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Schritt für Schritt ins Gleichgewicht

Sich abseits ausgetretener Wanderwege mit Schneeschuhen durch eine zauberhaft schöne Winterlandschaft zu bewegen, oder mit Tourenski unterwegs zu sein, das ist ein einzigartiges Erlebnis. Richtige Bewegung ist gut für das innere Gleichgewicht, unsere Life-Balance.
Ein Artikel von Maria Riedler

Leistungsdruck, Stress und Hektik bestimmen häufig unseren Alltag. „Immer mehr Menschen geraten aus der Balance, weil sie zu viel auf der `Geben-Seite´ unterwegs sind“, erzählt der Salzburger Sportwissenschafter und Bergführer Heinrich Lechner. Mit ihm bin ich unterwegs im glitzernden Schnee. Rund um uns herrscht totale Stille, die nur durch meinen eigenen Atem oder durch das regelmäßige Knirschgeräusch durch unser Gehen im Schnee unterbrochen wird. „Dabei kann richtige Bewegung helfen, unser inneres Gleichgewicht – auch `Life-Balance´ genannt – wieder zu finden“, erklärt er, denn „das Nehmen, Auftanken und Regenerieren vernachlässigen wir zu oft.“
Wir sind heute statt mit Tourenski einmal mit Schneeschuhen ausgestattet, rundherum ist nichts anderes zu sehen als die unberührte, verschneite Winterlandschaft mit ihren Berggipfeln. Schneeschuhwandern liegt genauso wie Skitourengehen im Trend, weil man hierbei nicht nur unvergleichliche Naturerlebnisse geschenkt bekommt, sondern es auch obendrein noch gesund ist. „Und Schneeschuhwandern kann ja auch jeder – ob Kind oder älterer Mensch“, so Lechner. Es gibt nicht einmal bestimmte sportliche Grundvoraussetzungen, die man hier mitbringen sollte.
Nur wenn man viele Stunden durch den Tiefschnee stapfen möchte, dann ist eine gute Grundkondition nicht schlecht.

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Foto: Maria Riedler
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Leben in Balance bringen
Schnell und unkompliziert ging es – schon beim Anziehen der Schneeschuhe, die ich mir dafür ausgeborgt habe. Mein Schuh passt gut in die Bindung und diese lässt sich mühelos schließen und öffnen. Der Vorteil beim Marschieren auf großem Fuße ist auch, dass es keine lange Einschulung und auch keine große Geldbörse braucht. Auch der Materialaufwand hält sich in Grenzen. Man kann Schneeschuhe überall unkompliziert ausborgen.
„Wie wir uns bewegen und vor allem vor welchem Hintergrund wir uns bewegen und wie wir die prächtige Natur als unsere Partnerin im Sinne unseres eigenen, ganzheitlichen Wohlbefindens nützen, das ist wesentlich“, erklärt Lechner. Er beobachtet ein trendmäßiges Berghetzen im Wettbewerb, das wie ein „Davonlaufen“ im wahrsten Sinne des Wortes wirkt, „denn nur mit entspannter Bewegung erholt man sich auch mental am besten.“
Das ist tatsächlich auch bei unserer gemeinsamen Tour so: Schritt für Schritt geht es achtsam im „Hier und Jetzt“ voran. Die Berggipfel rund um uns und das Natur- und Landschaftserleben wirken, die sportliche Aktivität im Freien hilft Kraft aufzutanken. Und hilft überhaupt bei der Regenerationsfähigkeit des Menschen, so Lechner. Sport in freier Natur wirkt sich – so zeigen verschiedenste Studien – besonders gut auf die seelische Balance aus. Man fühlt sich ausgeglichener und ist gleichzeitig energiegeladener.
Bei unserer gemeinsamen Tour ist die körperliche Herausforderung da – „wir sind gefordert, aber nicht überfordert“, bringt er es auf den Punkt. „So kann man sich selbst auf eine andere Art und Weise entdecken, das eigene Handeln reflektieren und neue, kreative Wege entwickeln, um das Leben in Balance zu bringen.“

 Mindful Walking
„Früher ging es darum, die richtige Work-Life-Balance zu finden“, erklärt mir der Sportwissenschafter, der Seminare zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, Selbstmanagement und Life-Balance anbietet. „Doch das ist überaltert, denn mit diesem Begriff hat man zwischen Arbeit und Freizeit eine Trennung gemacht. Arbeit wurde so zum negativen Teil des Lebens. Doch Arbeit gehört zu unserem
Leben und es geht darum, dass wir eigentlich
zwischen vier Bereichen, die unser Leben ausmachen, eine richtige Balance finden. Nämlich zwischen Leistung, Muße, Körper und sozialen Kontakten.“
Damit Bewegung auf unseren Körper positiv wirkt, dafür braucht es nicht unbedingt Tempo. Auch gemächliches, achtsames Gehen – Mindful Walking genannt – hat günstige Effekte. Damit lässt sich Stress ausgleichen oder einem Burn-out buchstäblich entgehen.
Mindful Walking ist eigentlich eine altbekannte Form der Meditation. Man versucht, sich nur auf das Gehen zu konzentrieren, ganz in der Gegenwart zu sein. Wer regelmäßig achtsam geht, bemerkt positive Veränderungen an Körper und Geist. Positiv wirkt Mindful Walking übrigens auf das Nervensystem, das Herz, die Atmung sowie die Psyche. Es kann beruhigende, konzentrationsfördernde und ausgleichende Effekte haben. Der subjektiv erlebte Stress wird weniger, die Stimmung kann sich verbessern und stabilisieren. Chronische Schmerzen können durch achtsamkeits-basierte Meditationspraktiken ebenfalls gemindert werden. Auch auf unser Gehirn nimmt das Gehen Einfluss. Es gibt viele Hinweise darauf, dass das Denken und die Bewegung im Gehirn ganz eng miteinander verknüpft sind und ähnliche Netzwerke aktiv sind. Schon das Gehen alleine scheint unser kreatives Denken und das Hervorbringen neuer Ideen enorm zu aktivieren.

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Foto: Coen Weesjes

Spaß im Gelände
Schneeschuhe haben eine große Auflagefläche, damit kann man sich auf dem Schnee gut fortbewegen, ohne dabei tief einzusinken. Schnell gewöhnt man sich selbst im steileren Gelände an diese Fortbewegung. Sogar das Gehen auf hartem Schnee wird durch eine „Harschkralle“ aus Stahl ermöglicht.
Fürs Schneeschuhwandern sind keine speziellen Schuhe erforderlich, man braucht zusätzlich noch feste Schuhe und Skistöcke. Bei der Bekleidung sollte man wie bei allen anderen Wintersportarten das Zwiebelprinzip mit mehreren dünnen Schichten – am besten aus Funktionsmaterialien – beachten. Gut ist eine Sonnenbrille zum UV-Schutz und Handschuhe und Haube können vor Kälte schützen. Empfehlenswert ist ein kleiner Rucksack. So kann man ein warmes Getränk, Marschverpflegung und Reservebekleidung mitnehmen.
Ist die Ausrüstung komplett, steht dem Gehen nichts mehr im Wege. Das Schöne daran: Man kann ohne große Anleitungen sofort drauf los marschieren. Neben dem Spaß an der Bewegung und den gesundheitlichen Vorteilen bietet Schneeschuhwandern auch ein perfektes Training. Der gesamte Körper ist gefordert, nicht nur einzelne Muskelgruppen.
Man verbessert Ausdauer, Koordination und Beweglichkeit mit positiven Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem. Ein angenehmer Nebeneffekt ist der hohe Energieverbrauch: Je nach Steigung, Tempo und Körpergewicht verbrennt man pro Stunde zwischen 500 und 1.500 Kalorien.
Als Faustregel gilt: Für vier Kilometer im flachen Gelände benötigt der durchschnittliche Wanderer eine Stunde, ebenfalls für 300 Höhenmeter Aufstieg und 500 Höhenmeter Abstieg. Bei längeren Touren (über zwei Stunden) gehören Getränke (Tee), Jause und eine Stirnlampe in den Rucksack. Wie jeder Tourengeher sollte auch der Schneeschuhwanderer vor dem Start den Wetterbericht und die Lawinensituation „studieren“.
Hänge mit über 25 Grad Neigung gelten bereits als Lawinengelände. Zum Schneeschuhwandern eignen sich vor allem flaches oder leicht hügeliges Gelände und Forststraßen mit bis zu 12 Grad Neigung. Schneebretter können sich von steileren Seitenhängen lösen, deshalb sollten Lawinen-Einzugsgebiete vermieden werden.

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Foto: Tanja Esser – fotolia.com

Einfache Technik
Die Grundhaltung beim Schneeschuhwandern in der Ebene unterscheidet sich kaum vom „normalen“ Gehen oder Wandern. Man setzt die Schritte etwas breitbeinig, gleichmäßig und parallel. Geht man bergauf, wird die Schrittlänge kürzer und man beugt sich automatisch mehr nach vorne. Geht man bergab, verlagert man das Gewicht mehr nach hinten und beugt die Knie automatisch mehr als im ebenen Gelände. „Man kann beim Schneeschuhgehen eigentlich nichts falsch machen – außer es nicht zu probieren! Wie, wo und wie lange ich gehe, ergibt sich aus dem körperlichen Befinden der einzelnen Teilnehmer heraus“, so mein Guide.
Ein weiterer Vorteil gegenüber Skifahren oder Tourengehen ist auch, dass es egal ist, wie sich gerade die Schneedecke präsentiert. Schneeschuhwandern hat bei jeder Witterung einen ganz besonderen Reiz und verspricht jedenfalls immer ein unvergleichliches Naturerlebnis!
„Wirklich abzuschalten, das ist aber für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft das größte Problem“, weiß der Management-Trainer und Coach. „Die Kernfragen sind vor allem, zu entdecken, was tut mir gut, was bringt mich immer wieder aus der Balance und was kostet mir nur Kraft?“

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Foto: Jag_cz – fotolia.com

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