht aus den vier Landkreisen Rogaland, Hordaland, Sogn og Fjordane und Møre & Romsdal. Wie der Name schon sagt, es sind die Fjorde, die diese Region so reizvoll machen. Als Fjord bezeichnet man weit ins Festland reichende Meeresarme, die vor Millionen von Jahren durch seewärts wandernde Gletscher entstanden sind.

Heißer Tee statt Fernsicht

Am Nordfjord gibt es mehr als 230 Kilometer gekennzeichnete Wanderwege. Es gibt kurze, familienfreundliche und anspruchsvolle, ein- oder mehrtägige Touren. Auch der Aufstieg auf den

Skåla ist gut markiert. Allerdings werden Schnee, Wolken und Sturm immer mehr. Wir gelangen auf einen Sattel und biegen von dort auf den langgestreckten Bergrücken ab. Eigentlich müsste man den Gipfel von hier bereits im Blick haben. Wir sehen leider nichts. Einzig die Steinmännchen, kleine Türme aus aufgeschichteten Steinen, geben uns Orientierung in der dichten Nebelsuppe. Jeder von uns steigt stillschweigend vor sich hin. Wir wollen jetzt nur am Ziel sein. Trotz der Handschuhe sind meine Hände eiskalt und feucht. Die Beine sind schwer und müde. Wie aus dem Nichts taucht ein Felsblock auf. In roter Farbe hat jemand geschrieben: „15-20 min.“ Ich weiß nicht, ob ich mich freuen oder heulen soll. 20 Minuten kommen mir endlos vor. Und dann stehe ich plötzlich vor dem Steinturm. Die Tür knarrt beim Aufmachen. Drinnen empfängt mich heimelige Wärme. Jemand hat eingeheizt, der Teekessel blubbert, die Scheiben sind beschlagen. Ich fühle mich genauso selig, wie die beiden Skitourengeher, die wir am Morgen getroffen haben – auch wenn ich mich fast fünf Stunden und über 1.800 Höhenmeter hinaufgeplagt habe, ohne mit der vielgepriesenen Aussicht belohnt zu werden. Dafür geht’s bergab ja dann leichter. Und da meint es der norwegische Wettergott dann sogar richtig gut mit uns: zum Abschied schickt er einen Sonnenstrahl über Fjord und Skåla.

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