Eine Welt ohne Düfte

Wie riecht Weihnachten? Der Geruch von Lebkuchen, Kerzen oder Tannen – wer nicht mehr riechen kann, verliert an Lebensqualität. Es verändert sich das Leben –
und zwar stärker als die meisten annehmen.
 Ein Artikel von Maria Riedler

Weder den Geruch von Kaffee, noch den von saurer Milch, weder sich, noch andere kann Walter Kohl wahrnehmen. Sein Riechnerv ist unwiederbringlich durchtrennt. Bei einem Unfall mit dem Fahrrad stürzte der Journalist im Sommer 1995 auf seinen Kopf. Eineinhalb Jahre dauerte es, bis er körperlich wiederhergestellt war. Nach einigen Operationen wurde ihm für seine zerstörte Stirn eine Platte aus Karbonfaser eingesetzt. Sie bildet eine undurchdringliche Wand zwischen den Riechzellen in
seiner Nase und dem Bulbus olfactorius, der ersten Schaltstelle im Gehirn, von wo aus Düfte weitergeleitet und verarbeitet werden.

Foto: Krankenhaus Schwarzach

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„Der Verlust des Geruchssinnes kann lebensbedrohlich sein“, so Prof. Florian Kral.

Wenn die Nase ausfällt

Es muss kein Unfall sein, der zum Verlust der Riechfähigkeit führt, wie bei Walter Kohl. Auch Entzündungen können dazu führen, dass man plötzlich nichts mehr riecht oder schmeckt. Der Duft von frischem Essen oder der Geschmack von würzigem Käse existieren nicht mehr. Das Leben wird fade. Anosmie, wie Ärzte den Verlust des Geruchssinns nennen, tritt häufig auf: Geschätzte fünf Prozent der Bevölkerung leiden daran. Einen schwächeren Geruchssinn (Hyposmie) haben rund 20 Prozent der Bevölkerung, bei den über 50-Jährigen sogar jeder vierte. Im Laufe des Lebens verliert man mehr Riechzellen, als neue nachwachsen. Daher leiden vor allem ältere Menschen an Hyposmie und Anosmie. „Man schätzt, dass etwa jeder Dritte der über 70-Jährigen nichts mehr riecht“, so Univ-Prof. Dr. Florian Kral, Leiter der HNO-Abteilung im Krankenhaus Schwarzach.

Wie es sich anfühlt, in einer Welt ohne Gerüche und fast ohne Geschmack zu leben, hat wohl fast jeder Mensch schon einmal erfahren: Wenn die Nase durch eine Erkältung verstopft ist. Doch mit ausklingendem Schnupfen kehrt die Fähigkeit zu riechen langsam zurück und damit auch der Geschmack.

Dieser Sinn funktioniert über Riechzellen, die im Dach der Nase liegen. 30 Millionen von ihnen bilden das Riechepithel. Die Riechzellen sind mit feinsten Härchen (Zilien) ausgestattet. Erreichen Duftstoffe die Zilien, leiten letztere die Information über die Fasern des Riechnervs an das Gehirn weiter. Sie werden vom Riechkolben (Bulbus olfactorius) verarbeitet. So kann der Mensch mehr als zehntausend verschiedene Gerüche unterscheiden.

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Wie entsteht Anosmie?

Anosmie nennt sich der Verlust der Wahrnehmungsfähigkeit von Gerüchen und dem Geschmack. Der Verlust des Geruchssinns kann mehrere Ursachen haben. Nur in den seltensten Fällen ist er angeboren. Ganz mechanisch kann die Nase wegen schiefer Nasenscheidewände, Polypen oder durch von einer Allergie geschwollene Schleimhäute blockiert sein. Gasteilchen dringen dann nicht zum Riechepithel vor.

Foto: alphaspirit - fotolia.com

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Virusinfekte, Entzündungen der Nasennebenhöhlen oder Polypen gehören zu den häufigsten Auslösern für Riechstörungen. „Bei Riechverlust nach banalen Infekten kommt der Riechsinn meist nach drei bis sechs Monaten wieder, da sich die Riechschleimhaut regeneriert“, erklärt Kral. „Neben den Geschmacksrezeptoren ist es das einzige Sinnesorgan, welches diese Fähigkeit zur Regeneration hat.“ Die Anosmie lässt Betroffene nicht nur wegen der verloren gegangenen Sinnlichkeit im Leben leiden: Stark riechende, giftige Dämpfe, Gas oder den Geschmack verdorbener Nahrungsmittel nehmen sie schlicht nicht wahr. Im schlimmsten Fall Lebensgefahr. „Es ist wichtig, dass diese Patienten Brandmelder besitzen“, betont der HNO-Arzt. Dass sich unsere Emotionen unmittelbar mit Geruchsbegegnungen kurzschließen, ist evolutionär sinnvoll: So konnten Gefühle unser Verhalten relativ zuverlässig durch den Dschungel an wiederkehrenden Entscheidungen steuern. Frische Beeren, ja bitte; verdorbenes Fleisch, nein danke: Der Geruchssinn ist ein effizientes System, das sehr schnell aus Erfahrungen lernt.

Chemische Stoffe, etwa in einigen Medikamenten wie Antibiotika, können die Nase ebenfalls lähmen. Besonders Rauchen führt dazu, dass das Riechvermögen leicht abnimmt: Gase, Toxine und Staub belasten die Riechzellen. Beispiel: Wer mit dem Rauchen aufhört, stellt schnell fest, dass der Geruchssinn
sich bessert. Wenn das Riechzentrum etwa durch ein Schädel-Hirn-Trauma Schaden genommen hat, dann werden die Signale von der Nase zum Gehirn nicht mehr weitergeleitet. Nur bei jedem fünften Betroffenen kommt der Geruchssinn nach einem Unfall zumindest teilweise wieder. „Bei unauffälligem Nasen-endoskopiebefund erfolgt die Abklärung mittels Magenetresonanztomographie um Veränderungen im Bereich des Riechnervs festzustellen.“

Anosmie kann manchmal auch ein Symptom für schwerere Erkrankungen sein. Selten beeinträchtigt ein Hirntumor das Riechzentrum. Auch für neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson kann der Verlust des Geruchssinns ein Vorbote sein. Patienten mit Parkinson können teils sogar Jahre vor dem Auftreten von Bewegungsstörungen nichts mehr riechen. Untersuchungen haben ergeben, dass 95 Prozent der Parkinsonpatienten auch Anosmatiker sind. Der Umkehrschluss gilt freilich nicht: Wer schlecht riechen kann, leidet keineswegs automatisch an Parkinson. Anosmie ist eine häufige Erkrankung, Parkinson dagegen sehr selten.

Es gilt jedenfalls, wenn der Geruchssinn plötzlich verschwindet
oder langsam immer schlechter wird, einen Hals-Nasen-Ohrenarzt aufzusuchen.

Foto: morrowlight - fotolia.com

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Schwierige Therapie

Komplett zu heilen ist Anosmie zumeist nur schwer, auch wenn es Möglichkeiten gibt. „Bei chronischer Rhinosinisitis, die länger als 12 Wochen dauert, kommt es einerseits zu einer Riechstörung durch Ventilationsprobleme“, so Prof. Kral, „das ist behandelbar. Hier besteht die Therapie aus Nasendusche und Cortison in Form eines Nasensprays. Abschwellende Nasentropfen sind jedoch wirkunglos und können die Beschwerden verstärken. Eine Therapiemöglichkeit ist Vitamin B für zumindest sechs Wochen.“ Das Riechorgan kann zudem „trainiert“ werden, erklärt Kral. „Dazu und auch zur Diagnostik werden Riechdisketten mit unterschiedlichen Düften verwendet.“

Bleibt die Anosmie, kann das belastend sein. „Ich habe mich bis heute nicht daran gewöhnt, nicht riechen zu können“, schreibt Kohl. Der Verlust des Geruchssinns kann bis in die Depression führen. Viele Patienten klagen über Belastungen im Alltag. Nicht nur, dass Essen und Trinken nicht mehr genossen werden kann – viele Betroffene sind auch unsicher, ob sie selbst gut riechen und nicht etwa nach Schweiß oder aus dem Mund stinken. Andere klagen über weniger Sex. Sinnlichkeit entstehe eben auch über den Geruch, ist sich Walter Kohl sicher. In seinem Buch „Wie riecht Leben?“ beschreibt er drastisch, direkt, fast brutal, wie die Hauptfigur sich auf die Suche nach einer neuen Sexualität macht, die ohne Düfte auskommt.

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