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Gletscher, Palmen und Sonnenschein

Lugano schmiegt sich am südlichsten Zipfel des Tessins an das Ufer des Luganer Sees. Die Handels-, Touristen- und Finanzmetropole lockt mit mediterranem Flair, den nahen Alpen und dem Dolcefarniente.
Ein Artikel von Christine Fröschl
Fotos: Christine Fröschl

Fotos: Christine Fröschl

Vor dem Gotthard-Tunnel durchdringen nur wenige Sonnenstrahlen die dicken Regenwolken. Dann taucht der Zug in den rund 15 Kilometer langen Tunnel ein und verlässt den Schweizer Kanton Uri. Im Tessiner Airolo kommt er aus dem Gebirgsmassiv wieder heraus. Strahlend blauer Himmel, üppig wuchernde Essigbäume an der Bahnböschung und Häuser mit mediterranem Charme erwarten die Neuankömmlinge. Lugano ist bald erreicht. Am südlichsten Zipfel der Schweiz pulsiert das Leben. Moderne Geschäfte und Banken sowie alte Kirchen und Häuser im florentinischen Baustil reihen sich aneinander. Lugano ist nach Zürich und Genf der drittgrößte Finanzplatz der Schweiz. Zudem zieht Lugano als Universitäts-, Kongress- und Kulturstadt jedes Jahr zahlreiche Gäste an.

Einen ersten guten Überblick über die Gegend bietet der Hausberg Monte Bré. Gleich hinter dem Hotel Villa Castagnola im Ortsteil Cassarate fährt eine Seilbahn auf den steil aufragenden Aussichtsberg hinauf. Bis zur Zwischenstation in Suvigliana ist die Fahrt gratis. Wer auf den 925 Meter hohen Gipfel möchte, zahlt ab hier für die Hin- und Rückfahrt 25 Franken. Da es schon später Nachmittag ist, rät die freundliche Dame am Ticketschalter zu einem Besuch des nahen Parco San Michele. Da sei die Aussicht ebenfalls wunderschön. Gleich beim Betreten der 12.000 Quadratmeter großen, grünen Oase wird es ruhig. Leiser Wind säuselt durch Fächerpalmen, KasVilla-Castagnola1tanienbäume und Pinien. Auf einer kleinen Anhöhe thront die Kapelle San Michele. Von hier gibt es wirklich eine fantastische Aussicht auf den See, die Berge und die Stadt.

Gleich außerhalb des Parks gibt es eine Busverbindung zurück zum See. Wanderer gehen hinunter zum romantischen Dorf Gandria. Alte Häuser mit vielen Blumen und romantische Gassen locken zum Bleiben und Bummeln. Während es in den Gassen Gandrias ruhig ist, pulsiert das Leben im Zentrum von Lugano. „Vor der Finanzkrise gab es hier 72 Geldinstitute. Jetzt sind es 52“, sagt Fremdenführer Peter Knapp. Der Gotthard-Tunnel war lange „der Tunnel zur Welt“. Nach der Eröffnung 1881 brachten Touristen den Reichtum. Vor allem der europäische Adel traf sich gerne am Luganer See. Das Grand Hotel Villa Castagnola au Lac stammt zum Beispiel aus dem 19. Jahrhundert. Einst war es der Stammsitz einer russischen Adelsfamilie. Bereits 1885 wurde es in ein Hotel umgewandelt. Gediegene Zimmer, Skulpturen im großen Park sowie die schweizerisch zurückhaltende Art und Diskretion schätzen die Gäste. Von diesem Hotel ist es nicht weit zum neuen Wahrzeichen Luganos – das LAC Lugano Arte e Cultura. Im Herbst 2015 öffnete das moderne Kultur- und Kongresszentrum erstmals seine Tore.

Nur wenige Schritte von Luganos Stadtzentrum entfernt, erstreckt sich der Parco Ciani auf über 63.000 Quadratmetern. Einheimische und Gäste halten sich in dieser grünen Oase gleichermaßen gerne auf. Kinder spielen am Sandstrand und Erwachsene sonnen sich oder baden im See. „Hier sollte man schwimmen können. Ein paar Meter vom Ufer entfernt, ist der See 200 Meter tief“, warnt Fremdenführer Peter Knapp. Während der Wanderung durch den Park duften die Blüten der Kamelienbäume und der Oleanderbüsche, Palmen und Skulpturen ragen Lugano1aus dem satten Grün. Im Park befindet sich auch die öffentliche Kantonsbibliothek. Sie ist ein Tipp für Regenwetter: Zwischen 9 und 19 Uhr können kostenlos sämtliche europäischen Zeitschriften und Bücher gelesen werden. Am Ostufer des Luganer Sees fällt das große, moderne Gebäude der italienischen Enklave Campione d`Italia auf. Das Haus des Architekten Mario Botta beherbergt das größte Spielcasino Europas.

Hermann Hesse (1877-1962) hätte das Casino wahrscheinlich nicht gefallen. Der Dichter, Maler und Schriftsteller wanderte gerne von seiner Bleibe in Montagnola zum Luganer See. Über 40 Jahre lebte der Literaturnobelpreisträger in seiner Wahlheimat. Hier schrieb er einige seiner bekanntesten Romane wie „Narziss und Goldmund“, „Glasperlenspiel“ und „Siddhartha“. Für Hesse-Fans ist das Museo Hermann Hesse in Montagnola eine wahre Fundgrube. Direktorin Regina Bucher hat eine interessante Ausstellung zusammengestellt. Zu sehen ist unter anderem die Original-Schreibmaschine aus dem Jahr 1908. Hesse hat sie fast 50 Jahre lang benutzt. Sehenswert sind auch die Aquarelle, auf denen Hesse den Zauber der Tessiner Landschaft eingefangen hat. Zudem ist Buchers Literatur-Reiseführer „Mit Hermann Hesse durchs Tessin“ zu einer Art literarischer „Wander-Bibel“ für alle avanciert, die mehr wollen, als allein den Hesse-Rundweg rings um Montagnola zu gehen.

Hesse liebte das Leben im mediterran geprägten Tessin. Er war von den Gegensätzen Palmen und Gletscher, pulsierende Metropole und versteckte, lauschige Plätze bezaubert. Auch heute noch schätzen Gäste diese Gegensätze. Bald können diese durch den neuen, 57 Kilometer langen St. Gotthard-Basistunnel anreisen.

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