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Ist Rassismus heute salonfähig?

Ein Kommentar von Claire,
Französin in Salzburg

Ich heiße Claire, bin Französin, 35 und wohne in der Nähe von Salzburg. Seit fast fünfzehn Jahren bin ich mit meinem dunkelhäutigen Mann zusammen, wir haben zwei Kinder, die beide in Österreich geboren sind. Seit 2011 arbeite ich in der gleichen Firma im Export.

In der Gesellschaft meines Mannes habe ich sehr viel mit Rassismus zu kämpfen gehabt. Egal wo: auf der Straße, der Behörde, im Café… Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, die aber viel aussagen: Blicke, oder direkte Beschimpfungen wie „Neger“. Aber auch ich allein habe Fremdenfeindlichkeit erlebt, z. B. weil man mich für eine Türkin gehalten hat. Es war für mich eine sehr große Überraschung, mit wie viel Wut ich behandelt wurde. Aufgrund meiner sehr weißen Haut und dunklen Haare wurde ich einfach einer Nationalität „zugeteilt“. Ich finde es furchtbar, dass ich die Leute korrigieren muss, um respektiert zu werden. Fehlende Bildung ist ein großes Problem beim Thema Rassismus. Je weniger die Leute von der Welt wissen, je weniger kultiviert sie sind, desto weniger offen sind sie für andere Kulturen und Menschen.

Seitdem die Rechtsextremisten in der Regierung sind, habe ich eine Entwicklung beobachtet. Eine für mich schlechte Entwicklung. In der Tat werden die Leute immer weniger durch „politische Korrektheit“ daran gehindert, sich respektlos zu äußern. Meine Kinder werden dreisprachig erzogen: Französisch, Deutsch und Englisch. Tatsächlich habe ich mit meinem Sohn Französisch gesprochen, als er ein Baby war. Erst als er ca. ein Jahr alt war, habe ich angefangen, mehr und mehr Deutsch mit ihm zu reden. Mit meiner Tochter mache ich es anders. In Geschäften, wo auch immer Leute dabei sind, spreche ich Deutsch. Und das sage ich auch meinem Sohn. Wie oft habe ich wütende Blicke geerntet, wenn mein dunkelhäutiger Sohn nur ein bisschen laut war. Oder sich energisch benommen hat. Seit einiger Zeit sind es nicht nur Blicke, die uns geißeln, sondern auch wütende Bemerkungen: „Du bist jetzt in Österreich, wo Kinder sich ordentlich zu benehmen haben“, „Du bist nicht im Dschungel, hier wird nicht gerannt“, „Verstehst du überhaupt, was ich sage?“. Ja, er versteht. Er redet sogar Dialekt. Er ist hier geboren und fühlt sich mehr als Österreicher denn als Franzose. Er versteht nicht, wieso er angegriffen wird. Wieso Leute anders mit seinem Papa reden, wieso Leute ihn anders behandeln. Kinder sind sensibel und spüren das. Ich versuche ihm alles zu erklären, aber wie erklärt man einem Kindergartenkind, was Xenophobie und Rassismus sind, ohne dass er sehr verunsichert wird?

Ich war immer stolz darauf, Französin zu sein. Ich hätte nie gedacht, dass es mich irgendwann an irgendwas hindern könnte. Doch Stereotype sind leider hartnäckig. Entweder bin ich die dumme Französin, die vielleicht nett ist, aber nicht alles versteht, oder die arrogante. Ich bin weder das eine noch das andere. Ich habe mehr und mehr das Gefühl, kämpfen zu müssen und dass meine Kinder unsichtbar sein sollten, um nicht aufzufallen. Dabei will ich keine Mutter sein, die ihren Kinder zeigt, dass man sich verkriechen soll. Nein, man soll kämpfen und für sich und seine Lieben geradestehen. Aber ich mache mir Sorgen. Wie wird ihre Zukunft in Österreich sein? Wird es überhaupt eine geben? Ich weiß es nicht. Ich habe die Hoffnung aber nicht verloren. Ich habe Vertrauen in die neue Generation. Im Kindergarten wurde mein Sohn nie wegen seines Äußeren von Kindern gehänselt. Er ist, wie er ist und nur das zählt bei den Kindern. Ich wünsche mir für meine zwei Kleinen, dass sie stark genug werden, um darüber zu stehen, was Rassisten denken. Ich versuche sie selbstbewusst zu erziehen, damit sie wissen, dass das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist.

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