Sattler_Erzähl_mir

Land im Wandel

Seit 200 Jahren gehört Salzburg zu Österreich. Am 1. Mai 1816 wurde an der fürsterzbischöflichen Residenz das bayerische Wappen gegen den österreichischen Doppeladler ausgetauscht. Wie es der Mozartstadt in den letzten zwei Jahrhunderten ergangen ist und wie des Jubiläumsjahres hierzulande gedacht wird. Ein Abriss. 

Ein Salzburger schreibt über Mozart: Mozart, das Genie, Mozart, den Gewaltigen aus Salzburg. Als Heimatverbundener soll ich hier über ihn schreiben, aber als in Wien Geborener bin ich mit dem Mozart aus Salzburg eben nicht heimatverbunden. Salzburger bin ich nur, weil ich 88 Jahre in dieser Stadt lebte und damit zum Salzburger wurde. Auf die gar nicht unheikle Frage, wie lange man braucht, um zum Salzburger und womöglich dann zum Salzbürger zu werden, soll hier nicht eingegangen werden. Da lauern nämlich sehr subtile Empfindlichkeiten im Verhältnis zwischen Salzburg, dem kleinen Erzbistum, und Wien, der mächtigen Haupt- und Residenzstadt. So schreibt der 1923 in Wien geborene Komponist und Dirigent Gerhard Wimberger über Wolfgang Amadeus Mozart und sich selbst als Salzburger in der kürzlich in den Verlagen Jung und Jung und Otto Müller erschienenen Anthologie „Menschen aus Salzburg.“

Mozart, Karajan, Trakl oder Bernhard. Die Palette der in diesem Buch porträtierten Menschen reicht von berühmten und verstorbenen Salzburgern bis zu vielen vergessenen oder bisher unbekannten Zeitgenossen, die in der Stadt an der Salzach geboren, aufgewachsen oder sesshaft sind. „Menschen aus Salzburg“ ist Teil des Projekts Salzburg2016 und besteht aus 60 kunterbunt zusammengewürfelten Texten. Ebenso kunterbunt, wie es das Jahresprojekt selbst ist und noch das ganze Jahr lang sein wird.

Das Projekt Salzburg2016

Rund zwei Jahre wird bereits an dem Projekt Salzburg2016 gearbeitet. Im Regierungsbeschluss vom 17. Oktober 2014 wurde die Gründung einer GmbH fixiert, Friedrich Urban als Geschäftsführer bestellt und der Leitgedanke des Projekts formuliert. Knapp zwei Monate später erfolgte die Gründung der Salzburg2016 GmbH und ein Büro im Traklhaus wurde eingerichtet – als gemeinsamer Sitz von Friedrich Urban und seinem Team. Das Ergebnis: 200 Projekte sollen dieses Jahr insgesamt im Bundesland zu ihrer Umsetzung gelangen. Buchprojekte wie jenes von „Menschen aus Salzburg“ sind dabei nur ein kleiner Teil. Am Ende des Jahres sollen übrigens insgesamt zwölf Publikationen Spuren des Projekts hinterlassen. „Inhaltlich geht es um die kritische Selbstreflexion eines Bundeslandes“, bringt Friedrich Urban das Ziel des Vorhabens auf den Punkt. „Die Bandbreite der Projekte, Veranstaltungen und Initiativen ist groß und das Hauptanliegen ist ja auch, dass das ganze Land miteingeschlossen ist.“ Die Salzburger Festspiele, die Stiftung Mozarteum und alljährliche Festivals wie „Jazz & The City“ sind ebenso mit eingebunden wie kleine, innovative Projekte und die Beteiligung von rund 20 Regionalmuseen. „Es handelt sich aber nicht um ein reines Kunstfestival“, betont Urban. Einige Projekte sind bereits zur Umsetzung gekommen, etliche sind nach wie vor in ihrer Entstehung und vieles erwartet man sich bereits schon wieder als Spuren für das Jahr 2017. Denn ob Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft – allen dreien soll gleich viel Aufmerksamkeit gewidmet werden. Insgesamt wurden für das Projekt 6,5 Millionen Euro in die Hand genommen, wobei das Land 1 Million, der Bund 4 Millionen sowie Stadt und Land je 750.000 Euro für die Landesausstellung zur Verfügung stellen.

Auszug 200 Jahre Salzburg: 1816-1914

2016 ist es 200 Jahre her, dass das ehemalige Erzbistum Salzburg nach Beschlüssen des Wiener Kongresses 1816 endgültig der Habsburgermonarchie zugeschlagen und somit österreichisch wurde. Die napoleonischen Kriege führten 1803 zur Auflösung des Fürsterzbistums Salzburg, und der ehemals geistliche Ständestaat entwickelte sich zum weltlichen Fürstentum. Zwischen 1803 und 1816 erlebte das Land Salzburg seine einschneidendsten politischen Umwälzungen, die Salzburg eine schwere Krise bescherten. Von 1803 bis 1805 war Salzburg ein Kurfürstentum. Die erste österreichische Zeit endete mit der neuerlichen Kriegserklärung des damaligen jetzigen Kaisertums Österreich an Frankreich 1809. Nach dem Sieg der französischen Truppen unter Napoleon stand Salzburg für eineinhalb Jahre unter französischer Verwaltung. Von 1810 bis 1816 gehörte das Land zu Bayern. Rund 600 Jahre lang war das Land also Teil Bayerns, das mit dem Wiener Kongress schließlich endete. Danach galt Salzburg etwa 500 Jahre lang als selbstständiges Fürstentum. Seit dem 1. Mai 1816 gehörte Salzburg nach Jahren wechselnder Herrscher schließlich nicht länger zum Königreich Bayern. An der Residenz wurde das bayerische Wappen abgenommen und der österreichische Doppeladler aufgehängt. Das über die Jahrhunderte selbstständige Fürsterzbistum und spätere Kurfürstentum, das seit 1800 immerwährenden Kriegen, Besetzungen und wechselnden Herrschaftsverhältnissen ausgesetzt war, wurde als Salzburgkreis dem Land Österreich ob der Enns untergeordnet. Die einstige Haupt- und Residenzstadt Salzburg wurde zu einer unbedeutenden Provinzstadt und versank in einen Zustand wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Stillstands. Vor allem der Abstieg von einer Residenzstadt zur Linz untergeordneten Kreisstadt war wirtschaftlich und mental schwer zu verkraften, hat Robert Hoffmann, Professor für Geschichte am Fachbereich Geschichte der Universität Salzburg, recherchiert. Die erhebliche Verteuerung von Lebensmitteln und ein großer Brand führten 1817 zusätzlich zur Schrumpfung der Bevölkerung in der Stadt Salzburg auf 8.000 Menschen. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts erwachten Land und Stadt aus einem wahren Dämmerzustand und man besann sich auf den kulturellen und bald auch touristischen Reichtum der Stadt. Am Beginn des modernen Salzburg stand der Mythos der „schönen Stadt“, also die Vision eines idealen naturräumlich-städtebaulichen Ensembles, die ihre bis heute gültige Ausformung in den 1820er-Jahren erfuhr, so Hoffmann. Am 1. Jänner 1850 wurde Salzburg ein eigenes Kronland der Monarchie mit dem Recht auf eine eigene Verwaltung. Zahlreiche Bahnbauten ermöglichten einen touristischen Aufschwung, die Gastronomie erwachte zum Leben – gleichwohl sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch noch recht überschaubar war. Schließlich entstanden als Vorläufer der Salzburger Festspiele, die Salzburger Musikfeste. Der Bahnbau von 1860 förderte den Fremdenverkehr zusätzlich. Die stetige Aufwärtsentwicklung Salzburgs endete jedoch mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Woher kommen wir? Wohin gehen wir?

Im Zentrum von Salzburg2016 steht die Landesausstellung des Salzburg Museums mit dem Titel „Bischof. Kaiser. Jedermann.“, die am 30. April eröffnet wird und eine gute historische Basis für das geschichtliche Verständnis der 200-jährigen Geschichte Salzburgs bietet, wenngleich auch ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Die Themen reichen von den reichen Sammlungen an Kunstobjekten der Salzburger Fürsterzbischöfe über Alltagsgeschichten von Menschen mit ungewöhnlichen Blickwinkeln bis hin zur Salzburger Sagenwelt, die Salzburger Musikgeschichte, Literaten, Kriege und bedeutenden Schauplätzen und Orten. Neben der Landesausstellung bieten fünf weitere Themenschwerpunkte den Rahmen für das Jubiläumsjahr: das Salzburger Zukunftslabor widmet sich der Zukunft des Landes, diverse Veranstaltungen und Festprogramme laden zum Feiern und Mitmachen ein, Projekte zur Infrastruktur machen dessen Geschichte und Entwicklung spürbar und auch dem Thema Salzburg und seine Nachbarn sowie Salzburg und Österreich wird ein Schwerpunkt gewidmet. Neben der Vergangenheit sind der Gegenwart und Zukunft des Landes wichtige Projekte gewidmet. Auch dem aktuellen Thema Flüchtlinge und Migration will man nicht aus dem Weg gehen. „Ende des Jahres soll man wissen, wie es um die Vergangenheit Salzburgs steht. Dass sich in den letzten 200 Jahren auch viel Spannendes und Gutes entwickelt hat. Das Wesentliche ist aber auch die Frage, wie es weiter geht“, so Friedrich Urban.

Und Wolfgang Amadeus Mozart und Gerhard Wimberger? Erst 1942 wurde auf dem Mozartplatz das Mozartdenkmal aufgestellt. Vor 1840 lockte das vermeintliche Genie nur wenige Besucher in die Stadt. Und auch an Gerhard Wimberger ging Mozart nicht spurlos vorüber, lebte der gebürtige Wiener doch 88 Jahre lang in der Mozartstadt. Heute zählen die beiden zur Salzburger Prominenz. Und Menschen sind es am Ende auch, die das Jubiläumsjahr hoffentlich zu einem lebendigen und unvergesslichen Jahr werden lassen.

Eva Pittertschatscher

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