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Niedergang der Gefühle?

Die Anzahl der Singles in unseren Breitengraden steigt. Paare entschließen sich immer später dazu, den Bund der Ehe zu schließen. Und selbst davon wird ein zunehmend größer werdender Anteil später wieder geschieden. Das lang bewährte Konstrukt der lebenslangen Partnerschaft scheint sich langsam aufzulösen. Ist das Leben zu zweit, in einer erfüllten Beziehung, nicht mehr zeitgemäß?
Ein Artikel von Doris Thallinger
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Einfach und unkompliziert war gestern – die RZB (für: romantische Zweierbeziehung) hat massenhaft Konkurrenz bekommen von allerlei Abstufungen, neuen Konstruktionen und Definitionen des (Nicht-) Zusammenseins und einer noch nie dagewesenen Vielfalt an Beziehungs- und „Nicht-Beziehungsformen“. Nie gab es so viele Facetten zwischen Single-Dasein und fester Beziehung. Unsere Gesellschaft ist im Wandel. Und dieser Wandel macht nicht einmal Halt vor dem uralten Thema „Liebe“.

Fühltaubheit

„Ist die Hardware ‚Herz‘ beschädigt?“, fragt sich Martina Leibovici-Mühlberger in ihrem Buch „Diagnose Mingle“. Als Ärztin und Psychotherapeutin sieht sie in unserer Gesellschaft das „Fühlen-Können“ und vor allem die Liebesfähigkeit gegenüber anderen im Absterben begriffen. Was sich in einem übersteigerten Unabhängigkeitswahn bis hin zur Bindungsflucht ausdrückt. Diesen Abzug von Bindungsenergie gegenüber anderen Menschen bezeichnet Leibovici-Mühlberger als „Fühltaubheit“, als Symptom unserer Gesellschaft.

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Tiefe Gefühle sind aus der Mode gekommen und haben heute nahezu den Stellenwert einer Behinderung; Gefühllosigkeit hingegen wird als Erfolgsfaktor gesehen. Wird die Liebe demnach immer mehr zum „Deal“, den man eingeht, zur pragmatischen Geschäftsbeziehung? Die großen Gefühle erlauben wir uns nur noch in der Zuschauerrolle, vor dem Fernseher, im Kino. Wir weinen, leiden und fiebern bei Filmen inbrünstig mit – und zelebrieren zeitgleich unsere eigene Unabhängigkeit und Ich-Zentrierung. Von unserer inneren Einsamkeit wissen wir gut abzulenken. Übersteigerter Konsum (wovon auch immer), unsere Rolle, die wir in der Gesellschaft und auf sämtlichen Sozialen Medien perfekt spielen u.v.m. wirken kurzfristig als Ersatzbefriedigung und sind super-trendy, bieten uns aber am Ende keine befriedigende Lebenskonzeption.

Mit Emotionen überhäufen wir nicht mehr unsere Mitmenschen, sondern allenfalls Dinge und Objekte. Man stellt sich selbst in den Mittelpunkt, auf sich selbst zu achten, sich selbst zu lieben, lautet die Parole. Beziehungen dürfen die persönliche Freiheit nicht einschränken. Gut so – doch Vorsicht: Es ist nur ein schmaler Grat zwischen gesundem Egoismus und selbstspiegelndem Narzissmus! Geht es uns eigentlich noch darum, jemanden zu lieben oder nur darum, von jemand anderem geliebt zu werden, um unser Ego zu nähren?

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Von Mingles & Co.

Was Leibovici-Mühlberger in ihrem Buch beschreibt, wird heute unter dem Begriff „Mingle“ zusammengefasst. Man ist nicht wirklich Single, aber auch kein Paar. Man konsumiert die angenehmen Seiten einer Partnerschaft, vom gemeinsamen Ausflug über ein schönes Abendessen bis hin zum (unverbindlichen) Sex. Aber nur, bis es ernst wird.

„Menschen befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch nach Individualität, Unabhängigkeit und Freiheit und dem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Nähe und Geborgenheit“,  erklärt Natascha Koller, Paarberaterin, Coach und Mediatorin. Dabei könne eine Mingle-Beziehung eine Zeitlang funktionieren, soweit beide Partner dieselben Bedürfnisse, wie Freiheitsliebe, Abenteuerlust und Experimentierfreude teilen. Das Um und Auf dabei: Transparenz, Ehrlichkeit und Klarheit! „Oftmals wissen Betroffene gar nicht, ob sie nun eine Beziehung führen oder nicht, während der andere Part die Unverbindlichkeit der Beziehung und den Spaß als Mingle in vollen Zügen genießt. Ein Leben in Freiheit und Unabhängigkeit, das trotzdem Momente von Zweisamkeit, Nähe und Sexualität bietet, scheint häufig verlockend. „Wenn ein asymmetrisches Verhältnis entsteht, dann sind Probleme praktisch vorprogrammiert.„Das Aufbrechen traditioneller Beziehungen und fester Rollenmuster, aber auch die Zunahme an Möglichkeiten, das eigene Leben nach Belieben zu gestalten, begünstigen natürlich den Wunsch nach Unverbindlichkeit“, so Koller.

Für die Lebensberaterin Friederike Gerin-Linortner ist die Mingle-Beziehung eine logische Folge der gesellschaftlichen Entwicklung: „Es ist kein Geheimnis, dass traditionelle „Beziehungsmodelle“ bei in etwa der Hälfte aller Paare langfristig nicht funktionieren. Gerade junge Menschen, die eine Trennung der Eltern erlebt haben, sehen eine Mingle-Beziehung vielleicht positiv.“ Kritisch werde eine Mingle-Beziehung aber spätestens bei einschneidenden Ereignissen, wie beispielsweise einer Schwangerschaft. Bei Krankheit oder im Alter. Denn Team-Building oder Strategien zur gemeinsamen Krisenbewältigung seien dann keine vorhanden.

„Mit dir bin ich allein“

Gerade der Wunsch nach Nähe ist eine Grundsehnsucht des Menschen – der Mensch ist nicht zum Eremit geboren! Und so werden auch überzeugte Mingles eines Tages erkennen, dass die fehlende Beziehungsqualität zwar scheinbare Sicherheit (vor Verlust, Verletzungen…) mit sich bringt, nicht jedoch die Erfüllung, „angekommen zu sein“.

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Wer nun an einen Menschen gerät, der diese Verbindlichkeit absolut nicht zulassen kann und will, ist gefordert: gefordert, umso mehr bei sich zu sein, sich seiner selbst und seiner Gefühle bewusst zu sein. Gefordert, sich selbst gegenüber ehrlich zu sein, und gefordert, so weh es auch tut, Konsequenzen zu ziehen. Denn, so Michael Nast: „ Es gibt letztlich keine Mingles!“ Es ist einfach eine Definition für eine Bedarfsgemeinschaft, für eine Übergangslösung. Kurz: Man ist einfach nicht interessiert.

Rollenspiele

Wir leben in einer Gesellschaft, in der alles möglich erscheint. Alle Türen stehen uns offen. Die Möglichkeiten sind schier unbegrenzt. Wer sich heute auf eine Beziehung einlässt, tut dies aus freien Stücken, nicht aufgrund gesellschaftlicher, wirtschaftlicher oder religiöser Normen und Zwänge. Die Rolle des Mannes als Versorger und Ernährer ist verloren gegangen; Frauen haben sich ein neues Selbstbewusstsein erkämpft, das ihnen endlich die Chance gibt, den Männern auf Augenhöhe zu begegnen. Eine neu gewonnene Freiheit, mit der Männer wie Frauen überfordert zu sein scheinen. Wir sind eine Zwischengeneration. Die Vorbilder sind uns verloren gegangen. Wir müssen uns neu erfinden, wir können nicht auf das Alte, auf Vorbilder und Erfahrungen zurückgreifen. Das gilt natürlich genauso für die Männer. Diese sind genauso verunsichert ob der ihnen zugedachten Rolle: „Männer sind aus der Rolle gefallen. In bewegten Zeiten wie diesen ist es natürlich, dass sich viele Frauen nach einer starken Schulter sehnen, an die sie sich lehnen können. Plötzlich wünscht man sich panisch alte Rollenbilder zurück: eine Art feinsinnigen, sensiblen und intellektuellen Überproleten!“, beschreibt Martin Nast die Not der Männerwelt.

Die Kindheit als Schlüssel

Was habe ich als Kind erlebt? Laut Paartherapeutin Martina Weinhandl inszenieren Menschen in ihren Beziehungen miteinander genau diejenigen Kindheitserlebnisse, die einst ihre Wunden hinterlassen haben: „Man sucht unbewusst genau den Partner, mit dem man dieselben Erfahrungen wieder durchlebt, mit dem man wieder unter genau dem leidet, worunter man auch als Kind gelitten hat“, erklärt sie. „Wir streben unbewusst nach einer zweiten Chance: Als Kind habe ich nicht geschafft, das zu bekommen, was ich gebraucht habe. Darum suche ich nun wieder jemanden, der mich genauso verletzt, wie ich als Kind verletzt worden bin, in dem Streben, es dieses Mal besser hin zu bekommen. So können alte Wunden heilen.“ Zurückschauen und verstehen lernen lautet die Lösung. Sich bewusst werden, dass es etwas mit einem selbst zu tun hat, wie einen der andere behandelt. Und so kann der Heilungsprozess beginnen.

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Matthias Horx

Die Zukunft von Liebe, Sex und Familie

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Martina Leibovici-Mühlberger

Diagnose: Mingle. Warum wir nicht mehr lieben. Wie wir wieder lebendig werden.

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Michael Nast

Generation Beziehungsunfähig

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Infos zu den Expertinnen:

Natascha Koller

www.praxiswerkstatt.at

Martina Weinhandl

www.paartherapie.at

Friederike Gerin-Linortner

www.ihre-lebensberaterin.com

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