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Endlich SOMMERFERIEN

Ein Kommentar von Margit Firlei
Psychologin und Psychotherapeutin

Diese Sehnsucht ist uns allen bestens vertraut. Endlich Ferien: Freizeit, Spiel, Spaß, Entspannung, Sorgen vergessen. Sonnenschein, grüne Wiesen, Sandburgen, Eis schlecken. Die Schule ist weit weg. Die Eltern sind gut gelaunt wie das ganze Jahr nicht.

Leider ist dieses schöne Bild nur selten Realität. Ferien können auch ein Problem sein.
Wie sehen kindgerechte Ferien aus? Auszugehen ist davon, dass das Leben der Kinder, nicht anders als das der Erwachsenen, recht mühsam sein kann. Es ist mit Stress und Sorgen verbunden. Das gilt für Kinderbetreuungseinrichtungen und in besonderer Weise für die Schule. Vergessen wir nicht: Kinder „arbeiten“, sie sind abhängig, sie leben oft unter schwierigen familiären Bedingungen. Es sollte daher Zeiten geben, in denen das Leben als leicht, freundlich und sorgenfrei empfunden wird. Genau dafür sind die Ferien da. Schon aus der Kinderrechte-Konvention lässt sich ableiten, dass Kinder ein Recht auf kindgerechte Ferien haben, auf eine wirklich gute Zeit, die Erholung, Lebensfreude und Selbstentfaltung ermöglicht.
Aber was sind die Bedürfnisse des Kindes in den Ferien? Was brauchen die Kinder aus der Sicht der Psychologie? Kinder brauchen Spannung und Entspannung, Spaß und Langeweile. Manche Eltern halten es für ein persönliches Versagen, wenn ein Kind sagt „mir ist langweilig“. Kinder sollen sich in den Ferien ruhig langweilen. Langeweile ist entscheidend wichtig für die Entwicklung des Gehirns. Dann entstehen erst Impulse, die Kreativität möglich machen.
Manche Eltern wollen in bester Absicht die Ferien optimieren, um dem Kind gute Startbedingungen für die Zukunft zu ermöglichen. Manchmal wird der Ferienterminkalender überfrachtet mit Sommercamps, Klavier- oder Tenniscamps, Intensiv-Sprachkursen usw.

Was wäre also aus psychologischer Sicht kindgerecht?
Der Gehirnforscher Gerald Hüther sagt, Kinder brauchen wertschätzende Gemeinschaft, Erlebnisräume und inspirierende Vorbilder.

  • Mit den Eltern Spaß haben und Dinge ausprobieren. Aber auch Zeit freigeben für eine vom Kind selbst bestimmte Verschwendung von Zeit.
  • Die virtuellen Welten begrenzen. Statt TV, PC und Smartphone in die pralle Realität eintauchen, auch wenn es nur Heu, eine Kuh, ein Kumpel, mit dem man kleine Abenteuer besteht, ein Lagerfeuer ist. Vom Computerspiel zur Entdeckungsreise in den Wald.
  • Das kleine Glück der Kinder in den Ferien hat nichts mit tollen Reisen und „Events“ zu tun – und damit erfreulicherweise auch nicht allzu viel mit Geld. Das Glück der Kinder liegt eher um die Ecke, dort, wo Abenteuer und Überraschungen locken.

Die Ferien: zu lang – zu kurz? Ein ewiger Streit, der zum einen von PädagogInnen ausgeht, die ihre Ferien verteidigen, aber auch von Eltern, die verzweifelt sind, weil sie den Kindern aus zeitlichen oder finanziellen Gründen nicht das bieten können, was sie sich wünschen würden. Es ist aber letztlich eine Scheinfrage. Aus den neun Wochen kann ein gigantisches Vakuum entstehen, das letztlich Kinder wie Eltern frustriert zurücklässt, es kann aber auch eine Zeit voller kleiner Abenteuer und Entdeckungen sein, an die man sich ein Leben lang gerne zurückerinnert.

Leider ist unsere Gesellschaft nicht kinderfreundlich genug, um gute, kindeswohlorientierte und leistbare Angebote zu bieten, damit Kinder und Eltern „unbeschwerte Ferien“ haben.

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