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Seelenpein und Körper-schmerz

Wem ist noch nie „eine Nachricht auf den Magen geschlagen“ oder „ein Stein vom Herzen gefallen“? Doch wenn sich eine psychische Erkrankung durch körperliche Beschwerden äußert, so dauert es durchschnittlich oft bis zu sieben Jahren, bis eine Diagnose gestellt wird.

Das Herz von Franz S. rast, manchmal sticht oder drückt es auch. Es gibt auch immer wieder Momente, da hat er das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Oder jener Fall von Josef K: Sechsmal wird der erfolgreiche Unternehmer mit Blaulicht in die Notaufnahme der Klinik gebracht. Der Verdacht ist immer wieder derselbe: Herzinfarkt. Alle Symptome deuten darauf hin – stechender Schmerz in der linken Brustseite, ausstrahlend in den linken Arm, Atemnot, Schweißausbruch, Herzrasen. Von Mal zu Mal untersuchen die Ärzte ihn genauer – von EKG und Blutuntersuchung bis hin zum Herzkatheter. „Sie haben nichts!“ Wie soll man mit einer solchen Diagnose umgehen, wenn einem doch etwas fehlt. Wenn die Schmerzen eindeutig da sind. Und wenn einem niemand glaubt. Wenn Menschen „Krank ohne Befund“ sind, dann klingt das so, als ob hier eigentlich gar nichts vorläge. Ein grober Trugschluss, wie der Salzburger Psychiater Manfred Stelzig meint: „Schließlich fand der Mann über einen gemeinsamen Freund den Weg zu mir“, so Manfred Stelzig, Primar für Psychosomatische Medizin an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Salzburg. „Eine körperliche Ursache für seine Beschwerden hatten die Kollegen in der Inneren Medizin da bereits mehrfach ausgeschlossen. Tatsächlich war der Auslöser seiner körperlichen Symptome ein Partnerkonflikt, der in einer Psychotherapie gut gelöst werden konnte. Der Fall ist real. Und er ist typisch, nicht die Ausnahme.“

Schmerzen ohne Ursache

Jeder dritte Patient, der eine Arztpraxis besucht oder sich im Krankenhaus untersuchen lässt, leidet an körperlichen Beschwerden, ohne dass eine „echte“ Erkrankung diagnostiziert werden kann. „Die Leidenszustände dieser Menschen muss man ernst nehmen – oftmals wird die psychische Komponente total unterschätzt“, erklärt Primar Stelzig.

Rücken-, Kopf-, Nacken- oder Gelenkschmerzen, Herzrasen, Schweißausbrüche, Schwindel, Regel- oder Unterbauchschmerzen, Atemnot oder sogar Blasenprobleme können Ausdruck belastender Lebenssituationen sein und auf eine psychosomatische Erkrankung hinweisen.

Häufig braucht es für diese Menschen eine andere Therapie als Medikamente.

„Bei uns gibt es gute körperlich orientierte und psychisch orientierte Angebote. Doch die Brücke zwischen beiden Welten fehlt“, meint Dozent Christian Fazekas, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin.

Wenn sich etwa eine psychische Erkrankung durch körperliche Beschwerden äußert, so dauert es durchschnittlich sogar sieben Jahre, bis überhaupt eine Diagnose gestellt wird.

„Es ist erstaunlich, wie blind die Medizin in dieser Hinsicht nach wie vor ist. In der Organmedizin wird jeder Patient bestmöglich versorgt. Die Diagnose wird erstellt und der Behandlungsplan erarbeitet. Nicht so, wenn sich das Psychische zu den körperlichen Beschwerden gesellt, beziehungsweise, wenn das Psychische die Ursache dieser Erkrankung ist. Hier fehlt dann die richtige Diagnose – und die zielführende Therapie wird damit vorenthalten“, schreibt Stelzig in seinem Buch „Krank ohne Befund“.

Seelenpein und Körper

Und das, obwohl psychische Erkrankungen weiterhin stark auf dem Vormarsch sind. Depressionen und Angststörungen zählen bei uns gleich nach Herzkreislauf-Erkrankungen zu den häufigsten und folgenschwersten Erkrankungen; gleich danach folgen Sucht- und Demenzerkrankungen. Spätestens 2030, so die düstere Prognose, sollen Depressionen die Liste sogar anführen.

„Die Gesamtbelastung der Menschen nimmt zu“, nennt Manfred Stelzig den wichtigsten Grund für den dramatischen Anstieg bei psychischen Leiden. „Das betrifft nicht nur die Arbeitsbelastung, sondern die Summe von allem, was man sich den ganzen Tag über aufhalst. Die Menschen neigen zunehmend dazu, mehr und immer mehr von sich selbst zu fordern.“ Körper und Seele stellen eine Einheit dar. Das eine beeinflusst das andere. Forschungen bestätigen dieses wechselseitige Zusammenspiel. Aber auch das soziale Umfeld nimmt starken Einfluss auf die Gesundheit.

Werden etwa seelische Überbelastungen nicht ausgeglichen, kann es zu Erkrankungen oder Funktionsstörungen von Organen kommen. Aber auch „körperliche“ Erkrankungen wie Krebs, ein Schlaganfall oder eine HIV-Infektion können das Seelenleben stark beeinflussen.

Schon lange sind sich die Ärzte darüber einig, dass viele Krankheiten nicht nur eine Ursache haben, sondern dass die Psyche ihren Teil dazu beiträgt. Negative Gefühle etwa aktivieren den einen bestimmten Bereich im Gehirn, den Hypothalamus. Durch seine Signale produziert die Nebennierenrinde das Stresshormon Kortisol, das seinerseits das Immunsystem des Betroffenen schwächt. Auf diese Weise kann die seelische Verfassung eines Menschen indirekt seine Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten verringern.

Hinter den sogenannten „somatoformen Beschwerden“ stehen zumeist Sorgen, Konflikte, Überforderung, Traumen aus der Vergangenheit oder banale Erschöpfung. Die körperlichen Symptome sagen nichts anderes, als dass der Körper so nicht weitermachen möchte. Das Beschwerdebild – also Schmerzen ohne Befund – kann man auch als Rebellion gegen den bisherigen Lebensstil sehen.

Die therapeutischen Möglichkeiten sind vielversprechend: Oftmals reichen niedrig dosierte Antidepressiva, um den Serotoninmangel auszugleichen, am besten in Kombination mit einer Psychotherapie. Denn Mangel des Nervenbotenstoffes Serotonin kann Schmerzzustände unterschiedlichster Art auslösen. Meist sind es wechselnde Schmerzen in Gelenken, in den Muskeln, Kopfschmerzen oder Beschwerden an den Zähnen.

Ärzte-Hopping

Fühlen sich Patienten von ihrem Arzt nicht gut betreut, so beginnt manchmal ein Teufelskreis, meint Stelzig. Der Patient beginnt, seinem Arzt zu misstrauen. Schließlich hat der nichts gefunden, die Beschwerden plagen ihn aber weiter. Es folgt der nächste Arzt, der natürlich wieder keine körperliche Ursache finden kann – weil es keine gibt. Anschließend werden andere Fachrichtungen zu Rate gezogen: Innere Medizin, Orthopädie, Physikalische Medizin, Neurologie. Der Patient beginnt mit dem Ärzte-Hopping und leidet kurz darauf am „Syndrom der dicken Akte“ – mehr und mehr Papier wird angehäuft, geholfen ist ihm damit nicht. Die Beschwerden werden schlimmer, so kann es jahrelang weitergehen.

So gut die Untersuchung der Organe in unseren Gesundheitssystemen funktionieren, so sehr würden Untersuchungs- und Behandlungsmechanismen versagen, wenn es um psychische Störungen gehe, meint dazu der Arzt für Psychosomatische Medizin, Manfred Stelzig. Wenn erst einmal klar wäre, dass keine körperliche Erklärung für die Beschwerden des Patienten zu finden sei, dann müsste konsequenterweise ein ausführliches Gespräch folgen. Eine Dreiviertelstunde, in der ein Arzt gemeinsam mit dem Patienten die Hintergründe erforschen könnte.

Die Psychosomatik sei ja schließlich keine neue Fachrichtung, meint Stelzig. „Ursachen für Beschwerden und Therapien werden seit Jahrzehnten in Lehrbüchern und Fachliteratur beschrieben. Doch bis heute lernen junge Ärzte zu wenig über die psychosomatische Medizin. Sie sehen es in der Folge nicht als ihre Aufgabe an, das Gespräch mit den Patienten zu suchen. Weil sie es auch nicht adäquat bezahlt bekommen, fehlt ein finanzieller Anreiz.

Und weil in der Gesellschaft zu wenig über das Wechselspiel von Psyche und Körper bekannt ist, fordern die Patienten die psychosomatische Behandlung auch nicht ein. Betroffene hoffen stattdessen geradezu auf eine organische Erklärung für ihre Beschwerden. Die Stigmatisierung psychischer Krankheiten führt dazu, dass sie sich schnell selbst als Simulanten oder eingebildete Kranke empfinden.“

Es ist die Aufgabe der Ärzte, und nicht allein der psychosomatisch arbeitenden, bei Patienten und Medizinern endlich ein Verständnis dafür zu schaffen, dass es körperliche Beschwerden auch ohne körperliche Ursache geben kann – und dass es Lösungen für diese Probleme gibt.

„Wer eine Psychotherapie machen möchte, hat einen hohen Selbstbehalt. Wir brauchen dringend leistbare Behandlungen“, fordert Primar Stelzig. Umgekehrt betont er aber, dass auch die Pflege unserer Psyche – genauso wie eine notwendige Physiotherapie –, selbstverständlicher werden solle.

Zeit für Patienten

Wir wissen, dass allein der Glaube an die Wirksamkeit eines Medikaments oder einer Behandlung einen Menschen heilen kann. Mediziner sprechen hierbei vom Placebo-Effekt. Damit beschreiben sie das Phänomen, dass ein Scheinmedikament, das keinen wirksamen Arzneistoff enthält, einen Patienten heilt. Dieser Effekt konnte inzwischen mittels moderner Untersuchungsmethoden nachgewiesen werden: Kernspin-Aufnahmen zeigen, dass nach der Einnahme angeblicher Schmerzmittel genau die Gehirnregionen aktiv werden, die körpereigene Schmerzhemmer produzieren. Auch die unterschiedlichen Behandlungserfolge bei vielen Krankheiten werden oftmals auf den Einfluss der Psyche zurückgeführt. Gerade bei schweren Erkrankungen wie Krebs kann die Psyche mitentscheidend sein, ob eine Behandlung erfolgreich ist oder nicht.

„Empathie und Hingabe sind Kennzeichen jeder guten Medizin. Wenn sie fehlen, ist es schlechte Medizin – egal ob Neurologie, Gynäkologie oder Naturheilkunde“, so Professor Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin in Großbritannien. Das Wort Schulmedizin, meint er, wäre übrigens eine Begriffsschöpfung des Homöopathie-Erfinders Samuel Hahnemann und seiner Anhänger, die damit die etablierten Ärzte verunglimpfen wollten. Professor Edzard Ernst untersucht seit über 20 Jahren alternative Heilmethoden. Er war der erste Lehrstuhlinhaber in diesem Gebiet. Ernst forscht in verschiedenen alternativmedizinischen Gebieten mit dem Schwerpunkt auf Wirksamkeit und Sicherheit.

Er meint weiters: „Der Homöopath versucht, Mittel zu finden, die auf die Gesamtsymptomatik des Patienten passen. Homöopathen fragen Sie Dinge, die Sie noch nie gefragt worden sind. Das dauert lange, ist sehr einfühlsam – und genau das ist es: Das Anamnesegespräch ist eine Art amateurhafte Psychotherapie. Die Menschen fühlen sich verstanden, und schon dadurch geht es ihnen besser. Heute besteht überhaupt kein Zweifel: Neben dem Placebo-Effekt der Globuli und dem natürlichen Heilungsprozess ist der Kontakt mit dem empathischen Arzt das entscheidende Therapeutikum der Homöopathen.“

Lachen wirkt

Einer der lustigsten Ärzte Deutschlands, der Medizinkabarettist und Zauberer, Eckart von Hirschhausen, warnt vor fragwürdigen Therapien in der Kategorie Geldschneiderei. Da diese Patienten häufig von einem Arzt zum anderen „irren“, landen sie oft im Bereich von Esoterik und alternativen Heilern.

„Jeder Mensch ist ein Wunder. Wir haben unglaubliche Selbstheilungskräfte. Machen Sie doch mal einen kleinen Kratzer in ihre Haut – drei Tage später ist der verschwunden, und wir müssen nichts dazu tun. Machen sie genauso einen Kratzer mal in ihr Auto – da können Sie lange warten, der bleibt. Allerdings sollte man dasselbe Experiment lieber nicht am Auto seines Nachbarn durchführen –  denn da wächst nichts zusammen“, scherzt Hirschhausen in seinen Kabaretts. Oder: „Warum wundern wir uns darüber, dass Jesus aus Wasser Wein machen konnte, aber nicht darüber, dass unser Körper über Nacht aus Wein Wasser macht?“

Als Beispiel erzählt Hirschhausen etwa auch von Kindheitserfahrungen, wie er aufs Knie gefallen ist und seine Mutter gepustet hätte und sagte: „Schau, das Aua fliegt jetzt durchs Fenster“. Sein ganzes Studium über sei es nie vorgekommen, wie man Aua wegpuste, dabei weiß jeder, dass es wirke, so der Kinderarzt. „Die wissenschaftliche Medizin ist grob fahrlässig mit allem umgegangen, was über seelische Prozesse die Selbstheilungskräfte aktiviert und hat kategorisch alles als nur Placebo abgetan.“

Deshalb, so sein Credo, gäbe es viel Scharlatanerie im medizinischen Sektor. Aber sinnvolle Schulmedizin in Verbindung mit der positiven Wirkung des Lachens könne wahre Wunder bewirken. „Warum hat die Psychotherapie ein so unglaublich ernstes Image?“, fragt Hirschhausen. Sie sei oft zu verkopft, dabei gebe es „unglaublich viele Möglichkeiten, damit zu spielen“. Statt immer nur Negatives in den Mittelpunkt zu stellen, solle man ruhig auch einmal fragen: Wo ist die Freude, wo ist das Unsinnige, wo ist die Pause vom Sinnvollen? Wann erholt sich die Seele? Was sind die eigenen Ressourcen?

Die Wissenschaft hat die Magie aus der Medizin vertrieben, aber nicht aus den Menschen. Gerade weil wir keine Maschinen, sondern Lebewesen mit Leib und Seele sind, ist der Wunsch nach kleinen und großen Wundern, nach Wunderheilern immer da. Medizin und Wunder und Magie gehörten immer schon zusammen! In allen Kulturen gab es die „Medizinmänner“ und Frauen, die etwas von Kräutern, aber auch viel von Ritualen, Zauber und Gruppenprozessen verstanden. Wir haben aus diesem einen Beruf viele verschiedene gemacht, und beschweren uns, dass uns weder der Röntgenarzt, der Psychotherapeut, der Heilpraktiker oder der Apotheker „ganzheitlich“ sieht.

Maria Riedler

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