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Giftzwerge & Understatement

Kompakte Kraftpakete sind zwar ein Minderheitsprogramm, aber in manchen Kreisen sehr begehrt, sei es aus Gründen der Liebe zum sportlichen Fahren oder aber als dezentes Understatement einer starken Motorisierung im bescheidenen Blechkleid. Und sie haben alle etwas gemeinsam – den Spaß an der Nähe zu physikalischen Grenzen.
Ein Artikel von René Herndl

In der Kompaktklasse und darum herum werden die meisten Autos gekauft. Logisch, sind sie doch meist gefällig, praktisch und nicht allzu teuer, sie sind sozial verträglich und dabei auch noch ein bisserl individuell gestaltbar – Zusatzausstattungslisten sei Dank. Manche Modelle aber werden mehr oder weniger unauffällig mit kräftigen Motoren ausgestattet und zum Schrecken mancher Sportwagen. Allerdings nur dort, wo man die Pferdestärken wirklich laufen lassen kann, also auf Rennstrecken oder deutschen Autobahnen. Na ja, auch beim Beschleunigen schauen oft große und schwere Limousinen oder SUVs in die Endrohre der kraftstrotzenden Kompakten und in Kurven ist schon wegen des geringeren Gewichts der Vorteil ein fast dramatischer. Aber auch hier gibt es – siehe Auftritt und Anspruch – zwei Klassen: Die eine ist die der fast krawalligen Giftzwerge, die oberflächlich sogar als getunte Underdogs klassifiziert werden, die andere jene der zurückhaltend gestalteten Understatement-Raketen, denen auf der Autobahn nur widerwillig Platz gemacht wird.

Harte Sache
Das Paradebeispiel unter den Fast-Rennwagen im Kleinformat ist der Ford Focus RS, der dem Rallye-Sport so nahe steht, wie kaum ein anderes Fahrzeug am Markt. Nicht nur die 350 PS und der technisch affinierte Allradantrieb mit je einer Kupplung pro Hinterrad sind eine Kampfansage für jede Kurve, sondern auch der Preis. Er ist auf kurvigen Strecken nahezu unschlagbar schnell, eine Fahrmaschine, die im Grenzbereich wie auf Schienen allen Fliehkräften trotzt. Da macht aktives Fahren richtig Spaß, sogar auf der Autobahn, obwohl dort nicht sein eigentliches Revier ist. Der Focus ist die kompakte Essenz des Fahrens, allerdings nichts für Weicheier.

Komfort-Kracher
Der Oberkracher aus dem Audi-Stall ist seit kurzem der Audi RS 3 mit nun 400 PS aus fünf Zylindern, der logischerweise mit Fahrwerten aufwarten kann, die jenseits vom erlaubten Gut-und-Böse liegen. Wenn es irgendwo erlaubt sein sollte und man den RS so richtig laufen lässt, dann bleibt man auf der Überholspur, weil Konkurrenz fast ganz fehlt. Und der Vierradantrieb gibt auch komfortable Sicherheit, wobei er die Härte des Focus samt Kurvengier nicht ganz erreicht – was ihn in gewisser Weise etwas alltagstauglicher macht. Optisch ist er sowieso zurückhaltender.  Ähnlich konfiguriert ist der Mercedes AMG A 45, der mit seinen 381 munteren Pferden auch nichts anbrennen lässt, wenn man ihm die Sporen gibt. Der Ton ist hier vielleicht ein wenig dumpfer, grollender und schnell ist er ohnehin. Für den Normalverbraucher sicher zu schnell, weil all die Pferde trotz zahlreicher elektronischer Assis beherrscht werden wollen. Was natürlich für alle Konkurrenten ebenfalls gilt. Der A 45 ist jedenfalls auch ein Geschoß, das Respekt verlangt und in geübten Händen jede Menge Spaß macht.

Fahr-Erlebnis
Ganz anders der Charakter des BMW M2: Da wird die Lust am Fahren, auch wenn andere vielleicht eine Nuance schneller um die Kurven wetzen, auf die Spitze getrieben, auch weil der Hinterradantrieb ein Eigenleben entwickelt, das den Gummi auf der Hinterachse zum Schmelzen bringt. Die Agilität ist grandios, der Sound aus sechs Zylindern in Reihe (und 370 PS) betörend und das Feeling schlicht einmalig – wie das eben so ist, wenn man die Grenze der physikalischen Möglichkeiten am Sitzfleisch spürt.

Extreme und Normalos
Der Honda Civic Type R dagegen gehört eher in die Klasse der kompakten Rundstreckenrenner, der mit seinen nun 320 PS zur wirklich schnellen Fraktion gehört, und dies trotz Frontantrieb, der wiederum eine andere Fahrtechnik erfordert wie die allrad- oder heckbetriebenen Konkurrenten. Der Honda haut auch optisch ein wenig stärker auf den Tisch als sein ebenfalls frontbefeuerter Rivale mit Suchtpotenzial, der Seat Leon Cupra, der seine 300 PS sehr effizient aber unauffällig auf die Straße bringt. Und wer´s ganz dezent und doch für andere provokant haben will, der legt sich den Seat ST Cupra zu, der als Kombi und mit Allradantrieb die Oberklasse verblasen kann.
Die Normalnummer unter den Giftzwergen wird von VW gestellt: Der Golf R leistet nun 310 PS, die man mittels neu entwickelter Sportabgasanlage des slowenischen Spezialisten Akrapovič auch akustisch stärker wahrnimmt. Und die vornehmste Art, sich kompakt und schnell fortzubewegen, ist wahrscheinlich der kleine Jaguar XE 2.6, dessen Fähigkeiten sträflich unterschätzt werden, wenn man ihn bloß anschaut. Hier gehen 340 PS zu Werke, die die Kleinkatze auch auf Rennstrecken zur Raubkatze machen – und wenn man im Alltagsverkehr einmal die vornehme Zurückhaltung aufgibt. Klasse-Katze!

Fotos: Hersteller

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