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Teppiche – Design- & Wohnobjekte

Ein Teppich ist für uns ein ganz selbstverständlich gewordenes Wohn-Accessoire. Dass der Teppich eine lange Geschichte hat, woher er kommt und welch vielfältige Formen und Muster es gibt, das ist eine eigene Wissenschaft, die aber oft wenig beachtet wird, wenn es um Wohnen und Einrichten geht. Und moderne Teppiche können oft mehr als nur dekorativ zu sein.

Eines sei gleich vorweg festgehalten: Wir reden hier nicht vom Teppich als Bodenbelag, also vom Teppichboden, nein, es geht vielmehr um den Teppich als Kunst- und Designobjekt, als individuelles Stück, das unseren Wohnstil charakterisiert und kontrastiert oder unterstützt. Der Teppich ist selbstverständlich auch ein Gebrauchsgegenstand, aber einer, der in unserer Zeit auch sehr zeitgenössisch sein kann, sprich modern und aus unterschiedlichsten Materialien, nicht nur klassisch nach der Art des wohlbekannten Orient- bzw. Perserteppichs.

Klassiker und Geschichte

Der Orientteppich gilt als „Klassiker“ und steht für einen handgewebten oder geknüpften Teppich aus der Türkei, aus dem Iran, aus dem Kaukasus, aus Indien, China etc., also aus dem „Orient“. Wobei auch noch grundsätzlich zu unterscheiden ist, ob ein Teppich „flach gewebt“  oder mit Flor geknüpft wurde. Ohne auf die verschiedenen Knoten und vielfältigen Spielarten ihrer Machart einzugehen, sei erwähnt, dass die Benennungen meist von Städten, Provinzen oder Volksstämmen abgeleitet sind, manchmal auch vom Format, einer besonderen Struktur oder auf den Gebrauch hinweist. Namen von Sammel- und Umschlagplätzen kamen später dazu. Alter, Färbung, Materialien und Originalität des Musters sind die Hauptqualitätsmerkmale eines Orienteppichs, die oft genannte Knotendichte dagegen von eher untergeordneter Bedeutung.

Der wahrscheinlich älteste erhaltene Teppich wurde 1949 in Pasyryk im Altaigebirge in einem Skytengrab gefunden und ca. ins 5. Jahrhundert v. Chr. datiert. Seine hochentwickelte Knüpftechnik lässt vermuten, dass sie mindestens schon 3ooo Jahre alt ist. Die ersten Knüpfteppiche, die zur Römerzeit nach Europa kamen, stammten aus China, während die klassischen „Perserteppiche“ wahrscheinlich mit der Ausbreitung des Islam hierher gelangten. Seit 1920 etwa werden Orientteppiche in europäischen Industrieländern auch maschinell nachgeahmt. 

Kultteppich „Kelim“

Kelim oder Kilim (vom persischen Gilim) ist das türkische Wort für Teppich, und egal, wo man sich im Orient befindet, jeder weiß, wie diese Art von Teppich aussieht: Ein Kelim ist flach gewebt. Die Wurzeln des Kelims liegen im Iran, in Afghanistan und im Kaukasusgebiet. Seit Jahrhunderten fertigen die Frauen der Nomaden bis heute an kleinen Webstühlen feste Gewebe, die als Sitzmatte, Satteldecke, Wandschmuck, Türbehang oder Bodenbelag benutzt werden. Und es sind alle Unikate. Die Wolle, die mit Pflanzen und Mineralien aus der Umgebung gefärbt wird, was die wunderschönen Töne des traditionellen Nomadenteppichs erklärt, liefern die Schafe des Stammes. Die wenig unterschiedlichen Web-Techniken erlauben beim Kelim nur einfache und meist beidseitig sichtbare Muster, die oft vom Leben der Nomaden erzählen. Ein antiker Kelim muss übrigens mindestens 80 Jahre alt sein. Muster und Farben sind Teil des heute modernen Ethno-Looks, eines wichtigen Einrichtungstrends. Außerdem wird die auf den ersten Blick erkennbare handwerkliche Fertigung geschätzt, die Wolle ist von Natur aus schmutzunempfindlich, zudem verhindern die glatte Oberfläche und die feste Bindung beim Kelim, dass sich Schmutz und Staub festsetzen. Ein Kelim ist extrem haltbar und kann beidseitig verwendet werden, was die Kelim-Lebensdauer noch weiter verlängert. Neue indische Kelims werden fast identisch auch in größerer Zahl, aber immer noch von Hand gefertigt, sind aber meist auf einer Baumwollkette gewebt und preisgünstiger. „Kelims sind Teppiche für Individualisten, exklusiv und zeitlos. Durch ihre Vielfalt an Mustern und Farben – von monochrom reduziert bis hochkomplex gemustert – ergänzt ein Kelim perfekt das Ambiente jeden Wohnstils und bewirkt sowohl in Verbindung mit einem traditionellen als auch einem modernen Interieur eine besondere Atmosphäre“, sagen Monika Mierl und Monika Palzinsky vom „Objekt.Raum“.

Knüpfung und Musterung

Bei der Knüpftechnik, mit der im Orient hauptsächlich gearbeitet wird, werden Fäden eingeknüpft, die einen Flor ergeben, der nach der Fertigstellung auf eine einheitliche Höhe geschoren wird. Ohne auf Spielarten einzugehen, unterscheidet man grundsätzlich zwei wesentliche Knoten, nämlich den türkischen Ghordesknoten und den persischen Sennehknoten.  Dementsprechend unterscheidet man auch die Teppiche nach deren Knüpfungsart. Bei den türkischen Teppichen fallen die geometrischen Muster und die lebhaften Farben auf, wobei zu den bekanntesten Provenienzen Bergama, Hereke, Smyrna und Usak zählen.  Perserteppiche sind seit dem 14. Jahrhundert bekannt, wobei die Zeit der Safawidenherrschaft im 16. Jh. eine Blütezeit der so genannten Hofmanufakturen war. Erst im 19. Jh. lebte die persische Produktion wieder auf, vor allem in Ghoum, Ardebil, Schiras, Täbris usw., während im Norden des Iran, also im Kaukasusgebiet, auch „Drachenteppiche“ hergestellt wurden. Hier sind auch großflächige, geometrische Muster und lebhafte Farben üblich. Turkmenische Teppiche  zeichnen sich oft durch achteckige  oder rautenförmige Ornamente aus (Buchara, Afghan), wogegen indische Teppiche sehr oft mythologische Tierbilder und Darstellungen aus der Miniaturmalerei aufweisen. Chinesische Teppiche zeigen meist Dekorationselemente wie Drachen und Blumen, die reliefartig nachgeschnitten werden.

Teppiche der Gegenwart

Moderne, neue Teppiche sind ebenso individuell angefertigte Kunstwerke wie die Klassiker, die Materialien sind meist ebenfalls Wolle, Seide, Baumwolle, Jute, Hanf oder andere Naturprodukte, aber auch neue Stoffe finden Verwendung, etwa Viskose. Chemiefasern  und Mischungen sind modern, jedoch bleibt, wie es auch Andrea Hehle von „ArtDesign“ betont, entscheidend, wie und welche Materialien verarbeitet werden. Sogar aus dem Saft von Bananenblättern wird eine „Seide“ gewonnen und als Teppich-“Wolle“ für überaus schöne und exklusiv anmutende Teppiche verwertet. Heute liegen, so sagt die Fachfrau, vor allem jene Teppiche im Trend, die zur Einrichtung passend angefertigt werden, aber auch „Recycling“-Teppiche, z.B. aus Fahrradschläuchen, für den Außenbereich werden per Hand produziert, mitunter wird sogar Papier als Grundmaterial verwendet und aufwendig verarbeitet. Der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt, so scheint es, wenn es um die Basisstoffe geht, jedoch bleibt ein wesentliches Kriterium für Qualität und Preis die Einmaligkeit durch Handarbeit. Und nicht zuletzt sollten moderne Teppiche das „Good Weave“-Sigel haben, das soziale und ökologische Standards bei der Erzeugung garantiert, also Kinderarbeit ausschließt und die Unbedenklichkeit der Stoffe bescheinigt.

René Herndl   

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