Retterin der Ressourcen

Lebensmittel gehören in den Magen, nicht in den Müll. So simpel dieser Leitgedanke auch klingt, der Salzburger Verein VIEW „rettet“ jährlich Tausende Kilogramm an Lebensmitteln, um sie bedarfsgerecht zu verteilen. Hinter dem Verein steht eine Powerfrau mit vollem Engagement: Doris Kiefel.
Ein Artikel von Doris Thallinger

Wenn Doris Kiefel beginnt, über ihren Verein zu sprechen, sprüht sie vor Elan und Begeisterung. Mit der Gründung des Vereins VIEW vor mittlerweile mehr als zehn Jahren (damals als Salzburger Tafel) hat sich die engagierte Steuerberaterin im wahrsten Sinne selbstverwirklicht, auch wenn dieses umfassende soziale Engagement nicht von vornherein so geplant war. Nach ihrer wirtschaftlichen Ausbildung arbeitete die gebürtige Salzburgerin viele Jahre als Steuerberaterin, bevor sie sich der Familienplanung widmete und vier Kinder großzog. „18 Jahre habe ich rein der Familie und meinen vier Kindern gewidmet, 18 Jahre, die auf jeden Fall gut investiert waren!“, schmunzelt Kiefel. Und dennoch, als die Kinder flügge wurden, lechzte Doris Kiefel schon danach, sich endlich wieder außerhalb der Familie zu engagieren, ihre Energie und ihre Ressourcen für einen neuen sinnbringenden Zweck einzubringen.

Gut durchdacht und mit Strategie ging sie ihren zweiten Bildungsweg an: „Ich wollte mein Projekt profund und seriös aufbauen – und entschied mich, als erstes ein Philosophie-Studium zu beginnen.“ Ein Studium, das viele Bereiche des Lebens erklärt und abdeckt, das mit der Zivilgesellschaft zu tun hat und mit Ethik, mit lauter Themen also, die Kiefel wirklich am Herzen liegen: „Als gläubige Christin sehe ich mich in der Verantwortung, so wie es im 1. Buch Moses steht, dass der Mensch die Erde bebauen und bewahren soll. Dieses Bebauen und Bewahren ist nichts anderes als das, was man heute als Nachhaltigkeit bezeichnet. Gleichzeitig bin ich ein sehr wirtschaftsfreundlicher Mensch!“

Doris Kiefel mit Trude Kaindl-Hönig; Foto: Mike Vogl

Und genau diese Kombination aus wirtschaftlichem Denken, christlichem Glauben und dem Bewusstsein über die Verantwortung, die der Mensch trägt, gab schließlich den Anstoß, dass Doris Kiefel im Jahr 2007 den Verein gründete. Vorbild war die vom US-Amerikaner John van Hengel 1967 in Phönix, Arizona, gegründete St. Mary’s Food Bank. „Mein Wunsch, bzw. meine Idee ist es, dass das „Nichtwegwerfen“ unserer Kooperationspartner abfärben möge auf den Umgang der Privathaushalte mit deren Lebensmitteln Wer, wenn nicht diese Unternehmer, wären glaubwürdige Vorbilder, weil sie nicht nur von Ressourcenverantwortung reden, sondern auch etwas tun?“

Zur Rettung der Lebensmittel
Der Verein VIEW (Verein Initiative Ethisch Wirtschaften) hat sich an die Fahnen geheftet, Lebensmittel sowie andere Produkte des täglichen Bedarfs zu „retten“, sprich vor der Entsorgung zu bewahren. Dazu zählen Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum noch nicht überschritten haben, original verpackt sind, jedoch optische Mängel, beispielsweise eine beschädigte Verpackung aufweisen, oder Lebensmittel aus Probeproduktionen, Kosmetika, Reinigungsmittel, etc. – allesamt qualitativ in bester Ordnung, jedoch aus unterschiedlichen Gründen nicht für den Verkauf geeignet. Dabei hat sich der Verein rasch auf große Mengen ausgerichtet, die von den Produktions- oder Handelsbetrieben geholt und an gemeinnützige Institutionen verteilt werden.
Wesentlicher Aspekt ist, dass stets die gesamte Menge übernommen wird, die ein Kooperationspartner abzugeben hat, damit wirklich möglichst keine Lebensmittel mehr entsorgt werden müssen. Mit den Produkten beliefern die freiwilligen Fahrer so viele Abnehmer-Einrichtungen wie möglich – aber auch so viele wie nötig. Die Lebensmittel werden in bedarfsgerechten, oftmals auch kleinen Mengen abgegeben – auch hier steht im Fokus, dass nichts verschwendet wird und mit den Ressourcen der Erde verantwortungsvoll umgegangen wird.

Ressourcen-Effizienz
Was so mancher ob des vermeintlichen Überflusses gerne vergisst: Die natürlichen Ressourcen sind nicht in unendlichem Ausmaß vorhanden. Die Menschheit verbraucht Tag für Tag mehr Rohstoffe als die Erde für einen Tag bereitstellen kann. Und mit jedem Lebensmittel, das im Müll landet, geht eine immense Verschwendung einher: von Boden, Saatgut, Dünge- und Spritzmitteln, von Treibstoff, Strom, Wasser und vielem mehr. Und wenn sich rohstoff- und energieintensive Produktion, Transportweg und Lagerung schon nicht vermeiden lassen, so sollte es doch zumindest möglich sein, die Energie einzusparen, die die Entsorgung kostet.

Der Verein VIEW

  • Finanziert sich rein aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen
  • 25 ehrenamtliche Mitarbeiter
  • Ca. 130 Vereinsmitglieder
  • Ca. 370.000 kg Lebensmittel im Wert von rund
  • 1,7 Mio. Euro wurden bis 2017 gerettet und an gemeinnützige Einrichtungen verteilt.
  • Dafür werden laufend Freiwillige gesucht, die als Fahrer oder Beifahrer, in der Büroorganisation oder durch die Betreuung der Website dazu beitragen möchten, dass Lebensmittel dort landen, wo sie hingehören und nicht auf Kosten der Umwelt und Ressourcen verschwendet werden.

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