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Profit auf Kosten der Gesundheit von Tieren

Sie röcheln, die Augen tränen, sie sind taub, blind und ihre Gelenke sind geschädigt – die Rede ist von sogenannten Qualzuchten. Ausgehend von Rassestandards wird das „niedliche Schnarchen“ oder das „lustige Wackeln beim Laufen“ bagatellisiert. Doch die gesundheitlichen Beschwerden der Vierbeiner sind keineswegs harmlos.
Ein Artikel von Sonja Schwaighofer

Max: PrivatGroße, runde Augen und eine runde, vorgewölbte Stirn mit weit auseinanderstehenden Augenhöhlen: das ist Max, von seinen neuen Besitzern liebevoll „Specki“ genannt. Er gehört zur Rasse der Französischen Bulldogge. Vor rund eineinhalb Jahren haben sich die heutigen Besitzer von Max dazu entschlossen, ihn aus dem Tierheim in Wörgl zu sich zu holen und ihm ein liebevolles Zuhause zu geben. Er ist das Ergebnis einer sogenannten Qualzucht. Die Französische Bulldogge gehört, wie der Mops, zu den am häufigsten von der Brachyzephalie (Kurzköpfigkeit) betroffenen Hunderassen. Auch Max hat aufgrund seiner extrem verkürzten Nase und des deutlich zu kurzen Oberkiefers Atembeschwerden. Und obwohl er schon an seiner Schnauze operiert wurde, hört man seine Atemgeräusche immer noch relativ stark. Sein Fell braucht regelmäßige Pflege, denn aufgrund der vielen Hautfalten neigt er zu Hautentzündungen. Für Herrchen Thomas ist das schon zur Tagesroutine geworden – hier wird ganz genau darauf geschaut und sich liebevoll um ihn gekümmert. „Für uns war klar, wir möchten eine Französische Bulldogge, weil deren Charaktereigenschaften perfekt zu uns passen. Und wir wollten nicht vom Züchter kaufen, sondern einen Hund aus dem Tierheim“, erklärt er im Gespräch. Trotz der hohen Tierarztrechnungen aufgrund seiner gesundheitlichen Beschwerden, ist Max ihnen in kürzester Zeit so ans Herz gewachsen, dass sie ihn nicht mehr hergeben möchten. Da kann man nur hoffen, dass es Max weiterhin so gut geht und nicht noch mehr gesundheitliche Beschwerden auf ihn zukommen.

Bei dieser Hunderasse kann es laut Österreichischer Tierärztekammer sogar noch so weit gehen, dass aufgrund der deutlich zu flachen Augenhöhlen die Augäpfel hervorquellen (Exophthalmus) und schlimmstenfalls komplett vorfallen – ein sehr schmerzhaftes Symptom, bei dem die Tiere völlig blind werden können. Klar ist: Kein Hundebesitzer will, dass sein Hund bzw. sein Haustier leidet, aber er muss zunächst einmal wissen, dass es so
etwas wie Qualzucht überhaupt gibt und dass er das mit seinem Kauf aktiv unterstützt.

Foto: MarkCoffeyPhoto - istockphoto.comWas sind Qualzuchten?
Heim- und Haustiere, allen voran Hunde, wurden durch züchterische Auswahl, je nach Verwendungszweck seitens des Menschen, im Erscheinungsbild als auch im Verhalten verändert. Mopse, Französische Bulldoggen und Boxer liegen laut der Tierschutzorganisation „Vier Pfoten Österreich“ stark im Trend. Warum diese Hunde so beliebt sind, sei wahrscheinlich unter anderem auf das Kindchen-Schema zurückzuführen.

Durch große, hervorstehende Augen, runde Schädel und kleine Stupsnasen wirkt auch ein eigentlich ausgewachsener Hund wie ein Welpe. Solche und noch viele weitere Rassestandards werden vom FCI – Fédération Cynologique – festgelegt. Er ist laut Angaben von PETA Deutschland der größte kynologische Dachverband und sozusagen die Weltorganisation der Hundezucht. Dabei werden Ahnentafeln ausgestellt und Hunde, die dem allgemeinen Rassestandard entsprechen, auf Ausstellungen prämiert und oftmals für die weitere Zucht „verwendet“. Allerdings wissen die Besitzer beim Kauf meist nicht, dass sie sich einen Hund mit Qualzuchtmerkmalen zulegen und dass ihr Hund leidet. Aufklärung ist deshalb hier das Um und Auf.

„Tiere verstümmeln und leiden lassen, damit sie einem Modetrend entsprechen, ist unerträglich“, erklärte am 23. August 2018 Manfred Hochleithner von der Landesstelle Wien der Tierärztekammer in einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Tierschützern. Sie alle kritisieren, dass gezielte Missbildungen bei Tieren gezüchtet werden, weil es dem Menschen so gefällt, obwohl das mit enormem Leid für die Tiere verbunden ist.

Foto: Eric Isselée - fotolia.comQualzuchten enden nicht beim Hund
In einer Broschüre des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen ist es nachzulesen: Auch Katzen und vielen Kleintieren, Vögeln und sogar Reptilien werden gewisse Formen, Farben und „Rassestandards“ angezüchtet, unter denen sie oftmals ein Leben lang leiden. Bei Katzen gibt es Rassen ganz ohne Fell, sogenannte Sphynx-Katzen – dabei fehlen den Tieren auch die wichtigen Tasthaare, die sie sowohl zur Orientierung als auch zur Kommunikation mit Artgenossen benötigen. Auch Taubheit ist bei Katzen, die mit weißem Fell und blauen Augen gezüchtet werden, keine Seltenheit. Bei Vögeln zum Beispiel sind es vor allem die unnatürlichen und einschränkenden Federformen. Bei Fischen wird wiederum auf sehr dünne und feingliedrige Flossen hingezüchtet, wodurch das Verletzungs- und Infektionsrisiko steigt. Es gibt eine große Bandbreite, wie man Tieren ihr Leben unnötig schwer, ja sogar fast unerträglich macht – einfach indem man ihnen Schönheitsideale aufzwängt, die wir Menschen uns ausgedacht haben.

Qualzuchtmerkmale gibt es allerdings nicht nur bei Heimtieren. Auch bei Nutztieren ist dies heutzutage schon gang und gäbe. Laut der Tierschutzorganisation VGT beispielsweise, werden Masthennen häufig darauf hin gezüchtet, dass ihre Muskeln besonders schnell wachsen, worunter Skelett und innere Organe besonders leiden. Am Ende haben die Tiere aufgrund der schweren Brustmuskulatur häufig Probleme beim Laufen. Aber das ist nur ein Beispiel von vielen – auch hier wird mehr an den Profit, als an das Tier als lebendes, fühlendes Individuum gedacht.

Foto: absolutimages - fotolia.comErschreckende Züchtungsmethoden
In einer Recherche konnte PETA Deutschland 2015 erstmals aufdecken, wie Tiere für den Heimtiermarkt massenhaft „produziert“ werden. Es ist branchenweit noch immer üblich, dass Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Vögel und viele andere Lebewesen in den Zuchtan-lagen unter katastrophalen Bedingungen gehalten werden.

Auch der Salzburger Verein RespekTiere dokumentiert laufend Fälle in ganz Österreich, bei denen die Muttertiere oftmals ein Leben lang, als „Gebärmaschinen“ missbraucht, in engen, verdreckten und dunklen Käfigen dahinvegetieren. Soziale Tiere leben in Einzelhaft, oft in ihren eigenen Fäkalien, und leiden Tag für Tag – ein Leben lang. Laut PETA Deutschland geht es Züchtern meist darum, ein Tier mit besonderen Merkmalen zu erschaffen, das sie gut verkaufen können. Die Folgen und Risiken für das einzelne Individuum werden dabei nicht beachtet. Etliche Tiere entsprechen nicht den gewünschten „Rassestandards“ und werden, wenn sie sich nicht zur Weiterzucht eignen, skrupellos aussortiert.

Foto: dageldog - istockphoto.comDas große Geschäft
Tierschützer und Tierschutzorganisationen kämpfen immer wieder dafür, dass die vielen illegalen und unseriösen Onlineplattformen, auf denen Kleintiere feilgeboten werden, aufgespürt und verboten werden.

Aber es gibt darüber hinaus auch ganz offizielle und registrierte Züchter, die verschiedene Rassestandards verkaufen. Und das teilweise sehr lukrativ. Im Laufe der Online-Recherche wurden Welpen von Züchtern – je nach Rasse und Ahnentafel – von 600 Euro bis 3000 Euro angeboten. Und da sind Qualzuchten keine Ausnahme. Man bekommt den Eindruck, dass es den Züchtern nicht um das Wohl der Tiere, sondern lediglich um den eigenen Profit geht. Vor allem wenn man weiß, dass derart gezüchtete Tiere unter vielfältigen gesundheitlichen Beschwerden leiden.

Deshalb fordert Brigid Weinzinger von pro-tier, dem Dachverband der österreichischen Tierschutzorganisationen, ein sofortiges Zuchtverbot für alle Tiere, die eindeutige Qualzuchtmerkmale aufweisen: „Wenn das bedeutet, dass es bestimmte Hunderassen in Zukunft eben nicht mehr „reinrassig“ gibt, dann ist das ein geringer Preis im Vergleich zum endlosen Leiden der Reinzuchten über Generationen hinweg.“ Sie betont, wie sehr die Schönheitsvorstellungen und Zuchtziele sich in den letzten 50 Jahren zum Nachteil der Hunde verändert haben. „Das sind schon lange keine „natürlichen“ Körperformen mehr, sondern reine Schönheitsideale von Rasseverbänden, wenn Schäferhunde kaum mehr laufen können, weil der Rücken so steil abfällt, oder dem Cavalier King Charles Spaniel für sein Gehirn kein Platz mehr im Schädel bleibt, weil Menschen das Aussehen dann niedlich finden.“

Manfred Hochleithner ergänzt: „Wir Tierärzte haben diesen Beruf nicht gewählt, um Qualzucht chirurgisch zumindest wieder so weit zu korrigieren, dass das Tier halbwegs genug Luft in die Lunge bekommt. Wer Rassestandards wie zum Beispiel Mops oder Französische Bulldogge züchtet, begeht ein Verbrechen.“ Die Operation zur Verbesserung der Lebensbedingungen sei nur da, um dem speziellen Hund oder der speziellen Katze das Leben ohne oder zumindest mit weniger Qualen zu ermöglichen – es darf aber nicht als „normal und notwendig“ für diese Rasse angesehen werden!

Foto: GlobalP - istockphoto.comWas sagt das österreichische Gesetz dazu?
Ähnlich wie auch in Deutschland verbietet Österreich nach §5 Absatz 2 des Tierschutzgesetzes jegliche Züchtungen, die für das Tier mit Schmerzen, Leiden, Schäden oder Angst verbunden sind. Grund-sätzlich besteht jedoch eine hohe Problematik darin, dass entsprechende Kontrollen fehlen und dass Gesetze leider noch häufig reine „Auslegungssache“ sind. Und: Der entsprechende Paragraph wird bei Nutztieren nicht angewendet, auch hier wird leider ein großes Vollzugsdefizit sichtbar. Nach Informationen des VGT (Verein gegen Tierfabriken) hätten Qualzuchten laut Gesetz nach einer Übergangsfrist mit 1. Jänner 2018 verboten werden sollen. Diese Übergangsfrist wurde nun aber in der Novelle gestrichen, mit der Begründung, dass manche Rassen sonst aussterben könnten. Es könne nicht sichergestellt werden, dass bestehende Qualzuchtmerkmale wieder zurückgebildet werden und es gäbe auch keinen festgelegten Zeitpunkt mehr im Gesetz, bis wann dies geschehen sollte. Dadurch ist es praktisch gesehen wieder erlaubt, Qualzuchten (die eigentlich gegen das Verbot der Tierquälerei verstoßen) weiterzuführen, sofern man behauptet, man wolle die Qualmerkmale zurückbilden. Tierschützer beklagen, dass die bestehenden gesetzlichen Regelungen völlig unzureichend seien.

Eva Persy von der Tierschutzombudsstelle Wien fühlt sich von der Bundesregierung im Stich gelassen: „Es fehlen verbindliche Richtlinien, die es dem Vollzug ermöglichen, das im Gesetz im Prinzip vorgesehene Qualzuchtverbot umzusetzen. Das ist so, als würde man zwar per Gesetz das Rasen verbieten, aber nicht festlegen, wie schnell Autos im Ortsgebiet oder auf der Autobahn fahren dürfen“, kritisiert Persy.

Foto: Vera Kuttelvaserova - fotolia.comAufklärung und strengere Gesetze
PETA Deutschland und auch andere Tierschutzorgani-sationen in Österreich möchten zukünftige Tierbesitzer darüber aufklären, dass ein tierischer Mitbewohner niemals beim Züchter gekauft werden sollte. Meist handelt die Zuchtindustrie verantwortungslos und profitorientiert. Jeder Mensch, der nach reiflicher Über-legung zu dem Entschluss gekommen ist, einen tierischen Mitbewohner aufzunehmen, sollte diesen aus einem Tierheim adoptieren. Vor allem auch vor dem
Hintergrund, dass jährlich
viele Tausend Hunde, Katzen, Vögel und Kleintiere in Tierheimen landen und sehnsüchtig auf ein neues Zu-hause warten.

Und sind wir uns mal ehrlich: Im 21. Jahrhundert ist es ein wirkliches Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, wenn wir die Tiere – und es betrifft wirklich sehr viele Tiere – dermaßen schlecht behandeln. Statt weiterhin genetische Defekte zu züchten, ist es unsere Aufgabe, Gesundheit bei den Tieren zu fördern. Unsere Aufmerksamkeit sollte auf das Wohlbefinden unserer Haustiere und nicht auf Ästhetik, die ohnehin immer fragwürdig ist, fokussiert sein. Wir schulden es den Tieren in unserer Obhut, egal ob Haus- oder Nutztiere, ihnen die beste Lebensqualität zu ermöglichen.

Tierschützer und Tierärzte fordern daher einhellig ein sofortiges Zuchtverbot für alle Tiere mit Qualzuchtmerkmalen und klare Umsetzungsregelungen vom zuständigen Ministerium. Denkbar wäre für die Tierschützer auch, dass Züchter für etwaige Folgekosten nach der Anschaffung eines Zuchttiers – etwa durch operative Eingriffe und medizinische Behandlungen – haftbar gemacht werden.

Aber vor allem die Aufklärung und Sensibilisierung von Züchtern, Zuchtorganisationen, Schaurichtern, an-deren Interessensgruppen und vor allem Tierbesitzern, sind das A und O dabei. Nur so kann man in Zukunft sicherstellen, dass züchterische Gesundheitsprobleme nicht normalisiert und als „typisch für die Rasse“ angesehen werden. Jede artverwandte Fehlbildung und Störung sollte als solche anerkannt werden.

Fotos: Max – Privat, Eric Isselée – fotolia.com, MarkCoffeyPhoto – istockphoto.com, absolutimages – fotolia.com, dageldog – istockphoto.com, GlobalP – istockphoto.com, Vera Kuttelvaserova – fotolia.com

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