Die Frage nach dem „WARUM“

kolumne andrea hammerer

Ich schockiere meine Patienten manchmal, wenn ich auf die Frage: Warum geht es mir schlecht? Warum bin ich depressiv? Warum hab ich diese Essstörung? Warum kann ich keinen Partner halten? antworte: Es interessiert mich nicht. Mich interessiert das WAS (die richtige Diagnose) und das WIE (Therapieplan). Der psychisch Belastete kennt die Ursache sehr genau, er ist der Spezialist seiner Biographie. Manche Therapien scheinen sich ausschließlich mit der Ursachensuche zu beschäftigen, in der Hoffnung, dass man den Stein der Weisen findet und mit einem Schlag alles paletti ist. (Ach ja, damals hat Großmutter dies oder jenes gesagt. Ach ja, weil mein Vater meine Mutter betrogen hat. Manchmal wird sogar ein früheres Leben herangezogen, oder eine Fehlgeburt der Ex-Schwiegermutter, die das Warum beantworten soll). So verliert man Jahre und verirrt sich im Labyrinth kluger Deutungen.
Meine Therapieausbildung in kognitiver Verhaltenstherapie nimmt die Patienten im Hier und Jetzt ernst und geht mit ihnen gemeinsam in die Zukunftsgestaltung. WAS möchte ich (wieder) können? WIE möchte ich sein? Wir gehen Hand in Hand in die gefürchtete Situation, in die vermiedene Emotion und bleiben so lang drin, bis wir sie bewältigen können. Was, wenn ich eine klinische Depression habe, weil meine Hormone verrücktspielen, WIE gehe ich damit um und WIE kann ich wieder ein glücklicher Mensch werden! Zeitgleich interessiert mich natürlich, was der Mensch darüber denkt, WIE er zu dem geworden ist, WAS er jetzt ist und WAS er gelernt hat, WELCHE Erfahrungen er gemacht hat. Aber wir verschwenden nicht Zeit und Geld mit endlosen Sitzungen und drehen das WARUM im Kreis, dazu ist das Leben zu kostbar.

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