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Individual Living

Wie wir heute wohnen, zeigt, wer wir sind, was wir machen und was uns wichtig ist. Die Trends beim Wohnen sind dabei so unterschiedlich, wie ihre Bewohner selbst. Individual Living heißt der neue Lebens-Trend.
Ein Artikel von Eva Pittertschatscher

Das Wohnen, wie wir es heute kennen, hat sich im Laufe von zwei Jahrhunderten herausgebildet. Die Wohnung ist demnach ein nach außen abgeschirmter Raum, in dem das Eigene und Intime im Zentrum steht. In den letzten 20 Jahren hat sich dabei eine starke Individualisierung des Wohnverhaltens und Wohnerlebens entwickelt und durchgesetzt, so die Ergebnisse einer Studie. Wir richten unsere vier Wände dabei nicht nur unterschiedlich ein und legen auf unterschiedliche Dinge besonderen Wert. Heute wird auch verstärkt in den eigenen vier Wänden gearbeitet, es wird mehr Besuch empfangen als noch vor 20 Jahren und die Wohnbereiche werden je nach Funktion getrennt – eine Ausnahme bilden Wohnzimmer und Küche, die heute am liebsten zum zentralen Lebensraum zusammengenommen werden. Allerdings: Es geht beim Wohnen schon lange nicht mehr nur um die Funktion und klassische Wohlfühlthemen, „sondern um die gesamte menschliche Existenz im räumlichen Kontext“, so der Baubiologe Harald Deinsberger-Deinsweger.

Wohnen als Erweiterung unseres Selbst
Wohnen heute betrifft die kognitive, emotionale und soziale Entwicklung in unserem unmittelbaren Lebensraum. Wie wir wohnen, beeinflusst unsere persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten und Reifungsprozesse – bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen jeden Alters. Unsere Wohnumwelt wirkt permanent auf unsere Sinne und beeinflusst unsere aktuelle Befindlichkeit sowie unser gesamtes neuronales und kognitives System – also unsere Gefühle, Gedanken, Einstellungen und unser Handeln und Verhalten insgesamt. Wohnen hat viel mit dem menschlichen Zusammensein und -leben auf verschiedensten Ebenen zu tun. So kann das Wohnumfeld für das Scheitern und Gelingen von Beziehungen beitragen, Konflikte provozieren, Spannungen erzeugen und Beziehungen belasten. Wie wir wohnen, kann erholsam für uns sein oder Stress erzeugen, es geht also auch um die therapeutische und regenerative Ebene. Im Extremfall kann uns ein Wohnumfeld krank machen. Wie wohnen wir also „richtig“ und was sagt unser Wohnumfeld über uns selbst aus?

Wer bin ich?
Unsere vier Wände sagen viel über unsere Persönlichkeit aus und lassen auf unseren Charakter schließen, sagt die Wohnpsychologie. Der US-Psychologe Sam Gosling erforscht seit über zehn Jahren die Zusammenhänge unserer Persönlichkeit mit unserer Art und Weise zu wohnen und konnte durch Versuche und Studien nachweisen, dass sich unsere Persönlichkeit über die Raumgestaltung und die darin befindlichen Gegenstände offenbart. So lassen die Gegenstände in unseren Wohnräumen darauf schließen, wer wir sind, was wir machen und was uns wichtig ist. Das Einrichten begleitet uns dabei ein Leben lang und ist geprägt vom Sammeln von Erinnerungen und Momenten. Die Persönlichkeit eines Menschen sei in Folge schon alleine deshalb von den Gegenständen ablesbar, so Gosling, weil die meisten Gegenstände in unserer Wohnumwelt frei gewählt sind und repräsentativ für unser Leben stehen. Bereits der US-amerikanische Philosoph und Psychologe William James brachte es im 19. Jahrhundert auf den Punkt: „Das Selbst eines Menschen ist die Summe all dessen, was er sein Eigen nennen kann.“ Und was sagen Gegensätze über uns aus? Wer bin ich, wenn ich es farbenfroh mag? Was sagt die Anordnung der Möbel über uns aus?

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Wohnpsychologe Uwe Linke ist sich sicher: „Die Art und der Stil, die Zusammenstellung, die Farb- und Lichtwahl etc. sind, egal wie, aussagekräftig und können den Charakter nicht vertuschen.“ Der Einrichtungsexperte erklärt in seinem Buch „Die Psychologie des Wohnens“ (Nymphenburger Verlag 2010), was die Einrichtung über den Charakter verrät und erklärt anhand von Beispielen aus seiner Beratungspraxis, wie sich jeder den Wohnraum schaffen kann, der ihm wirklich entspricht.
Wenig Kontraste in Form, Struktur und Farbe können so ein Hinweis auf ein großes Harmoniebedürfnis sein. Eine kühl gehaltene Wohnung und das Fehlen von Büchern, Fotos und anderen persönlichen Gegenständen können für eine gewisse Unnahbarkeit stehen. Und Authentizität ist wichtig! Vermittelt ein Mensch bei der ersten Begegnung z. B. einen offenen und herzlichen Eindruck und ist seine Wohnung dann förmlich steril und ohne persönliche Gegenstände, kann das beim Gegenüber zu großer Irritation führen. Und wie steht es um die alljährlichen Wohntrends und das persönliche Lebensumfeld und umgekehrt?

zitatSmart Home versus Vintage-Look
Die allgemeinen Vorlieben beim Wohnen lassen sich heute nicht mehr an den soziodemografischen Merkmalen und Zielgruppen ablesen. Sie sind so unterschiedlich, wie die Lebensstile der Menschen selbst, so die aktuelle Erkenntnis der IMM Köln. Die Wohnwelten heute reichen von schlicht, einfach und beinahe steril über scheinbar chaotisch, natürlich bis hin zu opulent, luxuriös und antik. Das Schlagwort und neuer Lebens-Trend lautet: Individual Living.
Digitalisierung, Globalisierung und Urbanisierung einerseits haben auch beim Wohnen deutliche Folgen: Bei den Produkten selbst wird das Thema „Smart Home“ immer wichtiger. Diverse Anwendungsfunktionen sollen den Komfort und die Bequemlichkeit im Alltag erhöhen und Zeit sparen. Andererseits führt vor allem die permanente Reizüberflutung dazu, dass Altes und Bewährtes wieder Einzug in unsere vier Wände hält. In der virtuellen Wirklichkeit ist der Wunsch nach vermeintlich Echtem und Purem groß und spiegelt sich in Vintage-Look, Retro, Boho-Stil und im Mid-Century-Design wider.
Passend dazu heißt die Farbe des Jahres 2018 – vorwiegend bei Accessoires – Ultraviolett. Es vermittelt Extravaganz, Drama und Kreativität, Mystik und Spiritualität und passt gut zu Hölzern aller Art und schwarzen Möbeln. Eiche ist bei Holz nach wie vor besonders beliebt und wird gerne mit Glas, Metall, Alu und Marmor kombiniert. Neben schwarzen Möbeln sind graue, schlammfarbene, weiße und naturfarbene Möbel im Trend.

Ein warmes Nest bauen
Chic oder weniger chic – Gemütlichkeit, Geborgenheit und ein Gefühl von Sicherheit stehen beim Wohnen generell an erster Stelle. Der Wunsch nach der Abschirmung zur Außenwelt wird mit authentischen Materialien und warmen Farben zu erfüllen versucht. Bei Sitzmöbeln sind vor allem organische Formen im Trend. Polstermöbel werden gerne mit Cord und Samt überzogen. Bei Böden und Möbel sind Muster und grafische Designs modern und stehen Ton-in-Ton-Kombinationen gegenüber. Warmes Licht, gerne indirekt versteckt, ist für die Gesamtatmosphäre und unser Wohlbefinden immer bedeutender. Opulente, barocke Kerzenständer haben Hochkonjunktur.
Bei der Farbauswahl sind passend zum Wunsch nach Heimeligkeit und Harmonie Europablau, Hellblau, Türkis und Petrol weiter beliebt. Als neue Farbe kommt Olivgrün und steht für Natürlichkeit, Frühling, Hoffnung, Gesundheit, Jugend und Natur. Dafür steht auch ein tiefes, dunkles Waldgrün, ebenfalls eine zentrale Farbe für 2018. Es symbolisiert Stabilität, Beständigkeit, Ruhe, die wiedergefundene Liebe zur Natur.
Und es spiegelt die gesellschaftliche Befindlichkeit, Ängste, Konflikte und Wünsche heute wider: Die vielen Verunsicherungen der Menschen und der Wunsch nach Ausgleich, Beständigkeit, Energie, Ruhe und Achtsamkeit im heimeligen Nest zuhause – und das für uns alle, egal, welchem Lebens-Trend wir folgen und welcher Wohntyp wir sind.

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Foto: Alexander Schneider/Kölnmesse

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