jobwechsel

Should I stay or should I go?

Heute schon über einen Jobwechsel nachgedacht? Das Karriereprofil von zehn, zwanzig Jahren in derselben Firma scheint heutzutage immer mehr ausgedient zu haben. Über einen Trend des Wandels.
 Ein Artikel von Christine Gnahn
sonja_gerhard

Sonja Gehard, Arbeitspsychologin

Ein Fünftel aller Österreicher denkt über einen Jobwechsel nach. In Salzburg gar jeder zweite. Das zumindest ergaben aktuelle Studien zweier namhafter Jobportale im Internet. Ein Trend, der sich auch weltweit bemerkbar macht: Speziell die sogenannten „Millennials“, also Personen in einem derzeitigen Alter zwischen 24 und 34, zeigen sich laut einer Erhebung von Deloitte unstetig in ihrem beruflichen Treiben. Von 7.700 Befragten aus 29 Ländern wollen zwei Drittel bis 2020 ihren Job wechseln. Zahlen, die nachdenklich stimmen. „Die Menschen sind einfach achtsamer geworden“, erklärt die Arbeitspsychologin Sonja Gehard. In ihrer Praxis betreut die Salzburgerin sowohl Arbeitslose als auch Angestellte in Firmen. „Sie orientieren sich mehr nach außen, sehen ihre Möglichkeiten und möchten diese auch ausleben.“

„Die Arbeitnehmer werden selbstbewusster.“
Sonja Gehard, Arbeitspsychologin

Im Internet sieht Gehard einen entscheidenden Meilenstein für die veränderten und längeren Lebensläufe. „Durch Job-Portale bekommt man immer neue Anreize für verschiedene Stellen und auch durch soziale Netzwerke ergeben sich Chancen, einen Job zu finden, in dem man möglicherweise besser aufgehoben ist.“ Auch die zunehmende Unterstützung durch das AMS in puncto Umschulung und Förderung spiele hier womöglich eine Rolle. Den Trend zum Wandel sieht Gehard ab-solut positiv: „Früher haben sich die Leute noch gefürchtet, ihre Stelle zu verlieren. Heute trauen sie sich eher, eine Stelle zu suchen, die sie wirklich glücklich macht.“ Abhängig sei dies allerdings von der
jeweiligen Ausbildung der Person.

Wie aber bewerten Arbeitgeber und Personaler es, wenn im Lebenslauf häufige Wechsel und Brüche erkennbar sind? Und wann entscheiden sich Arbeitnehmer dazu, wirklich die aktuelle Stelle aufzugeben, um woanders ihr Glück zu suchen? Wir haben nachgefragt.

Langer Lebenslauf: gut oder schlecht?

wolfgang_rehrl
Foto: Wolfgang Rehrl

Wolfgang Rehrl, Geschäftsführer Rehrl + Partner Personalberatung GmbH

Früher haben Unternehmen Veränderungen durchaus geschätzt, die ein Bewerber in seinem Lebenslauf aufweisen konnte. Damals begrüßte man die Erfahrungen, die diese Person in die Firma miteinbrachte – heute rücken Werte wie Kontinuität und Treue oftmals wieder in den Vordergrund. Bewirbt sich jemand mit einem Lebenslauf, der darauf hinweist, dass die Person häufig den Job gewechselt hat, wird sich der Arbeitgeber womöglich denken: Der bleibt mir auch nicht länger als zwei, drei Jahre, wie bei den Positionen zuvor. Ich glaube aber auch nicht, dass die Arbeitnehmer heutzutage so gerne ihren Job wechseln – die Umfeldfaktoren müssen einfach stimmen. Besonders jungen Menschen sind beispielsweise die Kollegen und die Atmosphäre in einem Unternehmen sehr wichtig. Hier sollte man vielleicht auch einmal selbst die Dinge in die Hand nehmen und versuchen, zu einem besseren Klima beizutragen. So oder so handelt es sich natürlich immer um einen individuellen Fall – besonders empfehle ich daher vielleicht eine andere Art der Bewerbungen. So z.B. per Video, in dem man sich persönlich kurz vorstellt und die persönliche Eignung für die jeweilige Stelle präsentiert.. Hier sollte aber auf keinen Fall an professioneller Technik und Vorgehensweise gespart werden.

nicole_berkmann
Foto: Nicole Berkmann

Nicole Berkmann, Unternehmenssprecherin SPAR Österreich

Welchen Eindruck es macht, wenn ein Bewerber häufige Wechsel in seinem Lebenslauf aufweist, kommt stark auf den individuellen Fall an. Es spielt eine erhebliche Rolle, wie der Jobwechsel begründet wird und wie lange die Person in den unterschiedlichen Positionen jeweils tätig war. Bringt jemand einen reichen Schatz an Erfahrung aus verschiedenen Bereichen mit sich, in denen er sich eine gewisse Zeit etablieren konnte, so ist das natürlich auch für uns eine Bereicherung. Von Nachteil hingegen sind häufige Wechsel dann, wenn quasi jedes Jahr die Stelle gewechselt wurde – das legt den Verdacht nahe, dass diese Person eher schwierig zufrieden zu stellen ist. Ich würde sagen, es kommt vor allem auf das Durchhaltevermögen an und auf die Fähigkeit und den Willen, die Dinge zu einem guten Abschluss zu bringen. Wer beispielsweise zuerst eine Lehre zum Friseur absolviert und nach ein paar Jahren merkt, dass er sich doch lieber im Bereich des Marketings und der Öffentlichkeitsarbeit betätigen möchte, dann ist das doch völlig legitim. Man kann seine Meinung im Leben ja durchaus ändern. Anders sieht die Sache hingegen aus, wenn erst die eine, dann die andere und dann noch eine dritte Lehre begonnen, jedoch nicht beendet wird. Da fühlt sich das Unternehmen, bei dem man sich bewirbt, doch ein wenig wie ein Versuchskaninchen.

Grundsätzlich, so bin ich überzeugt, muss man immer vorsichtig sein, Menschen pauschal nach ihrem Lebenslauf zu beurteilen. Hinter jedem Werdegang steckt eine ganz eigene Geschichte.

friedrich_hirnboeck
Foto: Friedrich Hrinböck

Friedrich Hirnböck, Wirt Romantikhotel Gmachl Elixhausen

Im Tourismus ist das positiv zu bewerten, wenn eine Person viele Erfahrungen gesammelt hat und bereit ist, immer wieder noch etwas dazu zu lernen. Ich denke, das ist genau der Vorteil dieser Branche: Man findet überall auf der Welt Arbeit, kann neue Kulturen und Länder kennenlernen und viel erleben. Gerade bis zum 30. Lebensjahr kommen im Tourismus häufig Jobwechsel vor, danach setzen sich viele ein bestimmtes Ziel und werden kontinuierlicher in ihrer beruflichen Tätigkeit. In den letzten zehn Jahren hat sich aus meiner Perspektive heraus nicht besonders viel verändert bei den Bewerbern und Arbeitnehmern, einzig ein Trend fällt mir schon auf: der Wunsch nach geringeren Arbeitszeiten. Gerade junge Menschen möchten nicht mehr 50, sondern lieber 30 Stun-den arbeiten und ihre Freizeit genießen.

Das verstehe ich natürlich und es ist ihr gutes Recht – man muss halt dann mit dem auskommen, was einem monatlich zur Verfügung steht.

jakob_hirsch
Foto: Jakob Hirsch

Jakob Hirsch (34) von der movea marketing GmbH

Ich habe Linguistik studiert und mich auf die Klinische Linguistik spezialisiert. Anders als in Deutschland gibt es in Österreich gar kein rechtlich gestütztes Berufsbild für Klinische Linguisten – also bin ich nach dem Studium nach Bischofswiesen in Bayern und habe dort an einer Klinik angefangen. Als ich Deutschland verließ, um in der steirischen Landesklinik in Bruck/Mur zu arbeiten, wurde ich dort als „Wissenschaftlicher Dienst“ angestellt und war die nächsten Jahre im Bereich der Neurologie tätig. Schließlich jedoch trieb es mich wieder nach Salzburg: Ich führte anderthalb Jahre eine Fernbeziehung mit meiner heutigen Frau und wollte die Distanz nicht mehr. Ich fand einen Job bei einer Salzburger Firma für ambulante Reha-Dienste, in der ich sowohl im Vertrieb als auch im Marketing mitanpackte. Diese Zeit war für mich der Wegbereiter hin zu einer Tätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit. Nach Stationen bei einem Salzburger Verlag und im Tourismus, bekam ich schließlich ein unschlagbares Angebot von einer Marketingagentur. Bei movea fühle ich mich sehr wohl und angekommen.

doris_heinrich
Foto: Doris Heinrich

Doris Heinrich (32) von Hermann liefert

Meine Lebensdevise ist, sich nicht zu viele Sorgen zu machen und ruhig mal auf Risiko zu gehen. Man lebt nur einmal. Gleich nach dem Schulabschluss habe ich in der Buchhaltung angefangen – und bin dem Bereich acht Jahre treu geblieben. Sicher eine lehrreiche Zeit, aber mir war dann doch irgendwann klar, dass ich das nicht mein ganzes Leben lang machen möchte. Nachdem ich den Job gekündigt hatte, war ich erst einmal arbeitslos, bis ich schließlich eine tolle Stelle bei einer Gastronomie-Zeitschrift fand. Das hat mir viel Spaß gemacht, auch weil das Team super war – leider wurde dann das Büro in Salzburg geschlossen und ich war wieder arbeitslos. Ich beschloss, meine große Liebe zur Fotografie zum Beruf zu machen und absolvierte die Ausbildung zur Fotografin bei Hannes Auer. Großartiger Lehrmeister und der geduldigste Mensch auf der Welt. Ja, und dann kam es noch einmal etwas anders. Caroline Gerstlohner, eine Freundin aus Kindertagen, und ich hatten die Idee zu „Hermann liefert“, einem Lieferservice für ein gesundes Mittagessen am Arbeitsplatz.

Wir wurden rasch gebucht, Nachfrage bestand – und in der zweiten Lieferwoche habe ich noch die Lehrabschlussprüfung zur Fotografin geschafft. Jetzt führe ich ein aufregendes Leben zwischen Kochtopf und Kamera – und bin mehr als glücklich damit!

seda_roeder
Foto: Seda Röder

Seda Röder (35) von Sonophilia

Meine Laufbahn als Musikerin habe ich sehr klassisch mit einem Studium am Mozarteum begonnen und in der Meisterklasse von Gerhard Oppitz in München weitergeführt. Währenddessen entwickelte ich interessante Projekte rund um Repertoireforschung. Daraufhin wurde ich an die Harvard University eingeladen, um als Assistentin zu unterrichten sowie am Massachusetts Institute of Technology als sogenannter „Affiliated Artist“ tätig zu sein. Ich habe damals Studenten unterschiedlicher Fachrichtungen Musikgeschichte und Klavier beigebracht.

2012 kam ich wieder nach Salzburg und bin sowohl als Musikerin als auch als Unternehmerin tätig. Ich trete auf großen Festivals mit zeitgenössischen Repertoires genauso auf wie in Clubs mit Crossover / Avantgarde-Pop.

Mit meiner Firma Sonophilia bin ich sehr vielseitig tätig: Ich berate Unternehmen und Führungskräfte hinsichtlich ihres kreativen Potenzials, verlege künstlerische Arbeit wie Musik und Bücher unter fairen Bedingungen und veranstalte die Sonophilia Retreats, bei denen kreative Köpfe aus der Wirtschaft, der Politik, der Kunst und vielen anderen Bereichen zusammenkommen. Ich denke, wenn man für etwas brennt, ist man eine unermüdliche Quelle für immer neue Ideen.

779 total views, 2 views today

Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon