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Die Qual der Lust

Alles macht Lust: Lust auf feines Essen, Lust auf Alkohol, Lust auf Sport, Lust auf Shoppen, Wanderlust, Fleischeslust, Lust vor allem auf erfüllende sexuelle Begegnungen. Man könnte meinen, wir leben in einer freien Welt, in der wir jeden Tag entscheiden können, worauf wir Lust haben und es uns einfach holen.

Vor allem glauben wir, wenn wir in einer festen Beziehung sind, ist der Partner ein Selbstbedienungsladen, den wir jederzeit betreten und konsumieren können, worauf wir – Lust – haben. Singles hätten es da vermeintlich schwerer und würden auf der Suche nach Sex jeden Abend suchend Bars abklappern und dann doch frustriert nach Hause gehen. Singles wiederum beneiden Paare glühend, weil sie sich vorstellen, diese würden einander jeden Abend zärtlich in den Armen liegen und morgens lustvoll erwachen und die Glut der sexuellen Anziehung würde täglich oder zumindest mehrmals wöchentlich in einem befriedigendem, vertrauten Liebespiel enden.

Ich sehe in den fast 20 Jahren meiner Paartherapien einen steilen Anstieg extremer sexueller Frustration, die schon ganz junge Paare in die Sexualberatung treibt. Es ist nicht nur die wachsende Offenheit, dass Paare ihre Probleme mit einer Fachfrau besprechen wollen, es ist die große Schere zwischen Wunsch und Wirklichkeit, die Überflutung medialer Konfrontation, die uns glauben lässt, alle anderen hätten mehr Sex als wir. Jedes Magazin gaukelt uns vor, dass wir sexy zu sein haben, dass wir schön sein müssen, um sexuell begehrenswert zu sein, ja es geht soweit, dass junge Menschen, die seit Kindheit an mit Pornografie gefüttert werden, mittlerweile glauben, regelmäßiger Sex sei gesund, auch phasenweise Enthaltsamkeit sei ungesund und man sei nicht normal, wenn man nicht alle nur möglichen Erfahrungen gemacht hat, einschließlich homosexuelle Erlebnisse. Die Devise lautet: Hol dir, was du brauchst, keiner fragt sich mehr ernsthaft, ob es für ihn stimmig ist oder nicht. Man muss es erlebt haben, um mithalten zu können.

Immer mehr junge Männer fühlen sich sexuell unsicher, haben Erektionsstörungen, leiden unter Ejaculatio praecox, sind süchtig nach Selbstbefriedigung und Pornografie, die leichter zugänglich ist als je zuvor und ihnen ein gieriges Frauenbild vorgaukelt, dem junge Frauen in vivo nicht standhalten können. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert bei der ersten sexuellen Begegnung und erst recht, wenn die Beziehung in die Jahre gekommen ist. Jungen Frauen geht es nicht besser, sie sind unsicherer denn je, was ihren Körper betrifft, die First Love Ambulanzen sind voll von nicht richtig aufgeklärten Mädchen, die keine Ahnung haben, wie sie funktionieren, wann sie schwanger werden könnten und die Pille tut ihr übriges, die Lust an der Lust zu dämpfen. Ich werde sogar von erwachsenen Frauen gefragt, wie sich ein Orgasmus denn wohl anfühlt, weil sie noch nie erlebt haben, was da passiert und wie man so weit kommt, sie warten auf den jungen, perfekten Prinzen, der ihnen Erlösung bringt – nur, er weiß maximal über sein eigenes Geschlechtsteil Bescheid (er hat ihn ja schon ein paar Mal abgemessen und fragt sich immer noch, ob er wohl in der Größe ausreicht). Ich, ich, ich, das haben wir gelernt, vom DU wissen wir so gut wie nichts, das gilt für beide Beteiligten. Schockierend ist, dass oft wirklich grundsätzlich das Interesse daran fehlt, sich auf die Reise zum anderen zu machen, und damit sind wir beim Kern des Problems: zwei Menschen sollen eins werden. Der eine vom Mars, die andere von der Venus, von Liebe keine Ahnung, wie soll man da Liebe machen?

Schauen wir mal in mein Nähkästchen: Drei Paare aus unterschiedlichen Welten in der gleichen Welt sexueller Frustration.

Markus (26) und Julia (27), seit 2 Jahren ein Paar, das von allen bewundert wird, weil sie PERFEKT sind. Nur, sie haben keinen Sex mehr. Er ist ein Durchstarter, sportlich in jeder Disziplin, Studium im schnellen Vorwärtsgang erledigt, die Firma des Vaters wartet auf ihn, der BMW stand schon bei der Matura vor der Tür, die Freunde stehen bei Fuß, wenn er ruft, ein Traumleben. Julia hat alle Konkurrentinnen ausgestochen, seit sie sich ihre Brüste hat machen lassen, XXL, das mag er obenrum, ansonsten XXS, dünne Ärmchen, große Hungeraugen, Extensions, gut geschminkt, geiles Outfit bei jeder Party. Er holt sich täglich einen runter, wenn er Stress hat, das ist eine Sache von 3 Minuten, in einer Hand das iPhone, in der anderen – na ja. Er vertröstet sie auf den Sonntagmorgen, wenn sie mal nachfragt, wann er denn mal wieder lieb zu ihr ist, sagt aber dazu: „Da willst du ja nie, weil du erst Zähneputzen musst“, darauf sie: „Du schläfst ja ohnehin bis 2 Uhr am Nachmittag deinen Rausch aus!“ Passt mal die Gelegenheit bei einem DVD-Abend alle paar Wochen und er versucht sie zu streicheln, wird sie steif wie ein Brett und macht nicht mit, hat keine Lust und beide gehen enttäuscht ins Bett – jeder auf seine Seite, als wären sie am Ende der Welt und nicht im gleichen stylischen Schlafzimmer.

Alexander (37) und Nicole (34), beide erfolgreiche Ärzte, abwechselnd Nachtdienste, 2 wundervolle Kinder von wechselnden Au-pair-Mädchen betreut, Haus neu gebaut. Sie depressiv seit der Geburt des zweiten Mädchens, er nah am Burnout, trinkt abends eine Flasche Wein, um ‚runterzukommen‘, was ihm wirklich gelingt. Sie schlafen um 20.30 Uhr Arm in Arm vor dem Fernseher ein, wenn die Kinder endlich Ruhe geben. Sie warten jedes Jahr auf den Urlaub, wo ‚es‘ passieren wird/könnte/müsste. Tut es aber nicht. Maximal 3 x im Jahr und dann war es eigentlich eh ganz schön für beide. Braucht man noch mehr Information?

Jürgen (65), Bankvorstand i.R. und Hanna (54), Assistentin, noch berufstätig. Seit er in Pension ist, möchte er ihrer beider Sexualleben endlich revolutionieren und fragt sie jeden, wirklich jeden Abend, was jetzt eigentlich los ist mit ihr. Sie hat sich verschlossen wie eine Auster und er ist ihr körperlich unangenehm, wenn er sie nur zu küssen versucht, schließlich ist er jahrelang ohne all dem Drumherum ausgekommen und gleich zur Sache gegangen.

Sie hat es über sich ergehen lassen, damit er es nicht mit einer seiner Sekretärinnen macht, ist sich aber mittlerweile nicht mehr sicher, ob da nicht jemand war, der ihm das gab, was er jetzt sucht, als wäre es ein Projekt für die Zukunft. „Andere haben auch Sex bis 88, wir müssen das hinkriegen, Hanna, geh und lass dich therapieren, du bist nicht normal!“

Der wichtigste Schritt in die richtige Richtung ist getan, wenn beide sich auf den Weg zueinander machen und es wagen, das Risiko einzugehen, einander die Dinge zu sagen, die sie bisher hinuntergeschluckt oder hinausgeschrien haben. Vertrautheit führt zu einer Bruder/Schwester-Beziehung, aufregender Sex braucht Risiko, man muss gemeinsam die Komfortzone verlassen und es wagen, dem anderen die Chance auf ein vielleicht oder hoffentlich völlig neues Liebesleben zu geben. Wir verändern uns im Laufe des Lebens in all unseren Bedürfnissen, das darf der andere nicht als persönliche Kränkung sehen, sondern als Weiterentwicklung, dann steht uns nichts im Weg, einander neu – und lustvoll – zu begegnen. (Alle Namen und Berufe wurden geändert)

Mag. Andrea Hammerer, Klinische Psychologin

www.hammerer-praxis.at

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