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„Ich kann’s nicht ganz lassen, zu spielen!“

Adele Neuhauser gehört zweifelsohne zu den TV-Lieblingen der Nation. Zu Beginn des Jahres entführte sie das Publikum gemeinsam mit dem KammerPunkJazz-Ensemble Edi Nulz auf eine spannende Reise. Marion Flach hat sie vor ihrem Auftritt in Salzburg zum Gespräch getroffen.
Ein Artikel von Marion Flach
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Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Gespannt warte ich auf meinen Termin mit Frau Neuhauser im OVAL in Salzburg. In den Katakomben des Europarks angelangt, empfängt mich Adele Neuhauser mit ihrer wahnsinnig positiven Ausstrahlung und fragt mich noch einmal, ob der Raum für mich in Ordnung sei. „Ich genieße es bloß grade, an einem gemütlichen Ort zu sitzen und drinnen rauchen zu dürfen“, meint sie und strahlt einnehmend.

Sie stehen gerade mit dem Trio Edi Nulz auf der Bühne. Lassen Sie sich gerne auf Unkonventionelleres ein?

Ja, es ist aber gar nicht so unkonventionell. Die etwas andere Art entsteht durch die Musik der Jungs und durch die Art und Weise, wie sie in den Abend eingreifen. Es war uns wichtig, dass es nicht ein Abend ist, der Musikstücke und Texte aneinanderreiht, sondern dass es ein filmischer Abend wird. Und dass die Musik eine Hauptrolle hat.

Welchen Stellenwert hat Musik für Sie?

Einen sehr, sehr großen. Ich kann ohne Musik nicht leben! Wobei ich merke, dass ich es zu Hause doch ganz gerne still hab. Aber nur eine Zeit lang. Dann muss ich wieder Musik hören.

Was hören Sie dann am liebsten?

Ich bin eine sehr breit gefächerte Musikliebhaberin. Opern und Techno kann ich aber nicht hören. Da habe ich so meine Probleme. Aber ansonsten alles. Ich mag wahnsinnig gerne brasilianische Musik. Ich mag Bossa. Ich tanze auch sehr gerne. Und das sind halt Rhythmen, bei denen ich nicht stillsitzen kann.

Was reizt Sie an der Bühne und an diesen ganz unterschiedlichen Orten, an denen Sie spielen?

Das ist das Tolle an diesem Programm, dass man ganz unterschiedliche Räumlichkeiten und ein ganz unterschiedliches Publikum hat. Es ist wunderschön, sich immer wieder neu einzustellen. Eine Lesung ist eben anders. Man muss nicht unbedingt in einer ganz extremen Form etwas erfüllen, sondern du kannst dich dem Autor unterwerfen. Ich bin jemand, der auch mit sehr viel Energie liest. (lacht) – Ich mache alles mit viel Energie. (lacht) – In gewisser Weise schlüpfe ich dann manchmal auch in bestimmte Charaktere hinein. Ich kann’s nicht ganz lassen, zu spielen! (lacht)

Welche Vorteile oder auch Nachteile hat es für Sie, immer wieder in dieselben Rollen zu schlüpfen?

Ich glaube, es gibt einen ähnlichen Effekt wie beim Publikum, das immer mehr Serien schaut. Da wird viel ausführlicher erzählt und du kannst den Charakter mehr belasten. Ich bin es vom Theater gewohnt, über einen längeren Zeitraum eine Figur zu verkörpern. Früher war das überhaupt so: In der Commedia dell’arte hat ein Schauspieler sein Leben lang nur einen Charakter verkörpert. Ich könnte mir das durchaus vorstellen, wenn der Charakter spektral spannend ist. Ich hab da einen sehr langen Atem.

Wachsen die Figuren mit Ihnen oder Sie mit den Figuren?

Ich bin mir sicher, dass sie wachsen. Man will ja auch das Publikum nicht langweilen. Außerdem ist man nicht sein Leben lang gleich. Mein Leben hat sich durch die Ereignisse verändert und damit in gewisser Weise mein charakterlicher Ausdruck. Ich bin ruhiger geworden, auch wenn ich jetzt nicht den Eindruck mache. (lacht herzhaft)

Inwieweit ruhiger?

Naja, weil ich ja doch schon eine ziemliche Strecke gegangen bin und weil ich auch schon einige Auf und Abs erlebt und gemerkt habe: Ich hab’s überlebt, ich bin durchgekommen. Und es geht mir beruflich so gut, wie noch nie. Rundum geht’s mir einfach sehr gut.

Die Bibi Fellner und die Julie Zirbner haben Kultstatus erreicht. Wie viel Adele Neuhauser steckt in diesen beiden Figuren?

Natürlich steckt sehr viel Adele Neuhauser drin. Aber ich würde die Figuren nicht so kulttauglich machen, wenn sie von den Autoren nicht so geschrieben worden wären. Es steckt mein Temperament, mein Humor und mein Blick auf die Welt drin: Bei der Bibi Fellner beispielsweise schwingt sehr viel Kritik und Reflexion, wie wir uns gesellschaftlich entwickeln, mit. Und das ist auch bei der Julie Zirbner so. Nur geht sie anders damit um. (lacht)

Wie empfinden Sie es gleichzeitig, dass das Publikum diesen Rollen Kultstatus zuweist?

Ich sage: Volltreffer! Wie ich damals die ersten Folgen von „Vier Frauen und ein Todesfall“ gelesen habe, dachte ich mir: Das ist kulttauglich. Das ist wieder einmal so eine österreichische Serie, die gepaart mit dem Humor, mit der Absurdität, mit der Skurrilität, genau das auf den Bildschirm bringt, wie man es seit „Kottan ermittelt“ nicht mehr gesehen hat. Also mit dieser liebenswerten Art und Weise. „Braunschlag“ zum Beispiel hat das auch, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Die vier Frauen tun einem nicht wirklich weh, sie sind verrückt, frech und extrem, aber sie sind liebenswert deppert.

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Sie spielen ganz häufig solch exzessive Figuren. Was reizt Sie daran?

Ich mag andere Charaktere, ich mag, wenn sie meinen Humor brauchen und wenn sie aus einem gewissen Schema rausfallen. Für mich ist die Bibi Fellner die wahrhaftigste Figur und die, die der Realität am nächsten ist. Ich bin sehr, sehr glücklich, dass es endlich einmal eine solche Frauenfigur im Fernsehen gibt und ich sie spielen darf!

Warum sind Sie darüber glücklich?

Weil es so viele super Frauen gibt und man sie viel zu wenig sieht. Wenn, dann sind sie vorstadtweibermäßig in ihrer Sexualität oder in ihrem Geltungsbewusstsein verhaftet. Aber sie werden nicht in ihrer politischen oder gesellschaftlichen Ansicht festgemacht. Sie haben nicht das, was viele gute Frauen heutzutage haben. Nämlich Charakterstärke, Humor, ein großartiges Stilbewusstsein oder das Emanzipiert-Sein. Das gefällt mir, das, finde ich, sollte viel, viel mehr im Fernsehen zu sehen sein.

Wie sehen Sie den Trend zu ewiger Jugend, besonders im Schauspielfach?

Ich glaube, seit es die Menschheit gibt, ist dieser Wahn da und er wird uns wahrscheinlich noch ewig begleiten. Natürlich hab ich auch Probleme mit manchen Körperpartien, die sich verabschieden. (lacht) Aber was soll ich machen? Ich kann’s nicht aufhalten. Und selbst wenn – ich beobachte bei anderen Frauen, die versuchen, es aufzuhalten, dass das nur bedingt gelingt. Ich mag auch viele Dinge an mir, die sich verändert haben. Außerdem ist es ja nicht nur ein äußerer Zustand, sondern auch ein innerlicher: Das Älterwerden. Und da gibt es so viele positive Aspekte daran, dass ich die unangenehmeren gerne in Kauf nehme und gerne alt werde.

Was sehen Sie besonders positiv am Älterwerden?

Dass ich nicht mehr so viel beweisen muss – vor allem mir selbst. Dass ich mit mir immer mehr ins Reine komme und dass ich mit mir immer entspannter umgehe. Noch immer nicht entspannt genug, aber das gehört wahrscheinlich auch zu meiner Hysterie, die auch verantwortlich ist, dass ich auf die Bühne gehe.

Ist das Berühmtsein für Sie eine Bürde?

Nein, das ist keine Bürde für mich. Ich habe manchmal Probleme, wenn Menschen mich ungefragt in privaten Situationen fotografieren. Das ist mitunter ein bisschen unangenehm. Aber das ist so selten der Fall. Viele sind sehr respektvoll und fragen mich. Nein, damit habe ich überhaupt kein Problem. Damit, dass mich die Leute erkennen, muss ich doch auch irgendwie rechnen, wenn ich im Fernsehen oder auf der Bühne stehe. Und wenn sie das tun, dann habe ich etwas richtig gemacht. (lacht)

Sie sind mit 4 Jahren nach Österreich gekommen. Können Sie sich an diese erste Zeit im neuen Land noch erinnern?

Ich kann mich an eine Stimmung erinnern. Ich kann mich daran erinnern, dass ich irgendwie das Gefühl hatte, jetzt ist die Sonne weg, jetzt wird’s ernst. Es war nicht mehr so lustig wie in Griechenland. Es war irgendwie anders und nicht so schön. Das war wohl auch für meine Eltern so. Dieser Wechsel nach Österreich war für sie nicht sehr glücklich, glaube ich. Das hat sich dann auch fortgesetzt in unserer ganzen Familie. Aber wir holen uns so langsam die Sonne wieder zurück!_MG_5810-Kopie

Würden Sie sagen, in Österreich scheint die Sonne nun auch manchmal?

Ja! Es ist jetzt ganz anders, seit ich mich von meinem Mann getrennt hab. Sowieso ist das Leben ganz anders, seit ich mich von meinem Mann getrennt habe. (lacht) Auch für ihn! Wir haben ein sehr, sehr gutes Verhältnis. Ich bin nach diesen Jahren mit meinem Mann wieder nach Wien zurück gegangen und ich muss sagen, ich habe meinen Frieden mit dieser Stadt gemacht. Ich habe sie ganz neu kennen gelernt. Und es hat nichts mit der Stadt oder mit Österreich zu tun, sondern es war einfach in unserer Familie verhaftet. Jetzt schaut das alles ganz anders aus.

Sie hatten schon sehr früh im Kindesalter (mit 6 Jahren) den Wunsch, Schauspielerin zu werden. Ist das immer noch Ihr Traumberuf?

Das kann ich mit einem ganz klaren „Ja“ beantworten. Ja, ja, es ist mein Traumberuf. Ich habe das damals schon gewusst und das hat sich im Laufe der Jahre immer wieder für mich ganz klar herausgestellt. Ich bin richtig da, wo ich bin.

Adele Neuhauser wurde 1959 in Athen geboren. Ihre Karriere begann die sympathische Wienerin am Theater. Überregionales Aufsehen erregte sie erstmals durch ihre Darstellung des Mephisto in Goethes Faust am Stadttheater Regensburg. Einem breiten Publikum ist sie unter anderem aus „Vier Frauen und ein Todesfall“ (als Julie Zirbner) oder aus dem Tatort Wien (als Bibi Fellner) bekannt. Seit 2012 erhielt sie vier Mal den Romy Film- und Fernsehpreis als beliebteste Serienschauspielerin.

So rund lief es im Leben der 58-Jährigen allerdings nicht immer. Im Alter zwischen 10 und 21 Jahren unternahm sie mehrere Suizidversuche. Zu der ohnehin traurigen pubertären Lebensphase kam noch die Trennung ihrer Eltern dazu: Die Mutter hatte die Familie verlassen. So wuchs das Mädchen bei ihrem Vater auf. Die Schauspielerei, so ist Neuhauser überzeugt, hat ihr geholfen, über die schwierigen Jugendjahre hinweg zu kommen. Temperamentvoll und selbstbewusst steht sie heute glücklich mit beiden Beinen im Leben.

Nach der Scheidung von ihrem Mann Zoltan Paul (österreichischer Schauspieler und Musiker) lebt Neuhauser nun in Wien und sprüht vor Lebenslust und -freude. Zu ihren Hobbies gehört unter anderem das Wandern, wobei sie die Natur gerne auch ungestört allein genießt. Und wenn sie über das gemeinsame Projekt mit ihrem Sohn Julian Adam Pajzs spricht, strahlen ihre Augen…

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Foto: Klaus Vyhnalek

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