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„Hallo, Max Raabe hier am Apparat!“

Er liebt die zeitlosen Geschichten und die Ironie der 20er und 30er Jahre und das Nichtstun in seiner Hängematte. Im März ist Max Raabe mit seinem neuen Album in Salzburg zu Gast. Wir haben zuvor mit ihm telefoniert.
 Ein Artikel von Eva Pittertschatscher

Ganz gemütlich ist es heute“, sagt Max Raabe, als ich ihn an einem Freitagabend im Jänner vor einem Konzert in Braunschweig erreiche. „Wir sind gerade mit dem Essen fertig, dann ist eine Stellprobe auf der Bühne, aber alles ist ganz entspannt. Ich geh´ mal zum Fenster, damit ich Sie noch besser verstehe.“ Und dann plaudern wir auch schon drauf los und die Zeit vergeht viel zu schnell.
Gerade sind Max Raabe und das Palast Orchester mit dem neuen Album auf Konzert-Tour. „Der perfekte Moment… wird heut verpennt“ heißt es, erschienen am 27. Oktober 2017 bei We Love Music. Die Konzerte von Max Raabe sind stets ausverkauft und reißen das Publikum zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Doch was lieben die Menschen so sehr an der Musik der 20er und 30er Jahre? An Max Raabes eigenen Titeln und an seiner Interpretation der Musik der Weimarer Republik?

Fotos: Gregor Hohenberg

Fotos: Gregor Hohenberg

Die humorvolle Liebe zum Wort
„Es sind die Geschichten, die Wendungen und die Brüche, die in den Geschichten stattfinden. Die Art zu reimen und die Liebe zum Wort, die Ironie… das sind alles Dinge, die ich am Repertoire der 20er und 30er Jahre liebe und schätze. Und dasselbe liebt das Publikum glaube ich auch“, sagt Max Raabe. „Die Leute lachen ja an einer Stelle im Text, der 80 Jahre alt ist, genauso spontan wie früher. Diese Texte sind zeitlos. Manchmal kommen Leute zu mir, und fragen, ob ich die Texte modernisiere oder ändere. Selbstverständlich nicht!“
Im Laufe der Zeit haben sich auch viele eigene Titel zu Max Raabes Repertoire und jenem des Palast Orchesters gesellt. Inhalt der Lieder sind große Triumphe und genüssliches Scheitern oder die kleinen Dinge des Alltags. Und Max Raabe liebt die Zusammenarbeit und gegenseitige Inspiration mit anderen Künstlern. Auch das neue Album ist in dreieinhalbjähriger Zusammenarbeit mit Annette Humpe, mit welcher Max Raabe bereits das dritte Mal zusammengearbeitet hat, und Rosenstolz-Machern Peter Plate, Ulf Leo Sommer und Daniel Faust sowie mit dem Musiker Achim Hagemann entstanden. „Es macht mir Spaß und ich komm´ weiter, wenn ich mit anderen Leuten schreibe. Oft blödel ich so herum und dann sagt jemand: Das ist es doch! Die Ausbeute ist viel größer und man kommt auf Ideen, auf die man nicht gekommen wär.“ Eigentlich wollte Max Raabe Opernsänger werden. Die Begegnung mit der Musik der 20er und 30er Jahre war eher eine zufällige.

Das Glück des Unglücksraben
Der Sohn westfälischer Bauern wird am 12. Dezember 1962 in Lünen als Matthias Otto geboren. Die Freizeitgestaltung seiner Kinder- und Jugendjahre wird hauptsächlich von der katholischen Kirche übernommen. Raabe ist Messdiener und singt im Kirchenkinderchor seiner Heimatstadt und in der Kantorei seiner Schule. Er besucht das Clemens-Hofbauer-Kolleg, ein Internat des Erzbistums Paderborn. Auch zuhause wird Musik gemacht, die Mutter spielt Klavier und es gibt allerhand Schallplatten. „Dann fand ich zuhause eine Platte aus den 20er und 30er Jahren, setzte mir den Zylinder meines Vaters auf und begann „Veronika, der Lenz ist da“ zu singen“, erzählt Max Raabe. Er ist zwölf Jahre alt. „Ich wollte schon immer Sänger werden, habe aber nicht geglaubt, dass meine Stimme dafür ausreicht.“ Mit 20 Jahren geht Matthias Otto nach Berlin, um Operngesang zu studieren und nennt sich ab sofort Max Raabe, nach einem Spitznamen seiner Kindheit und Wilhelm Buschs „Unglücksraben“. 1986 gründet er mit zwölf Kommilitonen das Palast Orchester. Heute umfasst das Repertoire der Musiker rund 600 Stücke.

Der perfekte Moment
Nebst einer Prise Pop und instrumentatorischen Feinheiten – es kommen einmal Ukulele, Steel Drum und Blechbläser zum Zug – ist das neue Album ganz Max Raabe, wie man ihn kennt, also liebeskranker Nörgler („Cote d´Azur“), Nachtschwärmer („Ich sing´ am liebsten, wenn der Mond scheint“) oder schwarzhumoriger Hypochonder („Heut bring´ ich mich um“). Max Raabe besingt die Frau an seiner Seite und sein geliebtes Fahrrad und manchmal lümmelt das Glück einfach bei ihm auf dem Sofa herum („Guten Tag, liebes Glück“). Immer wieder sind in Max Raabes Musik Tiere zentral. Die meisten Tiere seien ihm zufällig über den Weg gelaufen und wurden dann spontan zu wichtigen Wesen in seinen Alben.
Nicht so bei seiner neuen Produktion. „Der Rabe auf dem Cover ist ein gezüchteter Raabe, ein gemieteter. Wir hätten natürlich auch einen Wellensittich nehmen können, aber der wäre etwas zu klein gewesen…“, fügt Raabe schmunzelnd hinzu. Zufällig hat sich dann auch die Namens-doppelung ergeben. Und endlich hat Max Raabe für das neue Album herausgefunden, wie man wirklich gute Lieder schreibt: Man tut am besten nichts! Nur so kann Raum für den perfekten Moment entstehen, in dem einen die Muse küsst. „Ich bleib zu Haus und liege hier einfach nur so rum“ nennt sich der passende Titelsong. „Naja… es geht darum, dass man sich nicht verbiestert. Dass man auf lustige und komische Ideen auch einfach warten muss.“
Dann muss Max Raabe auch schon zur Stellprobe auf die Bühne. Ich bedanke mich für seine Zeit und er wünscht mir alles Gute. Und dann ist das Gespräch mit Max Raabe auch schon wieder zu Ende.

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Wie würden Sie sich selbst beschreiben?
(Stille). Tja… da müsste man jemand anders fragen… aus meinem Bekanntenkreis. (lacht)

Sie sind auch privat stets chic gekleidet. Tragen Sie trotzdem auch manchmal eine Jogginghose?
Ich pflege schon auch Nachlässigkeiten in der Kleidung, aber zur Jogginghose hab ich es noch nicht geschafft.

Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?
Oh… Achtung vor dem Repertoire und sich selbst nicht zu ernst zu nehmen.

Was wäre Max Raabe heute, wenn es nicht die Musik geworden wäre?
Bahnhofspenner.

Hat Sie der Erfolg verändert?
(Stille). Also Freunde aus meiner Grundschulzeit sagen, ich hab´ mich nicht verändert, ich war schon immer so, wie ich jetzt bin. Und das glaub ich auch irgendwie… Ich freu mich, dass mein künstlerischer Werdegang so gut verläuft. Ich weiß aber auch, dass vieles mit Glück zusammenhängt und deshalb bin ich auch immer noch sehr demütig.

Ihr Lieblingsplatz?
Eine Hängematte zwischen zwei Obstbäumen.

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