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Ist Gesundheit vererbbar?

Wie kommt es, dass manche Menschen viel gesünder gelebt haben als andere und dennoch im Alter erkranken? Erben wir von unseren Eltern, ob wir dick werden? Liegt es an unseren Genen, ob wir an Krebs erkranken?
 Ein Artikel von Maria Riedler

Das Aussehen von der Mutter, die Intelligenz vom Vater – oder doch umgekehrt? Was Kinder vererbt bekommen, ist nicht vorhersehbar. Fest steht aber, dass jedes Kind die Erbinformation beider Elternteile in sich trägt. Welche Konsequenzen sich daraus für unser äußeres Erscheinungsbild, unsere gesundheitliche Entwicklung und unsere Persönlichkeit ergeben, hängt eben von der Vermischung und Aufteilung dieses Erbguts ab. Die Forschungen verdeutlichen allerdings immer mehr, dass die Gene nicht – wie lange Zeit gedacht – unser Schicksal sind. Denn sie sind veränderbar – und sogar beeinflussbar. Möglich macht dies die Epigenetik.

Foto: Dan Race - fotolia.com

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Gleiche Noten, anderer Klang
Fast jede Zelle im menschlichen Körper trägt dasselbe Erbgut, also dieselbe DNA-Sequenz, in sich. Dennoch unterscheiden sie sich, je nachdem, in welchem Gewebe oder Organ sie vorkommen. Die Zellen nutzen den Code offenbar auf andere Weise, abhängig von ihrer jeweiligen Aufgabe – ähnlich wie ein Musikstück, dessen Noten zwar immer gleichbleiben, aber bei jeder Aufführung stets anders klingen. Nachdem sich die Forschung jahrzehntelang vor allem mit den Genen selbst beschäftigt hat, setzt man nunmehr vermehrt auf die Beschreibung dieser „Interpretationsebene“ – der Epigenetik.
Was macht uns zu dem, was wir sind – Gene oder Umwelt? Diese Frage beschäftigt die Wissenschaft schon seit langem. Forscher haben nun herausgefunden: Umwelt und Gene sind viel enger verwoben als bisher gedacht. Epigenetik heißt eben dieses junge Forschungsfeld, das sich mit der Frage beschäftigt, ob unsere Lebensweise, wie zum Beispiel die Ernährung oder sportliche Aktivität, unsere Gene beeinflusst.

Bessere Therapien
Forscher am Institut Albert Bonniot in Grenoble wollten etwa mit einer Studie an schwangeren Frauen und ihren Kindern herausfinden, inwieweit Luftverschmutzung die Gene der Mütter beeinflussen kann und ob diese Veränderungen auch an die Kinder weitervererbt werden. Dass der Lebensstil die Gene beeinflusst, haben Wissenschafter an Mäusen bewiesen. Sie fütterten die Tiere sechs Wochen lang mit einer kalorienreichen Kost. Als Folge der falschen Ernährung wurden die Tiere fett und entwickelten eine Vorstufe von Diabetes. Die Forscher konnten zeigen, dass die fettreiche Ernährung die Genaktivität der Mäuse beeinflusst. Und diese Veränderung vererbten sie weiter an ihre Nachkommen – und damit auch die Neigung zu Übergewicht und Diabetes.
Auch wenn Ergebnisse aus Tierversuchen nicht einfach auf den Menschen übertragbar sind, gehen viele Wissenschafter davon aus, dass es bei Menschen ganz ähnlich ist. Ziel der Epigenetik ist es, Krankheiten wie Rheuma oder Fettleibigkeit besser zu verstehen und zu therapieren. Zur Behandlung von Leukämie haben Mediziner bereits erfolgreich ein epigenetisches Medikament eingesetzt. Die Hoffnung ist groß, aber die epigenetische Forschung steht bei vielen Krebsarten noch ganz am Anfang.

Auswirkungen Hungersnot
Es gibt eine bekannte Studie an einer Bevölkerungsgruppe in Nordschweden nach dem Zweiten Weltkrieg. In diesem Dorf gab es mehrere strenge Winter mit langen Hungerperioden. Trotzdem wurden in der Zeit Kinder geboren. Sie hatten eine deutlich höhere Rate, später an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu erkranken. Eine Erklärung ist, dass sich während dieser Hungerphase etwas im Epigenom veränderte und dass diese Veränderung weitergegeben wurde. Dafür war keine Genmutation ausschlaggebend, weil das Phänomen viele Familien betraf, die nicht mit-einander verwandt waren. Diese Studie wird oft als Argument herangezogen, um zu zeigen, dass unsere Lebensweise das Leben unserer Enkel beeinflussen kann.
Mit Hilfe von sogenannten „epigenetischen Markierungen“ werden künftig Krankheiten genauer diagnostiziert und vielleicht neue Behandlungsmethoden entwickelt werden können. Das menschliche Erbgut ist komplett entziffert, die meisten Gene sind in ihrem Aufbau und ihrer Funktion bekannt und haben bei allen Menschen eine hohe Übereinstimmung: Wir sind zu 99,98 Prozent identisch. Jene Gene herauszufinden, die sich unterscheiden und die Krankheiten auslösen, braucht aber noch viele Jahre.

Brustamputation Jolie
Es ist bereits jetzt möglich, dass wir unser Genom, den Bauplan unseres Lebens, sequenzieren lassen können. Doch diese Informationen liefern bislang nur selten eindeutige Antworten, denn jeder Mensch hat zwei Gene, eins vom Vater und eins von der Mutter – und wir wissen nie, ob das gesunde oder das eventuell krankmachende Gen dominant ist. Es ist sehr selten, dass man eine Mutation, die Krankheiten auslöst, von beiden Eltern erbt.
Eine reine Gensequenzierung kann hier aber auch unnötig Angst machen, denn möglicherweise tragen wir zwar eine Mutation in uns, aber diese hat gar keinen Effekt, weil dieses Gen abgeschaltet ist. Wenn Genom und Epi-genom bekannt sind, kann man sehr genaue Vorhersagen treffen, ob etwa eine Mutation unser Risiko, zum Beispiel an Brustkrebs zu erkranken, erhöht. Bekannt wurde dies beispielsweise im Falle von US-Schauspielerin Angelina Jolie, die sich aus Angst vor einer Krebserkrankung vorsorglich beide Brüste hat abnehmen lassen. Sie hatte sich für den Eingriff entschieden, weil sie ein Gen in sich trägt, das ihr Risiko für Brustkrebs stark erhöht.
Diese Information kann man jetzt schon bekommen, aber sie kostet noch mehr als 100.000 Euro. So weiß man beispielsweise, dass viele Chinesen an einer Hepatitis C Infektion leiden. Die Behandlung mit Interferon ist teuer und hat starke Nebenwirkungen. Außerdem reagiert nur die Hälfte der Menschen auf das Medikament, und man weiß nicht, warum das so ist. Ein großer Teil der Patienten leidet also an schmerzhaften Nebenwirkungen eines Medikaments, das teuer ist und nicht helfen kann.

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Personalisierte Medizin
Mit einem epigenetischen Profil kann man vielleicht herausfinden, warum es bei einigen Menschen wirkt und bei anderen nicht, und dann nur diejenigen behandeln, bei denen das Medikament eine Wirkung zeigt. Die Medizin wird spezifischer, individueller, intelligenter – das nennen wir personalisierte Medizin. Künftig kann man so nicht nur Krankheiten identifizieren, sondern auch das genetische und epigenetische Profil anschauen, das uns sagt, wie wir auf Behandlungen ansprechen.
Forscher aus Großbritannien und der Schweiz fanden etwa heraus, dass Traumata an die nächste Generation vererbt werden. Menschen, die ein traumatisches Erlebnis hinter sich haben, werden immer wieder davon eingeholt. Albträume, Schlafstörungen und Angstzustände sind typische Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung.
Doch das Trauma betrifft nicht nur die unmittelbar Traumatisierten selbst. Psychologen wissen schon längst, dass die Störungen, die mit einem Trauma einhergehen, auf eine gewisse Weise „erblich“ sind, sich also auf die nächste Generation auswirken.
Abgesehen von sozialen Faktoren, die bestimmt eine Rolle spielen, wenn Kinder bei traumatisierten Eltern aufwachsen, haben Genetiker aus Großbritannien und der Schweiz einen biologischen Mechanismus identifiziert, der bei der Trauma-Vererbung eine Rolle spielt.
Die Studienleiterin Isabelle Mansuy von der ETH Zürich: „Wir konnten erstmals beweisen, dass traumatische Erfahrungen den Stoffwechsel beeinträchtigen und diese Veränderungen erblich sind.“
Unser Leben prägt zweifellos unsere Gene; diese Prägungen wirken in den nächsten Generationen fort. Peter Spork formuliert es in seinem Buch so: „Die Gesundheit unserer Gesellschaft ist ein Gemeinschaftsprojekt. Wir alle sollten darin noch mehr Zeit und Energie investieren. Die Politik ist genauso gefordert wie die verschiedenen Interessensgruppen und Lobbyisten. Doch wir Individuen sind ein Teil der Gesellschaft. Wir können uns unserer Verantwortung nicht entledigen. Es geht um unsere Zukunft.“

Spork_PGesundheit_ist_kein_Zufall_175968_300dpiGesundheit – ein Zufall?
In seinem aktuell erschienenen Buch „Gesundheit ist kein Zufall. Wie das Leben unsere Gene prägt“ liefert Peter Spork zusammengefasst neueste Erkenntnisse der Epigenetik. „Die Biologie des 21. Jahrhunderts ist sensationell, sie ist revolutionär und sie hat das Potential, Menschen zu begeistern und zu verändern.“ Er schildert in seinem Buch, wie Handeln oder Nichthandeln tief hineinwirkt in die mikroskopisch kleinen Kerne unserer rund 30 Billionen Zellen und inwiefern es mitunter Konsequenzen für unsere Kinder und Enkel hat.

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