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Es wird wieder gestrickt!

Sich besinnen und die Langsamkeit für sich entdecken: Das geht nicht nur mit Yoga und Meditation. Über ein Hobby, das seinen zweiten Frühling erlebt.
 Ein Artikel von Christine Gnahn

Fotos: www.kaindl-hoenig.com


E
ntschleunigung ist in. Selbstgekochtes mit allen Sinnen genießen, ein Buch ganz in Ruhe von der ersten bis zur letzten Seite lesen und stundenlang durch die Natur spazieren. All das sind Beschäftigungen, die mittlerweile nicht nur von Gesundheitsexperten den vom Stress des hektischen Alltags gezeichneten Menschen empfohlen wird, sondern die auch nach und nach tatsächlich ankommen. Ruhe, Seelenfrieden, Gelassenheit sind die Werte, die angesichts dramatischer Veränderungen im Berufs- und Privatleben dringend trainiert werden wollen. Doch neben Yoga, Meditation und langen Wanderungen gibt es eine andere effektive Methode der Entschleunigung, die es wahrlich nicht erst seit gestern gibt: Stricken. Gemütliche Cafés, in denen nicht nur das  freundliche Licht, sondern auch der Geruch nach Kaffee und Kuchen, das einladende Mobiliar und nicht zuletzt nette Menschen zum Verweilen einladen, warten im 21. Jahrhundert gerne mit einer Besonderheit auf: In ihnen wird zur Stricknadel gegriffen.

So auch im „Wool & Coffee“, das erst kürzlich im Salzburger Stadtteil Gnigl eröffnete. Die Idee zu der gemütlichen Location, in der neben der Tasse Kaffee tatsächlich die Wolle auf dem Tisch liegt, hatte die Gründerin Sabine Horvath bereits vor 20 Jahren. „Ich habe damals von einem solchen Ort geträumt, an dem man sich wohlfühlt und gemeinsam strickt und häkelt“, berichtet die Handarbeitsexpertin. Heute ist der Traum Wirklichkeit – und das Konzept kommt an. „Ich komme gerne her, weil es Spaß macht, in Gesellschaft zu stricken“, erzählt die 29-jährige Carina Wallner, die sich von ihrer Mutter von der Begeisterung für die Handarbeit anstecken ließ. Auch die 49-jährige Rotraud Ebner freut sich über den neuen Treffpunkt: „Ich handarbeite gerne und dieses Netzwerk hat mir vorher wirklich gefehlt.“

Klar wird angesichts zahlreicher junger Gesichter schnell: Das Stricken, das ist nicht mehr nur ein Hobby von Großmüttern, sondern auch jüngere Generationen setzen die eigenen Hände in der Fertigung von Schals, Mützen und Co. gerne ein. „Die Individualität spielt heute eine große Rolle, die Menschen möchten wieder etwas ganz Eigenes besitzen“, berichtet auch Claudia Zelinsky. Seit drei Jahren betreibt sie das liebevoll eingerichtete Geschäft „Wollzimmer“ am Kajetanerplatz in Salzburg und verkauft darin nicht nur sorgsam sortierte Handarbeitsprodukte, sondern gibt zudem Strick- und Häkelkurse.

„Wool & Coffee“ ebenso wie das „Wollzimmer“ sind wohl auch durch die Aufmachung so erfolgreich: Es herrscht eine aufgeräumte Gemütlichkeit, alles befindet sich an seinem Platz und die Strukturen sind offen. Jeder kann kommen und gehen, wie es ihm gefällt. Manche verkaufen ihre selbstgemachten Produkte, andere genießen schlichtweg die Geselligkeit bei der Handarbeit. Ein eigenes kleines Netzwerk in einer modernisierten Welt, die sich in Netzwerke verliebt hat: Dass das funktioniert, sollte eigentlich niemanden verwundern. Ein ganz besonderer Aspekt des Strickens wie auch des Häkelns und anderer Tätigkeiten mit der Hand ist zudem in der psychischen Gesundheit angesiedelt.

Eine Studie des Benson Henry Institute for Mind Body Medicine in Harvard konnte die entspannende Wirkung der Handarbeit bereits belegen und dass sich diese ebenso wie Yoga oder Meditation positiv auf den Blutdruck und die Pulsrate auswirkt. Gleichzeitig, so zeigte die Studie weiter, wird auch der Hippocampus im Gehirn angeregt, der unter anderem für Erinnerungen zuständig ist. Will heißen: Wer langfristig strickt, kann womöglich eine erhöhte Gedächtnisleistung erreichen. Gute Argumente, es einmal selbst mit Wolle und Nadeln aufzunehmen – ob im Strickcafé oder auf der Couch.

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