01-Elfmeter-2008-(3)

Vom Flügel zur Flex

Christiane Pott-Schlager hat ihr Ausdrucksmittel lange gesucht. Getroffen ist sie auf Stahl,  mit ihm ist sie eine handfeste Beziehung eingegangen: „Konstruktion der Stille“ nennt die Künstlerin die Summe ihrer Stahlarbeiten, die seit Mai in Buchform publiziert ist.

Stille und Aktionismus – die überaus aktive Präsidentin der Salzburger „Berchtoldvilla“ lässt sich nicht beschränken: Sie liebt das Spielerische, den Humor, das Experiment und sucht gleichzeitig die Reduktion. Der innere Aufschrei, ja, der ist ebenso Thema. Aber darüber spricht sie nicht gerne. Dafür hat die 1965 in Bremen geborene Künstlerin andere Audrucksformen.

Es ist ein heißer Tag. Christiane Pott-Schlager hat die Welt draußen ausgeblendet. Die Jalousien vor dem großen Fenster sind geschlossen. Der Arbeitsraum mit kleineren Stahlarbeiten, mit Flügel und zahlreichen Büchern strahlt Fokussiertheit aus, wie die große dunkelhaarige Frau, die mir gegenübersitzt, in ihrem Atelier „Artasyl“ in Lamprechtshausen, im Salzburger Flachgau.

Wann hat es sich bei dir eigentlich abgezeichnet, dass du mehrere künstlerische Begabungen hast?

Meine Mutter hat sehr bald gesehen, dass meine Zwillingsschwester und ich musikalisch begabt sind. Mit sechs Jahren, noch vor Schulbeginn, hat sie uns zum Klavierunterricht geschickt. Aber ich habe auch damals schon sehr gern und intensiv gezeichnet. Meine Schwester und ich nutzten alle verfügbaren Rückseiten gebrauchter Papiere, Zettel, Rechnungen als Ausdrucksfläche. Wir haben dieselbe Doppelbegabung. Ich habe es geliebt, einen zweistöckigen Farbkasten zu haben und entwickelte schon damals enorme Geduld, auch für aufwendigere Bilder.

Habt ihr als Zwillingsschwestern euer Leben aneinander ausgerichtet?

Ein kräftiges Lachen stoppt voreilige Schlussfolgerungen: Wir waren beide Nestflüchterinnen, sind uns sehr ähnlich und nach dem Abitur sofort von zuhause weg. Wir haben beide begonnen, Klavier zu studieren. Ich habe die Musikhochschule in Köln ausgewählt, meine Schwester die Musikhochschule in Detmold. Ein Jahr später kam meine Schwester dann auch nach Köln, damit wir als Klavierduo auftreten konnten. Wir ergänzten unser Solo-Repertoire, spielten schon sehr bald Wettbewerbe und gaben Konzerte an zwei Klavieren. Damit waren wir eng aneinander gekettet. Heute leben wir ein völlig eigenständiges Leben.

Eine Pianistin, die sich für die Arbeit mit der Flex entscheiden wird, was ging da in dir vor?

Meine Klavier-Professorin war sehr streng, legte viel Wert auf Disziplin und konsequentes Üben. Bei ihr lernte ich, die eigenen Grenzen zu überschreiten und extrem diszipliniert zu werden. Mit der Kunstakademie, die sich in Köln ganz in der Nähe meiner Wohnung befand, habe ich parallel zum Klavierstudium sehr geliebäugelt. Nach dem Üben verbrachte ich dort viel Zeit mit Aktzeichnen, Porträtzeichnen, Ölmalerei und anderen Kursen. Bei der Zwischenprüfung in Klavier hatte ich sogar gehofft durchzufallen, um endlich Zeit für die Kunstakademie zu haben. Aber stattdessen bestand ich mit „sehr gut“ und blieb –  rückblickend gesehen, aus Vernunftgründen – noch Jahre beim Klavier. Die Faszination für Stahl hat sich erst später ergeben.

Wann kam der Bruch mit dem Klavier – wenn man das überhaupt so nennen kann?

Das war ein längerer Prozess: Das anspruchsvolle Konzertprogramm für zwei Klaviere nahm den ganzen Menschen ein. Meine Welt beschränkte sich auf schwarze, weiße Tasten. Wenn ich abends die „Übungszelle“ verließ, wusste ich nicht, worüber ich reden sollte. Das Dasein als Interpretin wurde mir zu eng. Dazu kam die Einsamkeit.

Aufgefangen wurde ich von der bildenden Kunst. Durch sie konnte ich die Dynamik des Lebens durch Farbe und expressive Pinselstriche oder Strukturen sichtbar machen. Ich durfte experimentieren. Am Beginn vieler meiner Werkgruppen steht auch heute noch das Experiment. Für mich ist es ein Schlüssel zum Material und seinen Gestaltungsmöglichkeiten.

Die Aufnahmeprüfung für Bildende Kunst habe ich, um zur Frage zurückzukommen, erst mit 28 Jahren gewagt zu machen. Ich wurde in die Malereiklasse von Professor Dieter Kleinpeter am Mozarteum aufgenommen.

Wann bist du dann dem Stahl begegnet?

Genau in dieser Zeit hatte ich einen Schweißkurs belegt und der brachte mich direkt zum Stahl. Mit ihm eröffnete sich die Möglichkeit monumentaler Konstruktion. Stahl lässt mich spontan in großen Dimensionen gestalten. Er hat mich allerdings auch Klarheit gelehrt. Er hat meine Formensprache ins Minimalistische und Spartanische verändert. Natürlich musste ich zuerst das Handwerk lernen. Es ist eine harte Arbeit, man ist total dreckig, man schwitzt wie blöd. Aber die Lust, mich an diesem Material abzuarbeiten, ist entschieden größer als die körperliche Herausforderung, die es einem abverlangt. 

Was sind die Inhalte, die du mit den Stahlobjekten transportieren willst?

Meine Objekte erzählen nichts. Sie sind. Ihr Dasein ist ein pures Lebenszeichen. Sie repräsentieren Strukturen des Alltags, der Gesellschaft.

In China habe ich zum Beispiel für die technische Universität in Chengdu eine acht Meter hohe Arbeit gebaut. Sie heißt „In Suspence“ – „In Spannung“. Diese Arbeit ist Ausdruck eines ausgeklügelten Experimentes. Ich brachte mittels Mechanik riesige Platten in Bewegung. Bei dieser Form der präzisen Verspannung reagiert jeder Quadratzentimeter Stahl.

Das Experiment funktionierte und ließ sich auch auf gesellschaftlicher Ebene interpretieren: Kräfte, die an einem Punkt angreifen, bringen das ganze System in Bewegung. Durch die formale Klarheit haben es die Chinesen als Inbegriff des Dào definiert.

Du bist Präsidentin der „Berufsvereinigung Bildender Künstler“ in Salzburg mit Sitz in der „Berchtoldvilla“?

Das bin ich seit 2012. Es handelt sich um eine große Aufgabe und rein ehrenamtliche Tätigkeit. Ich arbeite gemeinsam mit einem engagierten, diskursfreudigen Team. Als Künstlerin suche ich dort den kreativen Raum. Als Präsidentin lebe ich aber auch für die Kolleginnen und Kollegen und übernehme Verantwortung für das ganze Haus, sein Programm und seine Verwaltung.

Cathy Kagiri, geboren 1990 in Nairobi, Kenia, kam vor fünf Jahren nach Österreich, um zu studieren. Als Au Pair-Mädchen fasste sie Fuß in Salzburg. Heute ist die schöne Kenianerin fast fertig mit ihrem Geschichte – Studium an der Universität Salzburg – und außerdem die frisch gekrönte Miss Integration sowie unser Cover-Model der SALZBURGERIN. Für Cathys titeltaugliches Make-up und Haare sorgte Evelyn Karbach vom Team Mario Krankl. Die 24-Jährige wurde Newcomerin des Jahres 2015 bei den Austrian Hairdressing Awards und hat mit ihrer allerersten Kollektion bereits die begehrte Trophäe für das Team Mario Krankl (Judengasse 11 in Salzburg) gewonnen.

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