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Eine Welt ohne Musik

Wie wäre unser Leben ohne klassische Musik, Oper und Theater? Wie bereichern die Künste unser Leben, und wie schaut es um ihre Zukunft aus? Wie kann jedem von uns der Zugang dazu ermöglicht und eröffnet werden? Der Versuch einer Annäherung.

Der Philharmonische Salon in Berlin ist aktuell für drei Jahre im Voraus ausgebucht. Drei Mal pro Saison lädt Götz Teutsch, ehemaliger Solo-Cellist der Berliner Philharmoniker, Menschen dazu ein, ihm auf eine besondere Reise zu folgen: Auf unterhaltsame Weise berichtet der Musiker von großen Persönlichkeiten oder spannenden Ereignissen der Musik- und Geistesgeschichte und bringt diese seinem Publikum auf besondere Art und Weise näher. In der Verbindung von Kompositionen und Texten, wie Briefen und literarischen und philosophischen Schriften, gemeinsam mit Musikern und Schauspielern, schafft der in Salzburg lebende Götz ein Verständnis für oft Jahrhunderte lang zurückliegende Meisterwerke und holt diese greifbar und spürbar in die Gegenwart. Das Ergebnis seiner Einführungen: ein Zugang und ein Verständnis des Publikums für das klassische Konzert, für Oper und Theater – für die Kunst. Denn: „Berieselung ist der Tod jeder wirklichen Kunst, der Hintergrund ist für das Verständnis und den Genuss klassischer Musik essentiell. Und das Publikum weiß, dass ich mir monatelang Gedanken über das Programm mache.“ Die dabei für ihn immer zentrale Frage, auf die der 74-jährige Musiker seine Einführungen aufbaut: Warum gehen Menschen in ein Konzert? Kunst bereichert das Leben, so Götz´ Überzeugung, man müsse sie den Menschen nur (wieder) nahe bringen. „Ich erzähle dem Publikum, warum Musik für mich selbst so schön ist, ich will sie zum Kunstgenuss ermuntern und animieren und sie mitführen. Wenn man am Ende dann in ein Konzert geht, weil man etwas erleben will, ist man bei mir richtig!“ Seit 15 Jahren verfolgt der Cellist das Konzept seines Salons, und das äußerst erfolgreich. Rund 1.200 Menschen besuchen seine Einführungen jährlich. Mittels dieser können sie in eine für sie unbekannte Welt eintauchen, sie verstehen und genießen lernen und einen Zugang dazu finden.

  

„Kunst und Kultur hilft leben lernen“

Auch sie hat Erfolg mit ihrer Vermittlung: die Mathematikerin und Kulturmanagerin Elfi Schweiger. Vielen Menschen hat sie in ihrer Jugend mit ihren Workshops bereits den Zugang zur Kunst, vor allem dem Theater, eröffnet, viele von ihnen haben die Kunst zum Beruf gemacht, unter ihnen Regisseur Rudolf Frey, Dramaturg der Bregenzer Festspiele, Olaf Schmitt, oder die in der Frankfurter Tanzszene heute sehr erfolgreiche Martina Leitner. Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen einen Zugang zur Kunst zu ermöglichen, und sie vor allem ans Theater heranzuführen, sieht die 68-Jährige als eine ihrer Lebensaufgaben. Ihr Motto: Kunst und Kultur hilft leben lernen. „Das Wissen darum ist aber vor allem durchs Tun entstanden“, sagt sie. 18 Jahre lang führte die Mutter von fünf Kindern Kinder bei den Salzburger Festspielen an Aufführungen heran. Neben zahlreichen Projekten und Jugendclubs in München, Barcelona oder Budapest, leitet die in Salzburg lebende Elfi Schweiger heute die Theatergruppe Stage Art Productions, hält an einem Bauernhof im Südburgenland regelmäßig Workshops ab und initiiert Festivals. Die Vorbereitung zu einem Theaterbesuch sieht sie als notwendige Voraussetzung für ein Verständnis und schickt voraus: „Nicht Bescheid wissen ist keine Schande, keine Neugier zu haben, ist aber schon ein Problem.“

  

Der Zugang zu einer neuen Welt

Versuchen Götz Teutsch und Elfi Schweiger also, möglichst viele Menschen für die klassische Musik zu begeistern, formuliert es Kent Nagano noch deutlicher und träumt von einer Welt, in der jeder Mensch die Chance hat, Zugang zur klassischen Musik zu bekommen: „Ich wünsche mir, dass ein jeder in seinem Leben, unabhängig von Bildungsstand und Herkunft, die sinnstiftende Kraft der klassischen Musik erfahren können soll“, so der Dirigent bei der Vorstellung seines Buches „Erwarten Sie Wunder“ vor etwa einem Jahr. Doch woher rührt die tiefe Überzeugung, dass klassische Musik, Oper und Theater unser Leben in höchstem Maße beeinflussen und bereichern? Und dass das Wissen darum für ein Verständnis essentiell ist? Wann sollte dann mit einer Sensibilisierung dafür begonnen werden, und wie könnte für jedermann ein Zugang dazu geschaffen und ermöglicht werden?

Musik macht das Leben schöner, sie fördert das emotionale Wohlbefinden, die Kreativität und den Selbstwert. Das Erlernen eines Instruments verbessert zudem die Konzentration und die Disziplin in allen Bereichen des Lebens. Musik macht glücklich, regt das Belohnungs- und Emotionssystem des Gehirns an und löst Glücksgefühle aus, die ansonsten nur durch Essen oder Sex stimuliert werden können. Mittels Musik werden Menschen mit Traurigkeit und Angst fertig, so die Forscherin Anne Blood. Musik gilt als gemeinsame Sprache der Menschheit, und das kulturübergreifend. Noch konkreter bringt es der Forscher Samuel Mehr von der Harvard Graduate School of Education in einer Arbeit auf den Punkt: „Musik sagt etwas darüber aus, was es heißt, Mensch zu sein.“ Wenn man sich in diese Welt vertieft, lernt man Seiten an sich kennen, die man nie erahnt hätte, so Götz Teutsch. „Mit Musik kann der Zugang zu einer neuen Welt geschaffen werden.“

  

Kunstgenuss setzt harte Arbeit voraus

Der entscheidende Zugang zu den Künsten wurzelt in der Kindheit. „Es gibt viele Wege und Möglichkeiten, um einen Zugang zu finden. Der einfachste und schönste ist aber, wenn er aus dem Elternhaus heraus entspringt“, ist sich der Cellist Götz Teutsch sicher. Auch Elfi Schweiger sieht den wichtigsten Zugang zur Kunst bereits in der Kindheit gegeben, auch wenn es nie zu spät sei, etwas Neues zu erlernen. Hausmusik und das Musizieren als Gemeinschaftserlebnis sind dabei zentrale Ansätze für einen erfolgreichen ersten Zugang zur Kunst. Dieser Überzeugung ist auch der Musikjournalist und –produzent Reinhard Kager. „Früher war es selbstverständlich, dass in den Familien musiziert wurde, und wenn jemand das Gymnasium verließ, konnte er Noten lesen.“

Und welche Werke würden sich schon in der Kindheit, und auch im späteren Erwachsenenleben, für einen ersten Zugang mit der klassischen Musik eignen? „Ob Mozart oder Kinderlieder jeder Art – der individuelle Zugang ist bedeutend, Musik muss selbst entdeckt werden können“, ist Götz Teutsch überzeugt. Christina Gansch nennt „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart als ideales Werk, um einen ersten Zugang zur klassischen Musik zu finden, sei dieses auch zutiefst komplex. „Die Zauberflöte war eine meiner ersten Opern in der Kindheit, die mich geprägt hat“, so die 25-jährige Opernsängerin, die diesen Festspielsommer die Barbarina in Mozarts „Fidelio“ singt und auch in ihrer Freizeit Klassik-Liebhaberin ist. Reinhard Karger wiederum möchte kein konkretes Werk nennen, schlägt jedoch eine „Abwandlung und Veränderung“ von Werken vor, um sie den individuellen Bedürfnissen des Publikums anzupassen, zum Beispiel betreffend der Länge. Und Elfi Schweiger richtet die Auswahl ihrer Theaterstücke nach der Praxis aus. „Meine Workshops enden häufig mit einem Theaterbesuch. Also erarbeite ich oft Stücke in der Theorie, die man am Ende auch sehen kann.“

Mit der Grundsteinlegung in der Kindheit ist es aber noch nicht getan. „Ist die Basis für den Zugang zur Kunst einmal gelegt, muss man täglich daran arbeiten. Man muss sich damit beschäftigen und intensiv mit der Materie auseinandersetzen, man muss sich richtig anstrengen“, so Götz Teutsch und zieht folgenden Vergleich: „Man kann ja auch große Literatur nicht wie eine Zeitung lesen. Musik verstehen ist wie eine Sprache zu erlernen und setzt harte Arbeit voraus.“ Nur eine permanente Förderung der jungen Leute auf anspruchsvollem Niveau erhalte am Ende das Interesse und den Zugang zur Kunst der jungen Leute. Auch selbst lerne er noch heute dazu, obwohl er seit seinem siebten Lebensjahr Cello spielt.

Die Kunst-Rezeption

Die Gefahr einer falschen Interpretation eines Werkes aufgrund der Anpassung an eine Zeit oder Zielgruppe sehen die Experten nicht. Es gebe kein Richtig und kein Falsch. Die Interpretation einer jeden Zeit sei wichtig. Die Kunst-Rezeption sei eine Frage der Authentizität. Vor allem sollte Kunstgenuss leistbar sein, und dieser Umstand fängt bereits bei der Kleiderfrage bei einem Konzertbesuch oder einer Theateraufführung an. Die Bestätigung, dass Kunst in keinem Fall immer richtig, beziehungsweise im Sinne des jeweiligen Komponisten interpretiert werde, lieferte vergangenes Jahr der Dirigent Nikolaus Harnoncourt. „Ich habe erst kürzlich die Entdeckung meines Lebens gemacht: dass die drei letzten Sinfonien von Mozart eigentlich ein Werk sind, eine Art instrumentales Oratorium. Ursprünglich war die Sinfonie – auch von Mozart selbst – vorwiegend zur Einleitung gedacht. Hier wurde sie zum Hauptwerk – und gleich als Trias!“

  

Stirbt das Klassik-Publikum aus?

„In klassische Konzerte, in Opern- und Theateraufführungen zu gehen, sollte für eine Gesellschaft selbstverständlich sein. Es muss auch in Zukunft Möglichkeiten geben, dass andere Welten und Horizonte bestehen, die über das Bestehende hinaus verweisen, die in der Lage sind, kritisches Bewusstsein zu wecken, und das kann die Kunst“, so Reinhard Kager. Neben der Grundsteinlegung in der Kindheit nennt der Journalist die heute mangelnde Zeit und den Stress als größten Feind für den Kunstgenuss, denn: „Die Menschen wollen sich heute häufig lieber im Kino entspannen, anstatt Kunst zu rezipieren“, ist Kager sicher. „Viele sind zu müde, und Kunst bedarf einer gewissen Aufmerksamkeit, um dem Inhalt überhaupt folgen zu können.“ Die Institutionen selbst seien dazu angehalten, die Kunst einem breiteren Publikum nahe zu bringen. „Der Konzertsaal muss sich nach außen öffnen. Veranstalter könnten zum Beispiel eine Probe mehr machen und diese für das Publikum frei geben.“ Schnuppervorstellungen könnten eine weitere Hilfe für den Zugang zur Kunst sein und um ein Gefühl dafür zu entwickeln. In einer veränderten Aufführungspraxis sieht auch Martin Tröndle die Zukunft von Konzerten, Opern- und Theateraufführungen. Das Klassik-Publikum sterbe aus, so das Ergebnis seiner Studie vor bereits vier Jahren. In den nächsten 30 Jahren werde das Klassik-Publikum um mehr als ein Drittel zurückgehen. Dabei sei jedoch nicht die klassische Musik an sich das Problem, sondern vielmehr die Darbietungsform und Aufführungspraxis der Institutionen selbst. „Wir müssen das Konzert verändern, wenn wir es erhalten wollen“, so der Kulturwissenschaftler. Und das besser noch heute als morgen, denn: Was wäre die Welt ohne klassische Musik, ohne Oper und Theater?

Eva Pittertschatscher

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