„Liebe Steuerzahlerinnen und Steuerzahler – und alle, die es noch werden möchten!“

Er ist Betriebswirt, Unternehmer, Manager, Winzer, Hobby-Koch & der 21. Finanzminister der 2. Republik. Was Hans Jörg Schelling bewegt hat, in die Politik zu gehen, und wie wichtig ihm Erfolg ist, hat er uns erzählt.
 Ein Artikel von Marion Flach

Sie sind in Vorarlberg geboren, haben in Oberösterreich studiert, leben jetzt in Niederösterreich. Wie viel Vorarlberger steckt noch in Ihnen?

Vom Charakter her wahrscheinlich sehr viel, weil man das nicht verleugnen kann. Ich bin in einem Bergdorf aufgewachsen. Mein Vater war dort Volksschuldirektor in einer einklassigen Volksschule, meine Mutter Krankenschwester. Der Ort war damals oft ein paar Tage eingeschneit. Da lernt man viele dieser Mechanismen, die einem im Leben gut tun: Wie wichtig ist die Gemeinschaft, der Zusammenhalt oder dass man Dinge ausredet. Da sind die Vorarlberger ja auch berühmt dafür: Dass sie mit sehr klaren Botschaften agieren. Und davon steckt noch viel in mir. Und was natürlich mitschwingt, das ist – glaube ich – für den Finanzminister besonders wichtig: Wir stammen von den Alemannen ab und die sind bekanntlich sehr sparsam.

Sie kommen aus einem Bergdorf, sind nicht in überschwänglichem Reichtum groß geworden. Wie sehr hat Sie das in Ihrer Bodenständigkeit geprägt und inwieweit war das vielleicht auch für Ihren Erfolg wichtig?

Man lernt natürlich schon, die Differenzierung zwischen Freunden und Freunden zu schätzen. Und ich kann, glaube ich, mit Stolz sagen, dass sich diese Bodenständigkeit auch dadurch ausdrückt, dass sich mein Freundeskreis in den zwei Jahren als Finanzminister nie verändert hat. Das möchte ich auch so beibehalten, weil es auch eine Zeit
danach gibt. Und da ist man froh, wenn man diese Freunde wieder hat. Daher sollte man sie nicht vernachlässigen. Das ist so ein typisches Standing des Bodenständigen. Und das zweite ist, immer diese Erdung zu haben, immer wieder zu den Grundfragen zurückzugehen, wie es bei uns auch immer üblich war. Das Dritte ist eine Geschichte meiner verstorbenen Mutter. Sie hat mir Folgendes mit auf den Weg gegeben: „Es gibt keinen Vorteil ohne Nachteil, aber es gibt auch keinen Nachteil ohne Vorteil. Und erfolgreich ist, wer im Nachteil den Vorteil sucht.“ Es gibt also keinen Nachteil ohne Vorteil, es gibt bei allem auch irgendeinen Vorteil. Man ist nur durch den Nachteil meistens ein bisschen erschüttert und sucht nicht nach dem Vorteil. Es gibt daraus aber auch viele Vorteile und wenn man das als Bodenhaftung betrachtet, dann kommt man immer wieder den nächsten Schritt weiter. Das war auch für den Erfolg prägend. Und natürlich, wenn man aus diesen Verhältnissen kommt, hat man schon irgendwie den Wunsch, einmal in die große weite Welt auszubrechen. Auch das zählt übrigens zu den typischen Vorarlberger Eigenschaften: Man will auch erfolgreich sein. Es muss nicht immer gelingen, aber Gott sei Dank ist es mir gelungen.

Sie waren von der Schule weg auf Erfolgskurs und haben Preise erhalten. Auch ihre Zeit in der Privatwirtschaft war von Erfolg gekrönt. In der Politik sind Sie jetzt auch erfolgreich. Wie wichtig ist Ihnen Erfolg?

Erfolg ist ein Motor. Das ist so etwas, was einem Kraft und Energie gibt – als ob die Batterie ständig aufgeladen wird. Ich habe vor Kurzem einmal gelesen, es gibt den sogenannten Gummiband-Effekt. Alle werden in den Ferien krank, weil sich das Immunsystem davor sozusagen nicht herunter traut. Man darf aber eines nicht unterschätzen: Jeder Mensch hat auch Misserfolge. Es ist völliger Irrglaube, dass alles, was jemand macht, erfolgreich ist. Erfolg besteht meistens auch darin, dass man einmal mehr aufsteht, als man hinfällt. Und Erfolg besteht auch darin, dass man nie aufgibt und immer wieder schaut: Geht’s noch einen Schritt weiter, geht noch was, ist noch was zu holen? Das ist manchmal mühsam, dazu braucht man eine bestimmte Kämpfernatur. Natürlich, wenn man erfolgreich ist, hat man überhaupt keine Veranlassung, über die Misserfolge zu reden, aber man hat Veranlassung, aus den Misserfolgen zu lernen. Und das ist ein Weg, den ich auch immer beschritten habe.

Wie schwierig ist es jetzt als Minister für Sie, in der öffentlichen Kritik zu stehen?

Damit habe ich überhaupt kein Problem. Das wusste ich von Anfang an. Ich kann mich erinnern, als ich Präsident des Hauptverbandes wurde – auch ein hochöffentliches Amt – haben alle gesagt: Na ja, der kommt jetzt daher und erzählt uns, wie das funktioniert, und es wird eh nicht hinhauen. Das ist etwas, was ich an Österreich nicht so sehr liebe: dieses unmittelbar Negative. Es wird sicher nicht funktionieren. Das ist fast ein Todestrieb, sage ich immer. Aber Kritik soll man, wenn sie berechtigt ist, ernst nehmen. Wenn sie unberechtigt ist, sollte man gar nicht darauf reagieren. Was mich ärgert, ist eher, wenn jemand völlig unbedarft, unwissend irgendwelche Dinge kommentiert, die völlig daneben sind und möglicherweise auch Schaden auslösen. Da werde ich in meiner Reaktion dann schon auch etwas energischer. Kritik ist das Normalste – sonst darfst du nicht in die Politik gehen.

Was ist Ihre Motivation gewesen, in die Politik zu gehen?

Eigentlich schon zwei Dinge. Zum einen wurde ich natürlich gefragt. Der zweite Punkt ist aber der entscheidende Punkt für mich gewesen. Nämlich: Es nützt überhaupt nichts, von außen zu kritisieren. Verändern kannst du nur von innen. Da musst du Teil des Systems sein. Von außen zu kritisieren, ist relativ leicht. Das tun ja viele. Auch aus der Wirtschaft kommend kritisieren viele – auch zu Recht – die Zustände in Österreich. Aber: Verändern kann man sie nicht durch diese Kritik. Verändern kann man sie durch Arbeit in der Organisation selbst. Und das war für mich ein Ansporn. Als ich von Reinhold Mitterlehner gefragt wurde, dieses Amt zu übernehmen, habe ich mir zwei Fragen gestellt. Erstens: Traust du dir das zu? Und zweitens: Willst du das wirklich tun? Und wenn man beides mit „Ja“ beantwortet, hat man sozusagen die Entscheidung getroffen und darf auch nicht mehr darüber nachdenken, ob sie richtig oder falsch war. Es ist einfach so. Daher habe ich es gern gemacht. Es macht mir auch weiterhin Spaß und Freude, auch wenn die Zeiten nicht leichter und die Entscheidungen immer schwieriger werden und mir manche Dinge zu langsam gehen. Das gilt sowohl für die eigene Partei wie auch für den Koalitionspartner.

Wie können Sie abschalten, bei all dem was Sie tun? Sie stehen so in der Öffentlichkeit und haben große Verantwortung, wie schaltet man da ab?

Zum einen ist ein Grundprinzip von mir, wann immer es irgendwie möglich ist, zu Hause in St. Pölten zu schlafen. Die Fahrt ist die erste Abschaltphase, einfach einmal herunterkommen und sozusagen wieder den normalen Blick bekommen. Das zweite ist, dass ich versuche, meine Freizeit so gut wie möglich zu genießen. Abschalten z.B. kann ich sehr gut bei einem meiner Hobbys: beim Kochen. Für die anderen Hobbys habe ich ohnehin keine Zeit mehr. Und daher mache ich das mit Leidenschaft und mit genauso viel Enthusiasmus wie die Politik. Das ist für mich wahnsinnig beruhigend. Und das Dritte ist, ich versuche, mir Lücken zu schaffen, wo ich einfach einmal zwei, drei Stunden keine Termine nach außen, sondern nur nach innen wahrnehme, wo man mit dem eigenen Team wieder einmal zur Ruhe kommt und Dinge auch wieder im Grundsatz bespricht, vorbereitet und diskutiert. Was mir sehr zugute kommt, das ist eine Eigenschaft, die ich irgendwie geerbt habe: Ich kann blitzschnell erfassen, kann auch wahnsinnig schnell lesen und beschäftige mich sehr intensiv mit den Materien, bevor ich Entscheidungen treffe. Meine Mitarbeiter sind oft überrascht, bis in welches Detail ich manche Dinge weiß. Ich brauch das aber für mich selbst – einfach, um sicher zu sein, die Entscheidung in die Richtung ist die richtige. Wir haben schwierige Entscheidungen zu treffen gehabt, Beispiel HETA oder andere Dinge, wo viel passiert ist in den letzten Jahren. Und da musst du dann einfach bis ins Detail sicher sein. Ich lese oft im Auto noch Unterlagen, die halt so ein bisschen spannend sind, aber das ist für mich keine Anstrengung. Ich sage immer: Alles, was du mit Spaß machst, ist keine Belastung.

Zum Schluss noch eine Frage. Sie sagen „Alles, was Spaß macht, ist keine Belastung.“ Was ist Ihre Lieblingsweinsorte?

Grüner Veltliner. Ich trinke die Veltliner deshalb so gern, weil sie sehr bekömmlich sind. Vor Kurzem habe ich gekocht. Da probiere ich dann die Weine zu den Speisen aus. Die Frage ist ja nicht nur „Schmeckt dir der Wein?“, sondern „Passt der Wein zu dem, was du isst?“. Aber unabhängig von einem Menü trinke ich am liebsten Grünen Veltliner. Das ist etwas urtypisch Österreichisches, das gibt es auf der ganzen Welt eigentlich nirgendwo sonst – probieren viele, gelingt ihnen aber nicht, Gott sei Dank. Für mich ist er bekömmlicher, ich trinke ihn gerne, trinke ihn mit Maß und Ziel. Aber ich habe jetzt einen Spruch gehört, der mich sehr beeindruckt hat. Da gibt’s die berühmte Aussage „In vino veritas“ – „Im Wein liegt die Wahrheit“ und wir Winzer sagen dazu: „Wer im Wein die Wahrheit sucht, sollte nicht nach dem ersten Glas aufhören.“ (beide lachen)

Das ist ein schönes Schlusswort. Vielen Dank!

Foto: Romolo Tavani – fotolia.com

„Wenn alle ihre Steuern zahlen,
müssen alle weniger Steuern zahlen.“

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