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Niedrige Rohstoffpreise logisch?

Befinden wir uns in einem 30-Jahre-Rhythmus und am Beginn der Zinswende bzw. am Ende der Krise? Historisch gesehen haben niedrige Rohstoffpreise einen deutlichen und Jahre anhaltenden Anstieg am Aktienmarkt gebracht. Die Aussichten für 2016 sind positiv und eine natürliche Bereinigung und Abwertung sollte die Investitionstätigkeit und Konjunktur kräftig ankurbeln. Wir erhielten in einer spannenden Expertenrunde einen differenzierten Ausblick von zwei heimischen Querdenkern. Sie zeichnen uns einen logisch erscheinenden Weg, wo wir unser Geld außerhalb von Immobilien und den ganz konservativen und deshalb ertragsschwachen Anlageformen gerade jetzt investieren sollten.

Ist 2016 das Ende der Krise zu erwarten?

DIE SALZBURGERIN hat mit zwei Experten
gesprochen, die unterschiedlicher Meinung sind: Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3-Banken-Generali Investment-Gesellschaft, rät eher zur Vorsicht. Helmut Nuspl hingegen, der stellvertretende Direktor der Oberbank AG, zeigt sich optimistischer was das laufende Jahr anbelangt. Er sieht ein turbulentes, aber grundsätzlich positives Börsenjahr auf uns zukommen.

Helmut Nuspl:

„Geschichtlich gesehen muss das ein positives Börsenjahr werden“

Um Argumente zu finden, die auf einen möglichen Niedergang der Weltwirtschaft hinweisen, braucht man nicht allzu lange suchen. Man verliert sich dabei leicht in
einem Irrgarten aus horrenden Staatsschulden, manipulierten Anleihe- und Devisenmärkten, kollabierenden Rohstoffpreisen, Chinaschwäche, wegbrechenden Unternehmens-gewinnen sowie geopolitischen Krisenherden wie den Nahen Osten (Saudi Arabien/Iran), Flüchtlingskrise und möglichen Terroranschlägen.

Seit dem Jahrtausendwechsel haben sich zwei Megatrends entwickelt. Erstens die Vervielfachung der Rohstoffpreise und zweitens die Entwicklung Chinas zur „Werkbank der Welt“. Es waren diese beiden elementaren Entwicklungen, die eine dramatische Zunahme von Devisenreserven in den Schwellenländern dieser Erde zur Folge hatten.

Dieses Geld fand Anlage zu einem geringeren Teil in Aktien und zum überwiegenden Teil in erstklassigen Staatsanleihen. Der Rohstoffeinbruch der letzten Jahre zwang die Schwellenländer, in hohem Ausmaß Liquidität zu schaffen und ihre erworbenen Anleihen zu verkaufen. Ohne der Anleihe-Kaufprogramme der Notenbanken seit Dezember 2008 hätte es vermutlich einen Anleihe-Crash gegeben. Wenn Billionen USD an Staatsanleihen verkauft werden, kann dies auch den liquidesten Markt der Welt erschüttern.

30-Jahre-Rhythmus

Der aktuelle Niedergang der Rohstoffpreise signalisiert nun entweder einen bevorstehenden beispiellosen Zusammenbruch der Weltwirtschaft oder das genaue Gegenteil davon. Ich gehe von Letzterem aus. In den letzten drei Jahrzehnten gibt es fünf Beispiele für zumindest 30-prozentige Kurseinbrüche bei Erdöl. Die Folge war jedes Mal deutlich höheres Wachstum der Weltwirtschaft. Nach einer IWF-Schätzung bringt ein 20-prozentiger Rückgang beim Ölpreis einen weltweiten Wachstumsschub von zusätzlichen 0,4 bis 0,8 Prozent.

Höchst beeindruckend ist jedenfalls die negative Korrelation zwischen Aktienmarkt und Rohstoffpreisentwicklung, von kurzfristigen Irritationen einmal abgesehen, seit 1900. Interessanterweise erreichen die Rohstoffpreise (raw-industrials) ziemlich exakt alle 30 Jahre (1920, 1950, 1980 und 2010) ein zyklisches Hoch, welches in der Folge durch einen langjährigen Preisverfall abgelöst wird.

Vergleicht man nun die Phasen steigender Rohstoffpreise mit der Entwicklung des Aktienmarktes im selben Zeitfenster, so erkennt man, dass dieser in jedem einzelnen Fall zur Schwäche neigt. Umgekehrt verhält es sich mit schwachen Rohstoffpreisen. Niedrige Rohstoffpreise brachten in der Folge einen deutlichen und mehrere Jahre anhaltenden Anstieg am Aktienmarkt. Wenn nun die Angst vorherrscht, dass der Verfall der Rohstoffpreise den
Niedergang der Weltwirtschaft anzeigt, sagt uns die
Geschichte, dass genau das Gegenteil der Fall sein wird.

Die konjunkturell zwar kurzfristig negativen Auswirkungen ergeben sich aus nachlassender Investitionstätigkeit im Rohstoffbereich. Das ist aktuell der Fall. Auch kann es zu kurzfristigem Stress im Finanzsystem kommen, wenn sich Banken zu stark in diesem Marktsegment engagiert haben und Ausfälle zu befürchten sind.

Das Schlimmste überstanden

Nach einem Rohstoffpreisverfall von etwa 70 Prozent liegt der schlimmste Teil dieser Entwicklung vermutlich hinter uns. Wahrscheinlich ist sogar, dass im Laufe dieses Jahres eine Erholung einsetzen wird. Das ändert nichts daran, dass relativ gesehen Rohstoffe auf längere Zeit noch niedrig bleiben werden. Die Erholung bei Rohstoffen sollte jedenfalls den Verkaufsdruck aus den Schwellenländern, sowohl am Aktien- als auch Anleihemarkt, auslaufen lassen. Damit stehen die Zeichen für ein zwar turbulentes, aber grundsätzlich positives Börsenjahr 2016 gut. Zumindest lehrt uns dies die Geschichte.

Alois Wögerbauer:

„Aktienkauf ja, aber flexibel bleiben“

„Es ist besser, ungefähr Recht zu haben, als sich tödlich zu irren.“

Diese Erkenntnis geht auf die
Investorenlegende Warren Buffett zurück. Dementsprechend darf man sich nicht der Illusion der Punktprognose hingeben. Sinn von Leitplanken ist es vielmehr, die groben Erwartungen abzustecken und die großen Irrtümer zu vermeiden.

Die USA werden weniger stark wachsen als erwartet, der Vorsprung zu Europa nimmt ab. Vor allem der Energiesektor leidet unter dem tiefen Ölpreis. Die Notenbank FED wird daher die Zinsen deutlich langsamer anheben als von ihr selber zuletzt skizziert. Daraus folgend geht auch der Dollaranstieg zu Ende.

EZB-Chef Drahgi bleibt auf Kurs, kann aber nicht mehr positiv überraschen. Die Kritik wird zunehmen. Klarerweise war es richtig, im Umfeld der EURO-Krise klare Position zu beziehen. Es war auch richtig, den Versuch des „Gelddruckens“ – ähnlich wie in den USA – zu wagen. Aber: Ist es wirklich richtig, die Dosis des Medikaments „Gelddrucken“ weiter zu erhöhen, anstatt auch mal die Wirksamkeit zu hinterfragen? Die negativen Folgewirkungen des Nullzinsumfelds sind breit. Zudem wird ein Schuldenabbau bei den Staaten nicht stattfinden, wenn Schulden faktisch „nichts kosten“.

Zu optimistische Erwartungen

Trotz Nullzins und Geldschwemme der Notenbanken ist das Wachstum der Weltwirtschaft offenbar bei drei Prozent limitiert und jenes der EURO-Zone dann wohl bei etwa 1,5 Prozent. Angesichts der Lage in den Emerging-Markets, der fallenden Rohstoffpreise und beachtlicher geopolitischer Risiken erscheinen insgesamt die Wachstumserwartungen für 2016 zu optimistisch.

Gold bleibt haltenswert und ist derzeit im Seitwärtstrends – nicht unbedingt zukaufen, aber auch nicht verkaufen. Rohstoffe und Öl sind abgestürzt. Global betrachtet sind die Nachteile eines tiefen Ölpreises schwerwiegender als die Vorteile. Wir sehen einen politischen Machtkampf um Marktanteile – und global deutlich zu hohe Förderquoten. Dennoch: Vorerst noch warten. Aber im Laufe des Jahres werden Investments in den Rohstoffsektor anti-zyklisch zu reizen beginnen.

China wird weiter belasten, die Erwartungen an China sind zu hoch. Eine weitere Schwäche der Währung Chinas ist wahrscheinlich und durchaus logisch. Dies ist für die EURO-Zone eher deflationär und konterkariert den
„Inflationswunsch“ der EZB.

Aktien ja, aber…

Aktien sind nicht billig und nicht teuer – aber die einfachen Gewinne sind gemacht. Einzeltitelauswahl ist besonders wichtig. Kurzfristig werden Sorgen um China und die Weltwirtschaft weiter belasten. Auf Sicht bleiben Aktien aber die unverändert klar bevorzugte Asset-Klasse. Dividendenrenditen von im Schnitt etwa drei Prozent sind einem Nullzinsumfeld ein klares Argument. Zudem gibt es viele langfristige attraktive Entwicklungen im Bereich Gesundheit oder Technologie. EURO-Land-Aktien sollten vorerst bevorzugt werden und haben bessere Kursaussichten als etwa die USA. Österreich wird unterschätzt, da die Lage in Osteuropa ex Russland besser ist als allgemein wahrgenommen. Schwankungen an den Märkten sind normal – und auch der schwache Jänner 2016 ist in der historischen Betrachtung nichts völlig Ungewöhnliches. Eine ruhige Hand ist daher gefragt, die Konzentration auf die Tagesbewegung bringt in der Strategie keinen Mehrwert. Zudem: Flexibel bleiben und Mut zur Meinung zeigen.

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