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Alondra de la Parra: La Maestra

Drei Mal stand Alondra de la Parra im Zuge der Mozartwoche 2019 auf der Bühne und begeisterte das Publikum mit ihrem Charme und Können: Als Dirigentin im szenischen Meisterwerk T.H.A.M.O.S.
Ein Artikel von Doris Thallinger
Foto: Erika Mayer

Foto: Erika Mayer

Muss ein Dirigent alt sein? Ein Mann? Nein! Obwohl Alondra de la Parra als Kind genau das dachte, beweist sie heute das Gegenteil. „Schon mit 13, 14 Jahren wollte ich Dirigentin werden, aber ich habe mir gedacht, wie soll das gehen?
Ich sehe ja gar nicht aus wie ein Dirigent. Dirigenten kommen meist aus Deutschland, sind sehr alt und haben weißes Haar – aber ich komme aus Mexiko und bin ein Mädchen!“, erinnert sich die 38-Jährige.
Und auch wenn sie glaubte, den Kriterien nicht gerecht zu werden, ist eine großartige Dirigentin aus ihr geworden. Mit Talent, Durchsetzungskraft, Leidenschaft und schier unbändiger Energie.
Mit konzentriertem Blick steht die hübsche Mexikanerin am Dirigenten-Pult, ihre Hände schneiden durch die Luft, das zum welligen Long-Bob geschnittene Haar fliegt im Takt ihrer Bewegungen, wenn Alondra de la Parra ihr Orchester dirigiert – mit vollem Körpereinsatz, das Gesicht spiegelt ihr Feuer und ihre Leidenschaft zur Musik wider, ihre Mimik wechselt im Rhythmus der Klänge von konzentrierten Grimassen bis zum strahlenden Lächeln. Die Musik fließt durch ihren Körper, sie scheint zu tanzen, kann gar nicht still stehen. Schön, jung und strahlend! So vermittelt sie die Liebe zur Musik, für die sie ebenso brennt und glüht wie für ihr Heimatland Mexiko.

Die Kraft der Musik
Alondra ist die geborene Dirigentin. Schon als Kind weiß sie, ihre Geschwister zu führen und lenken, wie diese sich noch gut erinnern. Geboren wird Alondra de la Parra 1980 in New York, als sie zwei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Mexico City. Bald trennen sich die Eltern und das lebhafte Kind findet seinen Trost in der Musik. „Eltern können sich zwar trennen und ihre eigenen Wege gehen, aber die Musik bleibt mir und wird mich nie verlassen“, verinnerlicht sie schon damals. „Ich habe mich an die Musik geklammert.“
Viele Jahre verbringt Alondra de la Parra mit Klavierunterricht (zudem lernt sie Cello), verzichtet auf vieles, ordnet alles dem Klavier unter: „Es war eine ständige Anstrengung und gleichzeitig eine große Unsicherheit, die Bühne als Konzertpianistin betreten zu müssen. Es war das Schlimmste, das ich mir vorstellen konnte.“ Ein Gefühl, das sie als Dirigentin nie kennenlernt. „Als Dirigentin habe ich diese Unsicherheit nie gefühlt, dabei ging es mir gut, ich war sicher!“
Sicherheit und Authentizität als Dirigentin zeigt sie auch bei jedem ihrer Konzerte – wenn sie dirigiert, auf der Bühne steht, dann ist sie in ihrem Element. Die Konzertbühnen der Welt hat sie längst erobert: Mehr als 100 Orchester hat sie bereits dirigiert, in 20 Ländern rund um den Globus.

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Fotos: Theodor Fleischer

Die ganze Welt ist Bühne
Den ersten Kontakt zum Dirigieren knüpft die junge Alondra in England, wo sie ein Musikinternat besucht. Später erlernt sie das Dirigieren von Grund auf in New York, an der Manhattan School of Music. Hier eröffnet sich ihr 2003 die Möglichkeit, an einem Workshop von Kurt Masur teilzunehmen, der sie von da an fordert und fördert. „Dass jemand wie Kurt Masur mich unterrichtet, hat mir damals viel Respekt verschafft, auch bei den Musikern, die ich dirigierte.“

Foto: VOGL-PERSPEKTIVE.AT

2004 gründet die Dirigentin in New York das mexikanisch-amerikanische Symphonie-Orchester „Philharmonic Orchestra of the Americas“ und steht in den folgenden Jahren auf den unterschiedlichsten Bühnen der Welt.
2017 gelingt Alondra de la Parra ein wichtiger Karriereschritt: Sie wird Musikdirektorin des Queensland Symphony Orchestras in Brisbane. Damit übernimmt sie die künstlerische Leitung ebenso wie Management-Aufgaben und stellt ihre vielseitigen Talente unter Beweis. Unter ihrem Einfluss weht frischer Wind, der auch das Konzertprogramm und das Repertoire des Orchesters streift.
Brisbane ist mittlerweile zu ihrer zweiten Heimat geworden, rund drei Monate im Jahr verbringt sie in Australien. Die meisten Konzertauftritte hingegen absolviert sie in Deutschland: „Europa ist sehr wichtig für meine Karriere.“ So übernimmt Alondra aktuell die musikalische Leitung für Franz Welser-Möst bei der Neuproduktion von „Die Zauberflöte“ an der Staatsoper Berlin. Mit ein Grund, warum die 38-Jährige Deutsch lernt: „Über die Sprache versteht man auch die Musik.“
Ihr wahres Zuhause wird immer Mexico City bleiben, die Stadt, die sie geprägt und hervorgebracht hat. Hier leben ihre Familie, ihre beiden Söhne und Freunde. „Mein Traum ist es, eines Tages an einem festen Ort zu leben und nicht mehr ständig packen und reisen zu müssen.“ Mit ihrer unnachahmlichen Entschlossenheit als Triebfeder wird Alondra de la Parra wohl auch das schaffen.

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Fotos: Matthias Baus
Alondra de la Parra dirigiert T.H.A.M.O.S.

Basierend auf „Thamos, König in Ägypten KV345“ hat die Stiftung Mozarteum Salzburg ein wenig bekanntes und dabei großartiges Werk Mozarts hervorgeholt und neu inszeniert. Der katalanische Regisseur Carlus Padrissa bringt mit seiner Theatertruppe La Fura dels Baus ein echtes Spektakel auf die Bühne der Felsenreitschule. Aus der Partitur Mozarts ist ein völlig neues Stück entstanden, angereichert um mehrere Arien aus anderen Mozart-Werken. T.H.A.M.O.S. verführt – auf eine dramatisch-theatralische Reise, mit Tanz und Akrobatik, mit Luft-Choreographie und zündenden Ideen rund um Ägypten, das Freimaurertum und die Aufklärung.
Ein Stück, das polarisiert! Während die einen (klassischen, älteren) Besucher sich darüber mokieren, dass es an Show zu viel sei, es nicht gewohnt zu sein scheinen, dass ein Darsteller auch einmal mitten im Publikum agiert oder dass (sehr treffende) Parallelen zur heutigen Zeit gezogen werden, belohnt das – meist jüngere – offenere Publikum die Produktion mit frenetischem Applaus.
Ja, Luftchoreografie, Bühnenfeuerwerk und Video-Projektionen mögen nicht jedermanns Sache sein, der ausschließlich ein Konzert genießen möchte. In diesem Fall ist jedoch ein großartiges Gesamtkunstwerk gelungen, das den Zuschauer nach anderthalb Stunden fast atemlos, staunend und begeistert entlässt. Ein Beweis dafür, dass Mozart lebt, Menschen zusammenbringt und ganz und gar dem heutigen Zeitgeist entspricht!

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Foto: Martin Bieling

Filmtipp!

Der Dokumentarfilm „La Maestra” begleitet Alondra de la Parra auf drei Kontinenten zu ihren wichtigsten Lebensstationen im Jahr 2017/18. Es sind Einblicke in das Leben einer Musikerin entstanden, die einen neuen Dirigenten-Typus verkörpert, zwischen den Kulturen und musikalischen Genres. Eine Produktion von Bernhard Fleischer Moving Images in Koproduktion mit ZDF/Arte und Deutsche Welle.

ORF2 zeigt die Dokumentation am 3. März, 10.45 Uhr

Mozwartwoche2020

Foto: Wolfgang Lienbacher

Mozart lebt!

Rolando Villazóns Reise durch Mozarts Kosmos geht weiter und rückt mit der Mozart-woche 2020 vor allem die Werke in den Vordergrund, die Mozart für Blech- und Holz-bläser komponiert hat. „2020 stehen die Blasinstrumente im Mittelpunkt“, so der
Intendant, „dieses Jahr nähern wir uns auch den besonderen Freundschaften Mozarts an, die diese Meisterwerke hervorgebracht haben.“
Als großes Bühnenprojekt inszeniert Robert Wilson „Der Messias“ KV572. Zwei weitere Bühnenprojekte bietet die Mozartwoche 2020 mit „Pùnkitititi!“ im Salzburger Marionettentheater und „Mozart Moves! Sieben Dramolette“ im Landestheater. Neue Formate, die sich 2019 bewiesen haben, werden weiterentwickelt, wie „Briefe und Musik“, Veranstaltungen in der SZENE Salzburg, im OVAL – der Bühne im Europark und in der ARGE Kultur.
Insgesamt stehen bei der Mozartwoche 2020 rund 60 Veranstaltungen an mehr als 15 Spielstätten am Programm. www.mozarteum.at/mozartwoche

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