Mode der Zeit?

Bunte Bilder auf der Haut sind keinesfalls eine Erfindung unserer Zeit. Die Möglichkeiten und Techniken zur individuellen Körperkunst werden immer weiterentwickelt. Und die Akzeptanz in der Bevölkerung?
 Ein Artikel von Marion Flach

Ötzi, der Mann aus dem Eis, gilt als erster tätowierter Mensch. Bereits vor über 5.000 Jahren trug der Steinzeitmensch mehr als 60 Tätowierungen. Die Zeichen wurden allerdings nicht mit Nadeln – wie das heute üblich ist –, sondern mit Schnitten angebracht, in die Holzkohle gerieben wurde. Die Lage der Tätowierungen ist besonders interessant: Vor allem an Körperstellen, die Ötzi zu Lebzeiten Schmerzen bereitet haben, sind gekennzeichnet. Auch an Stellen, die den Hauptakkupunkturlinien zuzuordnen sind, finden sich die Strichbündel und Kreuze. Wahrscheinlich hatten Ötzis Tätowierungen einen therapeutischen Hintergrund.

Kulturgut der Menschheit

Belege für Körperkunst in Form von Tätowierungen gibt es auch im alten Ägypten. So sind etwa im Gizeh-Museum Werkzeuge ausgestellt, die heutigen Tätowiernadeln nicht unähnlich sind. Auch andere Funde deuten darauf hin, dass das Tätowieren fast so alt ist wie die Menschheit – mit einer Entwicklung unabhängig und selbstständig bei unterschiedlichsten Völkern der Erde. Piercings, also das gezielte Durchstechen verschiedener Haut- und Körperstellen, zählen ebenso seit Jahrtausenden zu traditionellem Körperschmuck. Auch bei Piercings ist die Bedeutung ganz unterschiedlich und reicht von spirituellem Körperschmuck bis zur Modeerscheinung.

Gebrandmarkt?

Im frühen Christentum wurden Tätowierungen als Vereinigungssymbol angesehen und verwendet. Im Japan des späten 18. Jahrhunderts war die Körperkunst vor allem bei der armen Bevölkerung en vogue. Dort ließen sich knapp 100 Jahre später Adelige wie König George V. – damals noch Herzog von York – oder Zar Nikolaus II. von Russland Bilder auf die Haut stechen. Lange Zeit wurden Tätowierungen als Kennzeichnungen für Knastbrüder, Homosexuelle oder Zugehörige bestimmter Gruppen gesehen. Heute ist das jedoch anders.

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Piercings haben eine lange Tradition. Heute gibt es eine große Auswahl an Schmuck, der auch immer wieder gewechselt werden kann.

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Technisch entwickeln sich Tätowiermaschinen immer weiter. Durch unterschiedliche Nadelstärken, die schnell gewechselt werden können, ist es möglich, detailgetreuer zu arbeiten.

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Gut gestochene Tattoos können zu einem Gesamtkunstwerk werden. Individualität und die eigene Persönlichkeit werden nach außen sichtbar zum Ausdruck gebracht.

Expertentipps

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Körperkunst

Die Möglichkeiten für Tätowierungen sind heute sehr vielfältig. Sowohl die Größe als auch die Umsetzung variiert stark. „Die Größe einer Tätowierung richtet sich vor allem nach dem Platzangebot. Da stellt sich eben zuerst die Frage, wo man die Tätowierung haben möchte. Am Handgelenk ist dann naturgemäß weniger Platz als beispielsweise am Oberschenkel“, erklärt Evelyn Weiß. Allerdings, so Weiß, seien die Extreme immer gefragter – also entweder extrem kleine, zarte Tätowierungen oder sehr großflächige, die dennoch detailliert sind. Möglich wird das vor allem durch eine stark verbesserte Technologie. Nadeln gibt es in sehr vielen Abstufungen, die das variantenreiche Arbeiten erst möglich machen: „Die Rotary-Maschinen haben den Vorteil, dass das ganze Nadelmodul gewechselt wird. Dadurch können facettenreiche Motive gestochen werden, weil das Wechseln der Nadel sehr leicht und schnell möglich ist. Außerdem sind diese Maschinen sehr hygienisch“, sagt die Expertin.

Individuell schön

Laut einer Studie des IMAS Instituts in Linz hat fast ein Viertel der Österreicher zumindest eine Tätowierung. In der Generation der unter 35-Jährigen sind es sogar knapp 40 %. Obwohl die Körperkunst immer beliebter wird und keinesfalls mehr ein Tabu darstellt, rät Evelyn Weiß, sich beim Chef zu erkundigen, ob eine sichtbare Tätowierung problematisch ist. „Meist sagen Vorgesetzte, dass eine Tätowierung kein Problem ist, da die Arbeitsleistung damit nicht zusammenhängt. Außerdem werden die Leute immer toleranter“, ist Weiß überzeugt.

Alltagstauglichkeit

Grundsätzlich sind Tattoos und Piercings Privatsache und unterliegen auch juristisch dem Persönlichkeitsrecht. Obwohl die Akzeptanz bzgl. Tätowierungen größer wird – knappe 70 % sagen in der IMAS-Studie, dass die Körperkunst reine Privatsache ist –, wird es beruflich immer wieder Thema, ob und wieweit die Statements sichtbar sein dürfen. Allerdings, so die Expertin, verstehe sie die Reaktionen manchmal schon. Unsauber gestochene Tätowierungen hinterließen den Eindruck des Ungepflegten. „Deshalb sollte man von seiner Tätowierung und von der Qualität des Tätowierstudios überzeugt sein“, so Weiß. Vorurteile aber gibt es gegenüber den Trägern von Körperbemalungen – zum Glück! – fast keine mehr.

Foto: C.I.A. Tattoostudio

Ein Tattoo entsteht nicht von heute auf morgen. Da muss viel nachgedacht und überlegt werden. Manchen Menschen sind das Motiv und seine Bedeutung sehr wichtig. Andere wollen einfach ein schönes Bild auf der Haut. Egal, welche Bedeutung das Tattoo für den Träger hat, muss die Entscheidung gut überlegt sein. Kurzschlussaktionen haben hier definitiv Folgen. Einer Mode nachzulaufen, ist auch nicht unbedingt ratsam. Kommt ein Kunde mit einer Idee, geben wir Input, beraten und helfen. Gemeinsam entsteht so ein tolles Ergebnis. Wichtig ist dabei immer die Überzeugung, dass es genau das ist, was man will. Dann wird ein Tattoo auch zum ganz eigenen Style.

Clemens Ritl, C.I.A. Tattoostudio, Salzburg

Foto: Poetry on Skin

Ein gutes Studio und einen guten Tätowierer zu finden, ist einfach geworden: Bequem kann man Internetseiten durchforsten. Der grundlegende Hygienestandard in Öster-
reich liegt erfreulicherweise sehr hoch. Professionelle Studios werden jährlich überprüft. Die Qualität der Tätowierungen sollte eindeutig auf der Hand liegen: Gibt es Anschauungsmaterial in Form von Fotomappe oder Internetseiten? Linien sollten scharf gestochen, die Farbe satt und die Schattierungen weich sein. Das ist die Basis. Abgesehen davon hat jeder Tätowierer seine eigene Handschrift. Ein gutes Studio wird dich an den richtigen Künstler für deinen Stil vermitteln. Außerdem wird es auch immer wieder einmal ein klares Nein gegenüber einer nicht so tollen Tattooidee äußern.

Annabelle Headlam, Poetry on Skin, Zell am See

Foto: Tattoos by Niki

Tätowierungen werden immer alltagstauglicher. Die Körperkunst wurde in den letzten Jahren immer feiner, detaillierter und salonfähiger. Allerdings sind junge Kunden nach wie vor etwas blauäugig. Mit 18 weiß man oft noch nicht, was man in fünf Jahren machen wird. Deshalb rate ich, Ersttattoos an sichtbaren Stellen zu vermeiden. Die Stelle sollte gut überlegt sein. Bei manchen Jobs und höheren Positionen kann es durchaus ein Problem sein. Da muss man eben damit leben, dass man das Tattoo vielleicht verstecken muss, wenn man den Schritt gewagt hat. Auf jeden Fall ist es auch unsere Aufgabe als Tätowierer, Kunden über die Konsequenzen aufzuklären.

Niki Oberlechner, Tattoos by Niki, Obertrum

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