altstadt_die_salzburgerin

Visionäre der Altstadt

Im Interview: Andreas Gfrerer, Eigentümer des arthotel Blaue Gans in der Getreidegasse und Obmann des Tourismusverbandes Salzburger Altstadt.

Wie stellen Sie sich den Tourismus der Zukunft vor, wer sind die BesucherInnen der Stadt, und was löst ihre Reisemotivation aus?

Es gibt definitiv ein Spannungsfeld zwischen Individualtourismus und Massentourismus. Den rund 2,6 Mio Nächtigungen stehen mehr als das Doppelte an Besichtigungstouristen mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 5,5 Stunden gegenüber. Eventisierung von Traditionen, Verschiebung von Umsätzen zu nicht bewohnerrelevanten Sortimenten, das ist eine negative, wenig nachhaltige Entwicklung. Wir müssen daher vielmehr die Frage stellen, wo wir langfristig Wertschöpfung generieren können. Authentizität im Sinn von Ursprünglichkeit und Echtheit ist ein Schlüsselwert, und damit meine ich keine noch so lebendig erzählten Geschichten über Sound of Music oder Mozart.  Sondern die Erfahrung von Urbanität, das Erlebnis von Multifunktionalität und Durchmischung als Ergebnis eines jahrhundertelangen Zusammenlebens. Das ist die Einzigartigkeit einer Stadt, im Fall Salzburgs mit reizvollem Kontrast von Natur und Architektur. Eine wichtige Unterscheidung für uns ist also die zwischen Generator und User: wer oder was generiert einen echten Mehrwert für die Authentizität der Altstadt, und wer oder was will sie nur (ab)nutzen?

Wie präsentiert sich die Salzburger Altstadt in den nächsten fünf bis zehn Jahren im Hinblick auf Gestaltung und Mobilität?

Unsere Erfahrung ist: Radikale Verkehrsbeschränkungen vermindern auch die Frequenz der Fußgänger in der Altstadt. Nun sehen wir aber den reinen Durchzugsverkehr durch die Altstadt ebenfalls kritisch. Wir haben daher mit Verkehrsexperten ein Konzept erarbeitet, das drei Zonen definiert:

A) Die mit Pollern bewehrte, relativ große Fußgängerzone im derzeitigen Ausmaß.

B) Eine daran anschließende Begegnungszone (shared space) vom Hildmannplatz bis zur Griesgasse, mit mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer, was die Einfahrt mit dem Auto zwar erschwert, aber immerhin möglich macht.

C) „Versorgungsstränge“ ohne Verkehrsbeschränkungen. An diesen Linien befinden sich sinnvollerweise auch komfortable Möglichkeiten, Fahrzeuge altstadtnah abzustellen. Und: Ja, das ist ein Plädoyer für den Ausbau der Mönchsberggarage.

Eine wichtige Feststellung dabei ist: Salzburgs Verkehrsproblem kann nur an seinem Ursprung gelöst werden, und der liegt nicht in der Altstadt.

Was zeichnet Salzburg als Kulturhauptstadt aus? Was ist das Besondere daran bzw. gibt es etwas, das Sie vermissen?

Was darf man in kultureller Hinsicht von einer Stadt mit 150.000 Einwohnern erwarten? Für diese eher geringe Einwohnerzahl haben wir ein dichtes Angebot von ganzjährig aktiven Kultureinrichtungen und punktuell stattfindenden Festivals. Das ist schon toll! Gleichzeitig ist für mich eine gewisse Monothematik, eine „Musiklastigkeit“ gegeben. Die bildende Kunst z.B. ist unterrepräsentiert, auch wenn es nachvollziehbar ist, dass die Musik in Salzburg eine wichtige Rolle einnimmt. Eine Frage, die mich interessiert ist: Welche Zugänge und Formate braucht es für die Generationen nach uns? Der Konzertbesuch in Goldenen Sälen, ein Theaterabo, das ist schon für meine Generation keine selbstverständliche Form der Kulturkonsumation mehr. Ich habe das Gefühl, Salzburg verlässt sich zu sehr auf ein Bildungsbürgertum, das in dieser Form nicht mehr so häufig vorkommen wird.

Wie positioniert sich die Stadt Salzburg im Heute?

Für mich ist viel entscheidender: Wie positioniert sich die Stadt im Morgen? Wir haben daher eine Zukunftswerkstatt eingerichtet, die in Expertengruppen und in einem breiten Beteiligungsprozess wichtige Zukunftsfragen aufgreift. Geändertes Konsumverhalten, technologische Entwicklungen (Online-Handel), Mobilität, touristische Markenführung, Immobilienpreise, Alltagskultur: Mit diesen und anderen Themen beschäftigen wir uns in diesem dauerhaft installierten Innovationsprozess. Weil nur dauerhafte Weiterentwicklung zu dauerhaftem Erfolg führt.

199 total views, 1 views today

Alle Beiträge aus Die Altstadtin


Facebook Icon