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Forever young

Wer heute das 40. oder 50. Lebensjahr überschritten hat, zählt noch lange nicht zum alten Eisen. Ganz im Gegenteil. Wir wagen den Blick auf eine immer jünger werdende alternde Gesellschaft und die Sinnhaftigkeit eines
Peter-Pan-Syndroms.
Ein Artikel von Andreas Feichtenberger
Foto: fizkes-fotolia.com

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Wir sind sicher keine alten Mamas und Papas! Eine Philosophie, der sich eine ganze Generation verschrieben hat und der man diese Einstellung auch ansieht. Keine biederen Frisuren, keine angepassten Klamotten, die Mittvierziger zocken auf der Playstation, sind auf Facebook, Instagram und Snapchat. Sie wirken schon fast so jung, dass ihre Kinder gar nicht mehr wissen, wie jugendliche Rebellion sich vom Verhalten der Eltern unterscheiden kann und soll. Es ist aber nicht weiter verwunderlich, der Jugendwahn ist schließlich allgegenwärtig – die Promiwelt macht es uns ja eindrucksvoll vor. Penélope Cruz wurde mit 40 Jahren das älteste Bond Girl, Heidi Klum sitzt in ihren 40ern fester im Fashionista-Himmel als jemals zuvor und Gwyneth Paltrow wurde kurz vor ihrem 40. Geburtstag vom US-Magazin „People“ zur schönsten Frau der Welt gekürt. Das Privileg steht aber nicht nur den Frauen zu. Johnny Depp, Brad Pitt, Til Schweiger – sie alle haben den 50. Geburtstag bereits hinter sich. Doch niemand würde auf die Idee kommen, ihnen den Rang eines Sexsymbols streitig zu machen. Geht es nach den Celebrities, so ist das Alter zu einer ganz banalen Zahl degradiert. Es hat seinen Schrecken verloren. Und auch ohne Promistatus ist 40 plus schon lange keine Vorpen-sionierungsphase mehr. Viele Menschen wirken in diesem Alter deutlich jünger und starten gerade dann erst so richtig durch.

40 ist das neue 30
Jobwechsel, neue Ausbildung, Marathonlauf, Rockkonzerte, flirten auf Online-Foren, eine Familie gründen – was vor einigen Jahrzehnten für eine Person Mitte 40 noch undenkbar gewesen wäre, ist heute Alltag und Ausdruck unserer Persönlichkeit. Es wird kaum jemanden geben, der davon überzeugt ist, dass man mit 40 zu alt wäre, um noch einmal auf die Uni zu gehen oder einen neuen Job in Angriff zu nehmen. Sogar Eltern werden ist in diesem Alter nicht mehr verpönt. Ganz im Gegenteil: Viele Paare entscheiden sich bewusst erst nach der Karriere noch für ein Kind. Dass es hier sogar einen Trend gibt, belegen zahlreiche Ratgeber. Und dennoch ist Vorsicht geboten. Denn bei keinem anderen Thema urteilen wir subjektiver als beim Alter. Je älter wir werden, desto jünger fühlen wir uns. Ein Phänomen, das sich sogar noch verstärken kann: In einer gemeinsamen Altersgruppe fühlt sich jeder Einzelne nämlich stets jünger als der jeweils andere. Und nur weil es den meisten Menschen so geht, kann das aber nicht heißen, dass es auch wirklich so ist. Doch warum gibt es diesen Trend?

Foto: ken5221 - fotolia.com

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Industrie zieht mit
Die Wissenschaft hat festgestellt, dass Menschen, die heute die 50 überschritten haben, durchschnittlich gesünder und besser gebildet sind, als ihre Pendants aus früheren Generationen. Sie leben länger und ihre Lebensführung ist an eine ausgedehnte Jugendlichkeitsphase angepasst. Die Industrie hat diesen Trend natürlich auch längst erkannt. Spezielle Reisen, ein angepasstes Sportangebot, sogar Clubbings und Single-Treffs gibt es für die Altersgruppe. Schließlich vermutet die Industrie in dieser Sparte viel Geld. Die Kinder sind aus dem Haus und die Eltern genießen die neu gewonnene Freiheit. Eine Erklärung für den Wunsch nach möglichst langer Jugendlichkeit wird hinter dem so genannten Peter-Pan-Syndrom vermutet (siehe Kasten). Es wird davon ausgegangen, dass in einer alternden Gesellschaft, wie wir sie heute in der westlichen Welt haben, jeder jung sein will, um sich von den anderen zu unterscheiden. In Wahrheit aber beginnt es schon in frühen Jahren: bereits die Einstellungen der Jugendlichen haben sich verändert. Früher waren das Ausziehen aus dem Elternhaus nach der Schule und die Unabhängigkeit oberste Prämisse. Heute stehen Studium, Auslandsaufenthalt und Praktikum ganz oben auf der Liste – diese lassen sich mit Job und selbst bezahlter Wohnung nur schwer vereinbaren. Es verschiebt sich so gesehen also alles ein paar Jahre nach hinten. Und noch einen ganz entscheidenden Grund gibt es für die ewig jung Gebliebenen: Jugend und Schönheit bringen mehr Erfolg mit sich – im Berufsleben wie auch privat.

Foto: wetzkaz - fotolia.com

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Die Kehrseite der Medaille
Eine Studie des deutschen Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA) fand heraus, dass schöne Menschen über längere Zeit einen materiellen Vorteil erzielen können. So verdienen beispielsweise sehr schlanke Frauen und Männer mit Idealgewicht in ihrem Job mehr als ihre übergewichtigen und kleinen Kollegen. Extrembeispiel: Top-Models wie Kendall Jenner, Gigi Hadid und Adriana Lima lukrieren Beträge im doppelten Millionenbereich für nur ein Talent – schön zu sein. Jetzt ist Schönheit etwas Subjektives, könnte man einwenden. Das stimmt, dennoch gibt es Merkmale, die von fast allen Menschen als schön wahrgenommen werden – ebenmäßige Haut, Körpergröße, ausgewogene Proportionen, usw. Dazu zählt in gewissem Maß nun auch einmal das Alter. In der Arbeitswelt sind die Wunschkandidaten nämlich nur sehr selten Mitte 40, Anfang 50 oder gar noch älter. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist jenseits der 50 ganz besonders hoch und die Integration dieser Menschen in die Arbeitswelt gilt als eine der größten Herausforderungen in der Politik. Der Jugendkult in den Unter-nehmen ist trotz alternder Gesellschaft noch nicht ge-brochen. Und auch gesundheitlich sind nicht alle Menschen jenseits der 50 topfit. Es gibt viele Menschen in unserer Gesellschaft, die vielleicht schon lange chronisch krank sind oder sogar einen Rollator brauchen. Dieses Image verkauft sich aber medial weit schlechter als der Großvater, der in zerrissenen Jeans und Sneakers am Spielplatz seinem Enkel hinterherjagt.
Einmal mehr neigen wir dazu, ein Bild zu verallgemeinern, das nicht jeder leben und verstehen kann. Oder die monetären Ressourcen sind gar nicht vorhanden, um dieses Leben der ewigen Jugend finanzieren zu können. Kurzum: Ja, es gibt die Tendenz, dass die Gesellschaft sich immer jünger fühlt und gibt, aber manchmal ist der 50. Geburtstag auch einfach nur der 50. Geburtstag und eine Mama oder ein Papa auch einfach nur ein Elternteil, das froh ist, nicht mehr rund um die Uhr wie ein Mittzwanziger sein zu müssen.

Das Peter-Pan-Syndrom
Peter Pan ist eine Märchenfigur, die in einem erfundenen Land, dem Nimmerland, lebt und einfach nicht erwachsen werden will. Das Kinderbuch stammt aus der Feder des britischen Autors J. M. Barrie und handelt von der Freundschaft dreier Kinder mit diesem faszinierenden Jungen. So verlockend die Kids dieses Verhalten anfangs auch fanden, am Ende blieb Peter Pan, der sein Leben im ewigen Spiel verbringt, einsam zurück. Der Titel des Peter-Pan-Syndroms ist also keineswegs zufällig gewählt und kommt von dem gleichnamigen Buch des US-amerikanischen Familientherapeuten Dan Kelly, in dem er in den 1980er-Jahren populärwissenschaftlich jene Männer analysierte, die ein „unangemessen kindliches Verhaltensmuster“ an den Tag legten. Später wurde diese Bezeichnung durch den Professor und Psychiater John Ratey als gängiger Begriff in die Wissenschaft übernommen. Dort beschreibt er einen Menschen, der geprägt ist von Verantwortungslosigkeit, Einsamkeit, Narzissmus und Chauvinismus.

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