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Völlig losgelöst

Das Wettrennen hat begonnen – um den Mars, eine neue Raumstation und die Besiedelung des Mondes. Ist die Eroberung des Weltraums nur der Ego-Trip von Staatsmännern oder die Zukunft der Menschheit?

Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht. Zuerst die schlechte: Die Wissenschaft sagt unserem Planeten keine gute Zukunft voraus. Ganz im Gegenteil. Experten sind überzeugt, dass die Sonne heller werden und sich die Erde im Zuge dessen derart stark erwärmen wird, dass die Ozeane verdampfen und so ein Treibhauseffekt entsteht, der ein Ansteigen der Temperatur um mehrere 100 Grad bewirken wird. Und nun die gute Nachricht: Das passiert erst in mehreren hundert Millionen Jahren. Die Menschheit hat also eine Galgenfrist, die es zu nutzen gilt. Dieses Horrorszenario scheint fern, doch wenn es um das Auffinden und Besiedeln neuer Planeten geht, zählt wohl jede Minute. Denn nach derzeitigem Wissensstand scheint die Erde in unserer Galaxie vorerst der einzig bewohnbare Planet zu sein.

Held des 21. Jahrhunderts

Wenn dieser Tage von bemannter Raumfahrt gesprochen wird, dann ist es nicht mehr der Mond, der im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern der Mars. Der Mars ist der Mond des 21. Jahrhunderts. Schon jetzt kurvt seit rund drei Jahren der Rover „Curiosity“ auf dem roten Planeten umher und sammelt wichtige Informationen. 2020 soll ihm ein Nachfolger zur Seite gestellt werden, der neben einem UV-Laser zur Untersuchung des Gesteins auch ein Sauerstoffherstellgerät an Bord haben wird. Eine nicht uninteressante Tatsache für all jene Menschen, die ab 2025 beginnen sollen, den Mars zu besiedeln. Das sind lediglich zehn Jahre, die zur Vorbereitung bleiben. Das ehrgeizige Projekt stammt aus den Niederlanden und läuft unter dem Namen „Mars One“. Und es sind nicht die NASA oder ESA, die sich hier profilieren wollen, sondern private Investoren. 200.000 Menschen haben sich im vergangenen Jahr für die Mission ohne Rückflugticket beworben, nur 24 von ihnen werden in dem Raumschiff sitzen, das in die Geschichte eingehen soll. Das Auswahlverfahren läuft auf Hochtouren. Die Hardware – von Rakete bis Weltraumstation – muss jemand anders stellen, „Mars One“ kümmert sich lediglich um die Besatzung. Prognostizierte Kosten: sechs Milliarden Euro, die durch Sponsoren und vor allem durch Fernsehrechte finanziert werden sollen. Was unmöglich klingt, wird realistisch, wenn man sich die Summen ansieht, die beispielsweise bei den Sommer- und Winterolympiaden zwischen 2009 und 2012 eingenommen wurden: mehr als acht Milliarden Euro, rund die Hälfte durch Fernsehrechte. Aber natürlich denken auch die Amerikaner über eine Besiedelung nach. So ließ die NASA verlautbaren, schon in vier Jahren eine bemannte Marslandung vornehmen zu wollen – 50 Jahre nachdem der erste Mensch einen Fuß auf den Mond setzte. Was für ein genialer Schachzug und was für eine Demonstration von technischer Überlegenheit. Ein großer Vorteil für die Besatzung: Die NASA möchte ihre Leute sehr wohl wieder auf die Erde zurückbringen.

Realität oder Fiktion?

Zunächst gilt es aber Elementares zu klären: Grundvoraussetzung für die Besiedelung des Mars ist Wasser. Ohne dieses wichtige Element braucht über weitere Schritte erst gar nicht nachgedacht werden. Die unbemannten Mars-Rover sollen genau dieses unter der Oberfläche aufspüren. Aber wie soll eine solche Besiedelung denn aussehen? Die Mission ist durchaus mit der Eroberung des Wassers zu vergleichen. Anfangs waren es nur kleine präparierte Baumstämme, auf denen Menschen aufs Meer hinaus ruderten, heute überqueren Ozeanriesen mit Tausenden von Passagieren die Meere. Und so könnte es funktionieren: Die Wissenschaft weiß, dass der Mars früher um einiges wärmer war als heute, dass es Flüsse und Seen gegeben haben muss. Die Aufgabe muss also sein, den Planeten aufzuheizen und wie das funktioniert, wissen wir leider aus eigener Erfahrung: Treibhausgase. So wird gefrorenes CO2 aus den Böden frei, der Luftdruck steigt, irgendwann fließt auch wieder Wasser. Die Mars-Siedler könnten dann beginnen, die Umgebung mit Bakterien und Flechten zu „impfen“, die in der Antarktis gedeihen – später folgen Moose und Bäume, die die Atmosphäre mit Sauerstoff anreichern. Und fertig ist der neue Planet. Experten nennen den Vorgang Terraforming – also einen Planeten nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Der Haken: Auch wenn das Szenario in der Theorie möglich scheint, es braucht Tausende von Jahren und das Problem mit der sich erwärmenden Sonne wird mit dieser Taktik auch nicht gelöst. Und natürlich gibt es nicht nur Optimisten was die Besiedelung angeht, und die Kritiker sind keine namenlosen. So äußerte kürzlich beispielsweise der angesehene russische Kardiologe und ehemalige Kosmonaut Oleg Jurjewitsch Atkov auf einem Symposium in Wien seine Bedenken: Er ist überzeugt, dass die Menschen für ein solches Vorhaben noch nicht bereit sind – die Reisenden sind einer lebensbedrohenden Strahlung ausgesetzt und das fehlende Magnetfeld kann für psychische Instabilität sorgen. Auf einer derart langen Reise sind auch die Auswirkungen der Schwerelosigkeit nicht abschätzbar, denn auf dem Mars wird sich kein Arzt um die Regenration der Muskulatur kümmern, wenn die Reisenden nach einem Jahr dort ankommen. Ergo: Man benötigt Technologien gegen die Strahlung, ein künstlich erzeugtes elektromagnetisches Feld und künstliche Schwerkraft. Ein Land alleine kann das finanziell nicht stemmen. Atkov: „Es müssen alle großen Weltraumorganisationen zusammenarbeiten.“

Eigene Interessen

Es gibt sechs Nationen, die im Bereich der Raumfahrt ernsthafte Ziele verfolgen und auch entsprechendes Know-How und Geld investieren: USA, Russland, Europa, China, Japan und Indien. Die Motive? Natürlich ist es ein Beweis des Fortschritts und der Macht. Man denke nur an den Wettlauf der Amerikaner gegen die Russen, als es um den ersten Menschen auf dem Mond ging. Natürlich ist es auch die Entdeckernatur des Menschen, die uns immer weiter forschen lässt, aber auch bedrohliche Szenarien wie das Risiko eines Asteroideneinschlags, die Überbevölkerung oder die Suche nach Rohstoffen. Im Prinzip möchte man also glauben, die Nationen ziehen an einem Strang. Leider ist es aber auch bei der Raumfahrt nicht gar so leicht – jede Nation verfolgt eigene Interessen und der beste Beweis dafür ist die Raumstation ISS. Bis dato wird sie als gigantisches Gemeinschaftsprojekt geführt, doch ihre Tage sind gezählt. 1998 hatte der Bau begonnen und somit hat sie ihre geplante Lebensdauer von rund 20 Jahren bald erreicht. Spätestens 2020 soll ihr Dienst vorbei sein. Doch was passiert dann? Bei der Beantwortung dieser Frage offenbart sich wieder die Uneinigkeit der Nationen. Geht es nach den USA, soll die ISS kommerzialisiert werden. Überhaupt der gesamte Sektor bis zum Mond soll nach Wunsch der Amerikaner in private Hände. Darüber hinaus – also beispielsweise für die Strecke vom Mond bis zum Mars – wird künftig die NASA zuständig sein. Um das zu bewerkstelligen, wurde bereits eine eigene Behörde für Raumfahrtkommerzialisierung gegründet, das „Center for the Advancement of Science in Space“ (CASIS) – diese macht sich aber derzeit vor allem mit Erfolglosigkeit einen Namen. Die Russen wollen die ISS hingegen sterben lassen und planen eine Raumstation im Alleingang. Die Europäer wollen die Raumstation weiter betreiben, was alleine aber nicht möglich sein dürfte – weder technisch noch finanziell. Patt! Also wie könnte es weitergehen? Treibende Kraft werden wohl weiterhin die Amerikaner bleiben und deren Vision ist die Exploration, die 2021 starten soll: Ein bemannter Raumflug zum Mond, bei dem sich die Europäer und die Japaner wohl anhängen werden müssen, da das Geld für eigene Projekte fehlt. Bleiben natürlich auch noch die Chinesen, die ohnehin seit Jahren ihr eigenes Ding durchziehen. Die erste eigene Raumstation, Tiangong-1, ist bereits fertiggestellt, ein bemannter Flug zum Mond soll in etwa zehn Jahren starten, der Mars wurde für 2040 bis 2060 angepeilt. Vergleicht man den Terminplan mit jenem der Amerikaner fällt auf, dass er ziemlich ident ist. 

Ideenreichtum

Abseits der Kämpfe um den ersten Mann oder die erste Frau am Mars schießen zahlreiche innovative Ideen aus dem fruchtbaren Weltraumboden. Ein Beispiel ist der schon seit vielen Jahren diskutierte Weltraumlift, der in der Theorie durchaus möglich wäre. Das größte Problem ist neben der Finanzierung vor allem der richtige Stoff für ein solches Kabel, das ausreichend fest und lang wäre, um diese Verbindung herzustellen. Im Gespräch sind Kohlenstoffnanoröhren und Graphen, im Praxistest besticht keines von beiden. Ist dieses Problem aber gelöst, ist der Weg zum All frei. Wir wären nicht mehr auf Raketen angewiesen, die das Zigfache ihrer Last an Treibstoff mitnehmen müssen, um überhaupt die Schwerkraft überwinden zu können. Material und Menschen könnten in großen Mengen in den Weltraum befördert, gigantische Weltraumstationen gebaut und riesige Solarkraftwerke in die Umlaufbahn gebracht werden. Es klingt absurd, aber so klang die Idee von Raketen vor 100 Jahren auch noch. Eine andere Idee stammt von einer Kooperation der ESA mit einigen Industriepartnern, die mithilfe eines 3D-Druckers eine Raumstation am Mond errichten möchten. Indem Materialien zum Bau verwendet werden, die vor Ort sind, kann die von der Erde aus notwendige Logistik auf ein Minimum reduziert werden. Auch so lässt sich das Problem des Transports mit Raketen umgehen. Eine längst wahr gewordene Idee sind die kommerziellen Flüge ins All für gut betuchte Weltraumtouristen. Einige haben sich in der Vergangenheit bereits auf der ISS eingecheckt – für rund 20 Millionen Euro. Virgin Galactic wollte diese Erfahrung auch normalen Menschen zugänglich machen – für rund 200.000 Euro. Der Absturz ihres Raumgleiters „SpaceShip Two“ im vergangenen Jahr hat dem Weltraumtourismus allerdings einen schweren Schlag versetzt, ihn wahrscheinlich um Jahre zurückgeworfen. Aber nicht nur Virgin Galactic wird darunter leiden. Auch die Unternehmen Airbus, Boeing, XCOR Aerospace und die EADS-Tochter Astrium Space Transportation haben schon viel Geld und Zeit in den Bau eines Raumgleiters investiert. Die Ideen reichen aber noch weiter. Nicht bloß ein paar Sekunden der Schwerelosigkeit sollen die Touristen erleben dürfen, sondern sie sollen bei höchstmöglichem Komfort in einem Weltraumhotel übernachten. Utopische Pläne gibt es viele. So hat sich der Milliardär Robert Bigelow, Eigentümer der amerikanischen Hotelkette Budget Suites of America, von der NASA die Patente für aufblasbare Habitate gekrallt. Der Vorteil: Sie entfalten sich erst im All und sind um vieles leichter als Metallkonstruktionen. Das russische Unternehmen Orbital Technologies hat schon vor vier Jahren die Fertigstellung eines Weltraumhotels im Jahr 2016 angekündigt. Doch es ist still geworden um das Unternehmen. Schaut man auf ihre Homepage ist die letzte News-Meldung so aktuell wie die Ankündigung selbst. Es steckt also noch alles irgendwie in den Kinderschuhen, ist in der Theorie möglich und dennoch weit entfernt. Gut, dass uns unser Energielieferant Nummer 1, die Sonne, noch eine Galgenfrist von einigen Millionen Jahren lässt.

Andreas Feichtenberger

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