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Rückkehr zum menschlichen Maß

Der in Oberndorf geborene Leopold Kohr ist einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts. Obwohl er 1983 den alternativen Nobelpreis erhalten hat und seine Thesen aktueller denn je sind, kennen viele ihn kaum.
Ein Artikel von Maria Riedler

Globalisierung, Wirtschaftskrisen, immer höhere Geschwindigkeit, das Sinken von Lebensstandards, überproportionale Größe, wieder aufkeimender Nationalismus oder bedrohliche Folgen des Klimawandels –  all diese Themen hat ein Salzburger bereits vor 60 Jahren aufgegriffen: 1957 erschien Kohrs Hauptwerk „The Breakdown of Nations“.
„Wo immer etwas fehlerhaft ist, ist es zu groß.“ Leopold Kohr hat das menschliche Maß in den Mittelpunkt seiner Lehre gestellt. Dieses beschrieb er mit jenen 22 Kilometern, die Oberndorf von Salzburg trennen. Diese 22 Kilometer wurden für Kohr zum Urmeter funktionierender politischer, sozialer und kultureller Einheiten. Alles was zu groß wird, sei zum Untergang verurteilt. Mit seiner „Lehre vom rechten Maß“ und seinen Plädoyers für eine „überschaubare Gesellschaft“, für Dezentralisierung und kleinere Regionen, und ein „small is beautiful“ forderte er zum Umdenken auf. Kohr war Anarchist und Vordenker der Umweltbewegung.

Fotos: Leopold Kohr®-Akademie/RLA, Frank Tichy,, Gerald Lehner

Fotos: Leopold Kohr®-Akademie/RLA, Frank Tichy,, Gerald Lehner

Kritische Macht
Die Lösung von Leopold Kohr klingt einfach: Verkleinert man die Einheiten in Politik, Wirtschaft, Erziehung, Wissenschaft und anderen Bereichen, so verkleinern sich dadurch auch die Probleme, werden überschaubar und leichter lösbar. Leopold Kohr war davon überzeugt, dass es nicht nur bei Heilpflanzen ein Zuviel gibt, sondern auch bei Nationen und Institutionen. Nicht Gier oder einen bestimmten Nationalcharakter sah er als Ursache für lähmende Vorherrschaften und für Kriege, sondern die „kritische Macht“, die jede zu große Struktur besäße. Einheitsregeln, Fusionen, gänzlich zollfreie Märkte – das alles bedinge Zerfall. Die menschliche Fähigkeit, Probleme zu lösen, sei begrenzt und finde dort ihre Grenzen, wo die Übersicht über Prozesse und Strukturen verlorengehe. Nur kleine Einheiten ließen sich demokratisch verwalten, nur sie seien wettbewerbsfreundlich, und wenn sie Fehler machten, seien die Auswirkungen begrenzt. Mit seiner Philosophie des „small is beautiful“, die Fritz Schumacher und Ivan Illich populär gemacht haben, beeinflusste er das Denken und Handeln der großen Alternativgestalten der vergangenen Jahrzehnte und so stößt man überall auf der Welt, wo die Vordenker und Pioniere eines nachhaltigen, also zukunftsfähigen Wirtschaftens und Lebens in den Blick kommen, schnell auf die Ideenwelt des Leopold Kohr.

KohrLehner01Die ideale Größe
Das Lebenswerk von Kohr lebendig zu halten, darum bemüht sich der Kulturverein Tauriska. Der Verein wurde ebenso wie die Leopold Kohr-Akademie von Prof. Alfred Winter initiiert. Susanna Vötter-Dankl und Christian Vötter leiten den Kulturverein Tauriska seit 1986 und versuchen mit verschiedensten Initiativen, die Philosophie Kohrs fortzusetzen: dazu gehört etwa das „Kohr Cafe“, das „Akademische Wirtshaus“ und der „Leopold Kohr Stammtisch“. „Die Größe eines Wirtshauses sei ideal zum Diskutieren, meinte Kohr“, sagt Christian Vötter und erzählt: „Vor einigen Tagen hielt ich einen Vortrag, bei dem es wieder einmal um die `richtige Größe´ im Sinne von Kohr ging. Im Publikum war auch der Gründer einer bekannten Outdoor Firma. Er meinte, dass dieses Prinzip der kleineren Einheiten von seiner Firma immer gelebt worden wäre und diese auch erfolgreich gemacht hätte.“
Nach Kohr kann es auch zu kleine Gemeinschaften geben, es geht um die richtige Größe, nicht die Kleinheit. Kohrs Idee war stets umstritten und ist es bis heute, wobei das Scheitern des Gigantischen und Überdimensionierten Kohrs charmanter Theorie des Kleinen aktuellste Bedeutung verleiht. „Das war zu seinen Lebzeiten anders. Ein Vorwurf lautete, Kohrs Theorie der Kleinheit sei sozialromantisch“, betont Vötter, „nämlich u.a. von Bruno Kreisky.“ Der Ruf nach Leopold Kohr werde immer dann laut, „wenn Probleme zu groß geworden sind. Aber Kohr ernst nehmen heißt, das Element der Größe schon früher zu berücksichtigen. Schon im Wachstum liegt der Kern der Krise, und deshalb muss es langsam vonstattengehen.“

Leopold-Kohr-und-Jacob-von-Uexküll-1983Wirkung Aspirintablette
In seinem zweiten großen Werk „Die überentwickelten Nationen“ widmete sich Kohr dem Zusammenhang zwischen Staatengröße und Lebensstandard. Kohr entwickelte hier eine Theorie, die nicht nur die Verfügbarkeit von Waren und Produkten untersucht, sondern auch ihre Auswirkungen auf den Lebensstandard und die Möglichkeit, ein glückliches Leben zu führen. Allein durch eine höhere Anzahl an verfügbaren Gütern (oder wenn man so will: ein höheres Bruttoinlands- oder Bruttonationalprodukt) würde der Lebensstandard noch nicht gesteigert werden, auch was Gebrauchs- und Luxusgüter beträfe, stellte Kohr fest und verweist darauf, dass viele materielle Güter den Charakter von Gegenmitteln angenommen hätten, deren Besitz die Lebensbedingungen nicht verbessere, sondern lediglich verhüte, dass sie schlechter werden: „Sie sind wie Aspirintabletten. Ihre Erfindung hat sicherlich bewirkt, dass wir uns leichter von Kopfschmerzen befreien können; aber sind wir gesünder dadurch geworden? Kaum, wenn man bedenkt, dass die weniger gehetzten und weniger fortschrittlichen Menschen früherer Zeiten zwar weniger Aspirintabletten hatten, aber auch weniger an Kopfschmerzen gelitten zu haben scheinen.“
Kohr idealisierte das Kleine nicht. Er wusste, dass es auch im Wirtshaus und im Dorf genügend Probleme gäbe, die zu lösen sind. Aber im Kleinen – so seine Botschaft – sind sie leichter zu lösen, weil sie leichter durchschaut werden können.

Dr. Erwald Hiebl, Historiker und Leiter des Leopold Kohr Archivs

Die Thesen von Kohr sind heute aktueller denn je?
Hiebl: „Ja. Weil viele der aktuellen Probleme tatsächlich auf unüberschaubare und unkontrollierbare Systeme zurückzuführen sind – eine Ansammlung von zu viel Macht. Daraus ergibt sich auch ein Problem der Verantwortbarkeit. Im `Kleinen´, weil Überschaubaren, sind die Probleme anders dimensioniert, Verantwortliche auch leichter zur Verantwortung zu ziehen.“

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Die Menschen nehmen die Welt in ihrer Komplexität immer mehr als bedrohlich wahr. Was folgt sind häufig Nationalismen. Was hätte Kohr dazu gesagt?
Hiebl: „Kohrs Ideen des Kleinen entstanden zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, geradezu als Antithesen gegenüber dem Nationalismus und Imperialismus, vor allem der Großmächte, allen voran des nationalsozialistischen Deutschlands. Niemals hat Kohr einen Ethnonationalismus befürwortet. Kohr hat auch nie die Abschottung der Kleinstaaten gemeint. Trotz seiner prinzipiellen Kritik an EWG, EG und EU hat er von einer Konföderation europäischer Kleinstaaten gesprochen. Das klingt nach Schweiz, die tatsächlich sein Vorbild ist; und auch hier sehen wir, dass die Schweiz nicht nach sprachlich-ethnischen Kriterien aufgebaut ist, weil dann – so Kohrs Befürchtung – einmal mehr die große deutschsprachige Schweiz über alle anderen Teile dominieren würde. Kohr hätte also geantwortet, dass wir der Komplexität der Welt dort begegnen sollen, wo wir auch handeln können, nämlich zunächst in der eigenen Lebenswelt, und das ist immer eine Ebene, die unterhalb der Nationen angesiedelt ist.“

017-Leopold-Kohr-1983

Der große Philosoph des Kleinen
Leopold Kohr, 1909 in Oberndorf bei Salzburg geboren, war Nationalökonom, Jurist, Staatswissenschaftler und ausübender Philosoph. Er unterrichtete an Universitäten in den USA, Puerto Rico, Mexiko, England und Wales.
Was für ein Leben: Kohr studierte Rechtswissenschaften in Innsbruck, danach ging er für ein Jahr nach London, wo er schon Kontakt mit bekannten Ökonomen knüpfte. Er kämpfte gegen die Ideologien des Nationalsozialismus und musste 1938 fliehen. 

In Paris wurde Kohr Kriegsberichterstatter und schloss mit Ernest Hemingway und George Orwell Freundschaft. Er gründete mit Otto von Habsburg eine Widerstandsgruppe. Floh, schuftete in Kanada in einer Goldmine. Setzte seinen Kampf gegen die Nazis als Publizist in Washington fort. Nach dem Krieg lehrte Kohr an der Rutgers University in New Jersey. 1967 flog dem Theoretiker der Kleinheit ein praktischer Fall zu: Die Bewohner der kleinen Antillen Insel Anguilla baten Kohr nach Ende der Kolonialregierung um Hilfe bei der Gründung eines neuen, eigenen Staates. Das Experiment endete, als britische Fallschirmspringer auf der Insel landeten. 1973 zieht es Kohr wieder nach Europa, zuerst nach Wales, später nach Gloucester, in England. In Österreich erkannte man erst sehr spät die Bedeutung dieses Mannes.1981 verlieh ihm das Land Salzburg den Ehrenring. 1983 erhielt er den alternativen Nobelpreis. Die Republik Österreich zeichnete ihn 1990 in Anerkennung seiner Verdienste mit dem „Großen Goldenen Ehrenzeichen“ aus. Kurz bevor er in seine Heimat zurückkehren wollte, starb Kohr am 26. Februar 1994 in England nach einer Herzoperation.

„Das menschliche Maß. Eine Utopie?“
ist der Titel des Buches von ORF-Redakteur Gerald Lehner über Leopold Kohr. Lehner führte mit Kohr viele und lange Gespräche und schrieb zu dessen Tod 1994 auch eine Biographie.

Was sind Ihre wesentlichsten Erinnerungen an Kohr – als Mensch?
Lehner: „Er war ein Charismatiker und Gentleman. Old School, die man heute kaum noch antrifft. Geschliffener Humor und Selbstironie, dazu argumentativ die politische Kampfkraft des bürgerlichen Anarchisten. Und natürlich ein ausgesuchter Sturschädel. Man konnte auch super mit ihm streiten, ohne dass jemand böse werden musste.“

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Sie haben mit ihm auch viel über seine Zeit und Arbeit im Exil gesprochen. War Kohr Flüchtling und Widerstandskämpfer? Sie beschreiben in Ihrem Buch beispielsweise auch, wie Kohr das „Stille Nacht Lied“ benützte? Kohr arbeitete damals als Journalist und Kommentator für führende amerikanische Zeitungen wie die „New York Times“ und „Washington Post“?
Lehner: „Er hat die Entstehungsgeschichte des Weihnachtsliedes hergenommen, um eine Art psychologische Kriegsführung in den USA und Kanada gegen Hitler zu betreiben. Damals wollten die Alliierten ja Österreich bei Deutschland lassen, wenn Hitler eines Tages besiegt sein würde. Dagegen wehrte sich Kohr als Zeitungskommentator vehement. Und zwar in den wichtigsten Zeitungen in Nordamerika. Er schrieb zum Teil Leitartikel, um Stimmung FÜR die Befreiung Österreichs zu machen. Auf die Art: Seht her Leute, dieses kleine Österreich mit seinem reichen Kulturerbe hat euch auch dieses grandiose Weihnachtslied beschert. Lasst Österreich nicht gegen die bösen Nazis im Stich. Er übersah dabei natürlich – sicher auch bewusst –, dass viele Österreicher kriminelle Mittäter im Nationalsozialismus waren. Aber Kohr ging es taktisch um Hitlers Untergang.“

Gerald Lehner:
„Das menschliche Maß. Eine Utopie? Gespräche mit Leopold Kohr über sein Leben“.

Edition Tandem. Salzburg 2014.

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