beitrag_criticus

Verwöhnen wir unsere Kinder zu sehr?

Ein Kommentar von Jan Uwe Rogge, Autor und Erziehungsberater
Foto: Jan Heitmann

Foto: Jan Heitmann

Der Begriff „verwöhnen“ ist eigentlich völlig abstrakt. In der Regel gibt es hier eine materielle und eine emotionale Komponente. Über beides muss man reden.

Wenn es nun um das Materielle geht, ist es doch so, dass man gerne schenkt. Und ich finde es auch gut, dass man schenkt und verschenkt! Aber es muss angemessen und im Rahmen sein – das heißt im Rahmen dessen, wie alt das Kind ist. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die Kinder nicht nur von den Eltern beschenkt werden. Auch die Großeltern umsorgen und beschenken die Kinder. Zudem kommt noch ein wichtiger Aspekt hinzu: Weniger ist mehr! Man muss nicht unbedingt ständig im Einsatz sein, sondern in der Tat ist es so, dass für ein Kind weniger mit Überzeugung Geschenktes oft richtig sein kann.

Meiner Meinung nach kann man aber nicht sagen, dass das materielle Verwöhnen und Beschenken Auswirkungen hat. Das sind Allgemeinplätze, die sich in Formulierungen wiederfinden. Natürlich kann ein Kind ständig materiell überversorgt sein. Das Problem dabei ist aber nicht das Verwöhnen an sich, sondern dass das Kind es gewohnt ist, immer alles zu bekommen. Daraus kann eine Maß-losigkeit entstehen. Kinder haben eine sehr gute Selbsteinschätzung und wissen ganz genau, von wem sie etwas bekommen und von wem nicht.

Das Materielle – so denke ich – muss man begrenzen, das Immaterielle, also die Zuwendung, die Nähe, die Aufmerksamkeit, kann und darf sehr wohl auch maßlos sein. Es
besteht in diesem Zusammenhang keine Gefahr, das Kind zu sehr zu verwöhnen! Wir sind immer dabei, eine Gefahr zu entdecken. Dabei vergessen wir, dass Kinder eine
Meinung und eine Persönlichkeit haben. Sie wissen, woran sie bei ihren Eltern, Großeltern und Verwandten sind.

Wenn ich diese ständigen Diskussionen über die Auswirkungen des Verwöhnens höre, dann müssten alle Kinder Narzissten sein. Das ist aber nichts Neues – diese Diskussionen gibt es schon seit über 30 Jahren. Kinder werden keine Narzissten durch zu viel materielle Geschenke und auch nicht durch Zuwendung und Liebe. Das sind Gleichungen, die für mich nicht stimmen. Es ist eben auch ein tolles mediales Thema, das gut zu Weihnachten und den Feiertagen passt. „Den Kindern Zeit schenken“ heißt dann oft die Gegenbewegung und die Forderung. Da vergisst man aber, dass Kinder Zeit für sich und Zeit dafür, mit Freunden abzuhängen und zu chillen, brauchen.

Verwöhnen wir unsere Kinder zu viel? – Materiell verwöhnt man Kinder manchmal zu heftig! Was die Nähe und die Aufmerksamkeit anbelangt, verwöhnt man sie häufig zu wenig. Kinder wollen so angenommen werden, wie sie gerne sind und nicht, wie man sie gerne hätte.

Kinder wollen Zuwendung ihrer Eltern und nicht Zuwendung über Playmobil!

Ich würde den Eltern empfehlen, anstelle von großen Weihnachtsgeschenken auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen. Geht dahin und atmet den Geruch der Säfte, die da kochen, und der Bratwurst, die da vorbereitet wird, ein! Man hat Zeit dafür, sich aufeinander einzulassen. Man spürt sich selber, man spürt die Kinder, man spürt sich gemeinsam – vielleicht das beste Geschenk.

214 total views, 1 views today

Alle Beiträge aus Aktuelles


Facebook Icon