Regional verwurzelt, wohltuend und heilend

In Europa hat sich über viele Jahrhunderte oder gar Jahrtausende ein enormes traditionelles Wissen über Heilkunde und Medizin entwickelt. Lange Zeit schien die Traditionelle Europäische Heilkunde (TEH) in Vergessenheit geraten zu sein, erlebt nun aber eine Renaissance.
 Ein Artikel von Marion Flach
Foto: TEH Verein

Foto: TEH Verein

Heilkünste aus Asien sind in unseren Breiten schon lange en vogue. TCM, Akupunktur und Co haben auch durchaus ihre Berechtigung. Allerdings vergessen viele, dass es auch in der europäischen Tradition viel medizinisches und heilkundliches Wissen gibt!

Klosterwissen

Hildegard von Bingen, eine Heilige, die im 12. Jahrhundert lebte und wirkte, steht heute für viele als Synonym der Traditionellen Europäischen Heilkunst. Mit oft einfachsten Mitteln und einer umfassenden Ernährungslehre lindert oder heilt ihr Wissen unterschiedlichste Beschwerden und Krankheiten. Der Arzt Gottfried Hertzka, dessen Wurzeln in Bad Gastein liegen, handelte und wirkte ab 1947 in Konstanz am Bodensee. In seiner medizinischen Tätigkeit ließ er sich von den Schriften von Hildegard von Bingen leiten und prägte den Begriff Hildegard-Medizin.

Hildegard von Bingen beschreibt in ihrem medizinischen Lehrbuch „Causae et curae“ die Anatomie des Menschen mit den vier Elementen Feuer, Luft, Wasser und Erde. Verbunden damit ist die Säftelehre, die sich im Wesentlichen auf Vorgänge im Stoffwechsel bezieht. Die Säfte – so Hildegard – sollen immer im relativen Gleichgewicht sein. Auf diesem Wissen aufbauend entwickelte sie unter anderem eine Ernährungslehre, die dafür sorgen soll, dass ein Ungleichgewicht gar nicht erst entsteht.

Gesundheit aus der Region

Karin Buchart

Karin Buchart, Foto: TEH Verein

Hildegard von Bingen ist zweifelsohne der Traditionellen Europäischen Heilkunde zuzurechnen. Viele Menschen haben schon durch dieses uralte Wissen profitiert. Karin Buchart, Ernährungswissenschaftlerin aus Unken, merkt jedoch an, dass die Heilpflanzen, die Hildegard herangezogen hat, nicht unbedingt dem entsprechen, was in unseren Breitengraden heimisch bzw. üblich ist. Das Klima am Rhein ist etwas anders als das alpenländische, weshalb es bei uns auch andere Heilpflanzen gibt.

Karin Buchart hat sich in ihrer Dissertation „Traditionelle biogene Arzneimittel im Pinzgau“ intensiv mit der wissenschaftlich nachgewiesenen Wirkung von Heilpflanzen im Pinzgau auseinandergesetzt. „Pflanzen, mit denen wir konditioniert wurden, helfen nachweislich besser. Bei Heilpflanzen, auf die wir schon seit Generationen konditioniert wurden, konnte in Untersuchungen ein Wirkungsgrad von 70-80 % nachgewiesen werden“, erklärt Buchart. „Das gilt übrigens auch für die asiatische Medizin. TCM (Traditionelle Chinesische Medizin) hilft in China in 90 % der Fälle, in Deutschland ist TCM nur in 50 % der Fälle erfolgreich, was darauf zurückzuführen ist, dass die Pflanzen hier nicht heimisch und wir daran nicht gewöhnt sind.“ Zudem ist Buchart auch davon überzeugt, dass kulturelle Aspekte zu berücksichtigen sind. Immerhin sind gewissen Riten, zu denen auch Kräuter und Pflanzen gehören, in der Kultur verankert und werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Foto: whiteaster - fotolia.com

Foto: whiteaster – fotolia.com

Hausmittel

Auch Hausmittel, die oft von Generation zu Generation weitergegeben werden, können zur Traditionellen Europäischen Heilkunde gerechnet werden. Bei Erkältungen und Husten beispielsweise soll Zwiebel ein probates Mittel sein: Zwiebel werden fein gehackt und etwa zwei Minuten in Wasser gekocht. Den Sud lässt man etwas abkühlen und inhaliert dann etwa fünf Minuten.

Unter Traditioneller Europäischer Heilkunde versteht man Methoden,
die tief in europäischen Regionen verwurzelt sind und mit Zutaten arbeiten, die die Natur bietet!

Foto: behewa - fotolia.com

Foto: behewa – fotolia.com

Kulturgut

Dieses Wissen zu sichern und weiterzugeben, ist für Buchart ein großes Anliegen. Ihr geht es vor allem auch darum, das Wissen über heimische Heilpflanzen in der Bevölkerung zu vergrößern und Praktiken zur Anwendung zu vermitteln.

Ihr Engagement startete sie 2005 mit dem von der EU geförderten TEH Projekt. Ziel war es vor allem, eine Heilwissenserhebung im Saalachtal zu machen. Aus diesem Projekt heraus wurde 2007 der gemeinnützige TEH Verein zur Erhaltung Traditioneller Europäischer Heilkunde gegründet.

Der Verein bietet Kurse und Lehrgänge an, in denen Heilwissen in zeitgemäßer Form vermittelt wird. In Zusammenarbeit mit dem WIFI wird zudem die Ausbildung zum TEH-Praktiker angeboten. In 160 Stunden werden viele Praktiken zur Kräuterverarbeitung und -anwendung erlernt. „Der Lehrgang ist seit dem ersten Kurs immer ausgebucht, was für uns auch ein Indiz dafür ist, dass die Nachfrage nach traditionellen Heilmethoden sehr groß ist“, erklärt Buchart. Vorkenntnisse sind für die Kurse keine notwendig. Spannend sei der Austausch in den Kursen gerade auch durch die Gruppenzusammensetzung: Von Bankern über Immobilienmaklern bis hin zu Pädagogen, Diätologen oder Ärzten interessieren sich unterschiedlichste Menschen für das alte Wissen.

Theresia Harrer Foto: TEH Verein

Theresia Harrer, Foto: TEH Verein

Mit Herz

Theresia Harrer ist Obfrau des Vereins in Unken. Sie kam 2005 durch das Projekt zur TEH. „Es ist für mich ein absolutes Herzensprojekt. Wenn man sich mit der Thematik auseinandersetzt, kommt man erst drauf, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen. Das Wissen ist vergänglich und vieles geht verloren“, ist Harrer überzeugt. In der Region im Saalachtal habe sich sehr viel Wissen gehalten, was sie auch auf die Lebensweise zurückführt. Dennoch beobachtet sie, dass der große Stellenwert und der Wert der Natur und der Heilkräfte wieder richtig zunimmt.

Auch für die Obfrau des Vereins steht die Ausbildung im Zentrum: Es sei enorm wichtig, den Menschen wieder mehr Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu geben bzw. ihnen zu helfen, entscheiden zu können, was gut ist. Natürlich sei es klar, dass TEH keine Schulmedizin und keine Ärzte ersetze, aber man könne durch das Grundwissen zu mehr Selbstverantwortung und Mündigkeit in allen gesundheitlichen Bereichen kommen. „Grundsätzlich vermitteln wir in den Kursen Wissen über Pflanzenwirkstoffe. Dann geht es auch um die Verarbeitung“, erklärt Harrer. Wickel, Tropfen oder Tees gehören da ebenso dazu wie Kräuterpulver und Ernährungslehre.

Vernetzt

Mit dem TEH-Verein wurden auch eine Plattform und ein Netzwerk geschaffen, in dem einerseits Produkte verkauft werden können. Andererseits wird hier uraltes Wissen gebündelt und weiter entwickelt. Es geht schließlich auch darum, altes Wissen zeitgemäß einzusetzen! Die Kurse bietet der Verein bereits in ganz Österreich sowie in Bayern an. Informationen dazu gibt es auch auf der Website (www.teh.at).

 

Foto: almaje - fotolia.com

Foto: almaje – fotolia.com

Ringelblume eignet sich besonders zur Behandlung von wunder, entzündlicher und verletzter Haut.
Aufgrund der entzündungshemmenden und antiseptischen Wirkungen soll Ringelblumenseife auch
sehr gut bei unreiner Haut und Akne helfen.

TEH Verein

Im Mai 2007 wurde der gemeinnützige TEH Verein zur Erhaltung Traditioneller Europäischer Heilkunde gegründet. Im März 2010 wurde das Heilwissen der Pinzgauerinnen in die nationale Liste zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO aufgenommen. Dass der Verein und all seine Mitglieder sehr umtriebig sind, wird auch durch die Gründung der TEH Akademie deutlich. In Kooperation mit und im WIFI Salzburg werden seit Oktober 2011 verschiedenste Kurse, Seminare und Workshops angeboten. Viele Vereinsmitglieder stellen außerdem aus traditionellen Zutaten zeitgemäße Produkte her, die im TEH naturwerk in Unken sowie in Hollersbach oder online über die Plattform
www.teh.at erworben werden können. Der Verein ist ein gutes Beispiel dafür, dass altes Wissen nicht verstauben und auch nicht altmodisch präsentiert werden muss, und setzt sich dafür ein, dass das Wissen von Generationen auch an unsere Kinder und Kindeskinder weitergetragen werden kann.

187 total views, 1 views today

Alle Beiträge aus Reportage & Wissen


Facebook Icon