Nichtstun_die_salzburgerin

Viel Lärm ums Nichts(tun)

Einfach einmal abhängen, keine Aufgaben erledigen, kein Sport, keine Arbeit – hört sich leicht an, ist es aber nicht. Warum wir manchmal einfach nichts tun sollten.

Arbeit, Familie, Hobbys, Freunde – der Terminkalender ist der stille Zeuge einer systematischen Überforderung. Am besten wäre, der Tag hätte nicht 24, sondern 30 Stunden, und selbst dann verplanten wir die Zeit bis auf die letzte Minute. Denn es gibt immer was zu tun. Und aus diesem ungeschriebenen Gesetz ergibt sich wieder ein weiteres: Irgendjemand oder irgendetwas kommt immer zu kurz. Oft gar nicht deshalb, weil wir es müssen, sondern weil wir es wollen. Wir setzen dem Arbeitsstress mit unserem Freizeitstress noch die Krone auf. Schließlich zwingt uns ja niemand zum Abendessen bei den Nachbarn, zur Radtour mit der Freundin oder zum Fußballspielen mit den Kindern. Stressig ist es aber dennoch irgendwie, denn da muss ja vorher noch die Wäsche gemacht werden, und der Wochenendeinkauf steht auch noch an. Alltagssituationen, die uns eine allgegenwärtige Hektik und Schnelllebigkeit vor Augen führen und die Gründe für die konstant steigenden Burn-Out-Diagnosen frei Haus liefern. Es ist der Tribut, den eine moderne Leistungsgesellschaft eben fordert. Ein Grund mehr, einen Riegel vorzuschieben, und nicht erst dann zu reagieren, wenn es bereits zu spät ist.

Eine Ode an die Öde

Ein Weg aus dem Hamsterrad könnte der Versuch sein, einfach einmal nichts zu tun. Kein Buch lesen, kein Gesellschaftsspiel, kein Fußball, kein Fernsehen. Natürlich kann man argumentieren, dass eben diese Beschäftigungen für den verdienten Ausgleich zum Alltag sorgen. Rein subjektiv mag das stimmen, objektiv betrachtet, ist es allerdings ein Widerspruch, nach einem harten Arbeitstag, an dem man ohnehin schon mit vielen Menschen zu tun hatte, gleich wieder eine Überdosis Aktion, Interaktion und Information zu konsumieren. Der Körper braucht einen Ausgleich. Es sollte am besten das Gegenteil von dem sein, was man über den Tag verteilt erlebt hat. Das Gehirn braucht verschiedene Reize, es braucht Abwechslung. Und die sollten wir ihm auch bewusst geben. Das muss nicht abends sein, wenn die Familie Ihre Aufmerksamkeit braucht, ein Müßiggang lässt sich bestens auch in den Arbeitsalltag integrieren – selbst wenn er stressig sein sollte. Sie glauben es nicht? Einen Versuch sollte es aber dennoch wert sein. Die kurze Spanne des Nichtstuns wird Ihre Arbeit nämlich eher bereichern als behindern. Der Grund dafür ist mehrfach wissenschaftlich untersucht: Das Gehirn kennt keine Pause. Es arbeitet immer, gelegentlich eben nur anders. Gelegentlich schaltet es in eine Art Leerlauf. Wir kennen das Gefühl alle – etwa, wenn wir uns beim Lesen eines Buches auf den Inhalt konzentrieren wollen und plötzlich in andere Gedanken verfallen. Am Ende der Seite wissen wir nicht mehr, was wir eigentlich gelesen haben. Die Wissenschaft spricht von „Default Mode Network“, das immer dann aktiv wird, wenn wir zur Ruhe kommen. In diesen Momenten sind wir bei uns. Wir tun nichts, wenn man so will. Und das hat einen immens positiven Nebeneffekt. Denn diese Langeweile im Kopf macht kreativ, wie eine Studie belegt: Die Versuchsleiter ließen eine Gruppe von Probanden Telefonnummern abschreiben – eine immens stupide Arbeit, vor allem auf Dauer. Die Vergleichsgruppe war mit spannenden Tätigkeiten beschäftigt. Anschließend wurden kreative Aufgaben gestellt und die „Telefonnummernabschreiber“ konnten signifikant bessere Ergebnisse erzielen.

Einfach einmal nein sagen

Die Theorie ist aber eben leider immer rosiger als die Praxis. Nichtstun? Wie soll das denn funktionieren? Bei den meisten von uns entsteht bei dem Gedanken ans Nichtstun eher ein Unwohlsein als ein unstillbares Verlangen. Wer aktiv auf seine Auszeiten achtet, gilt ganz schnell als faul. Arbeit und Stress gelten in der Gesellschaft als erstrebenswert, sind ein Erfolgsfaktor, ein Synonym für Wohlstand. Wer Überstunden schiebt, ist unentbehrlich, hat in der Firma etwas zu sagen. Muße hingegen ist eine schlappe Umschreibung für den Wunsch danach, in der Arbeit eine ruhige Kugel schieben zu können. Wen wundert es also, dass man lieber einmal mehr ja als nein sagt. Nicht immer ist das die richtige Taktik. Entgegen unserer Überzeugung wird sich die (Arbeits-)Welt nämlich auch dann weiterdrehen, wenn wir gelegentlich ein Nein äußern. Die Firma wird immer noch stehen, wenn wir einen Tag Auszeit genommen haben. Diese Kraft loszulassen, verschafft uns die Zeit zu mehr Muße, zu einem sinnvollen Ausgleich. Wahrscheinlich wird es nicht auf Anhieb funktionieren. Alleine fünf Minuten still an einem Fleck zu sitzen, wird bei den ersten Versuchen zu einer Zerreißprobe werden. Der Kollege gehört angerufen, die Waschmaschine entleert, der Klempner bestellt, die Katze entwurmt – egal, wo Sie Ihre Ruhe suchen, es wird immer etwas geben, das gerade erledigt gehört. Aber nicht in diesem Augenblick! Jetzt ist Zeit für Sie selbst, Zeit zum Nichtstun. Wenn Sie diese Gedanken erst einmal verinnerlicht haben, werden Sie bald feststellen, dass Entschleunigung kein Fluch, sondern ein Segen sein kann.

Allheilmittel Urlaub

Die schönste Zeit des Jahres! Wir hangeln uns von einem Urlaub in den nächsten. Drei Wochen mit dem Wohnmobil, eine Woche am Gletscher oder ein entspanntes Wochenende im Wellness-Ressort. Diese 25 Tage im Jahr tragen die Last eines stressgeplagten Arbeitsjahres auf ihren Schultern. In diesen 25 Tagen holen wir uns zurück, was uns die Arbeitswelt auf hinterlistige Art und Weise gestohlen hat. Strotzend vor Energie werden wir wieder aus den Ferien zurückkehren! Das hört sich gut an, ist aber wohl eher eine Illusion. Wenn der Stress nicht schon vor Antritt des Urlaubs seinen Tribut fordert und wir am ersten Urlaubstag krank ins Bett sinken, so wird unsere neu gewonnene Freizeit mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die erhoffte Erholung bringen. Der Grund: Auch während der Urlaubszeit stehen nicht Muße und Ruhe im Vordergrund. In der Destination unseres Begehrens stehen Animation, Abenteuer und Sport auf dem Programm. Hinzu kommt, dass ein Urlaub auch immer mehr zum Prestigeobjekt wird. Je exklusiver und individueller die Ferien gestaltet werden, desto mehr kann man seinen Freunden und Bekannten davon berichten. Diese soziale Komponente darf nicht unterschätzt werden. Der eigentliche Sinn der freien Tage rückt so aber in den Hintergrund. Das zeigt auch der Trend zu Kurzurlauben. Das Motto: Wir wollen in immer kürzerer Zeit immer mehr erleben – je ausgefallener desto besser. Für Experten ein Warnzeichen, denn wahre Entspannung können die wenigen Tage nicht bringen. Empfohlen wird ein langer Urlaub im Jahr von mindestens drei Wochen. In dieser Zeit kann der Körper in seinen natürlichen Rhythmus finden, und die Batterien werden wieder aufgeladen – vorausgesetzt, die Zeit ist nicht vollgestopft mit einer Vielzahl an Freizeitaktivitäten.

Andreas Feichtenberger

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