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Die Macht der Intuition

Bauchgefühl, innere Stimme, Geistesblitz oder Weisheit des Unbewussten – in vielen Momenten des Alltags ist Intuition wie ein innerer Kompass.

Unser Leben besteht aus Entscheidungen. Jeden Tag treffen wir davon eine Unmenge: Angefangen davon, was man in der Früh anziehen soll, bis hin zu gravierenden Entscheidungen, wie etwa Jobwechsel oder Familiengründung. Dabei stellen wir ständig Vor- und Nachteile gegenüber und wägen ab. Manchmal erstellen wir auch eine Plus-Minus-Liste.

„Ich denke, also bin ich“, meinte der Philosoph René Descartes im 17. Jahrhundert und prägte damit ein Weltbild, das uns seit 400 Jahren begleitet. Das rationale Denken ist das Fundament der westlichen Welt. Doch dieses Weltbild wankt immer wieder kräftig. In allen Lebensbereichen gewinnt Intuition eine größere Bedeutung, selbst da, wo man es noch kaum vermuten würde: in der Wirtschaft, der Wissenschaft, der Politik. Mit der Komplexität der modernen Welt ist unser Verstand, unser rationales Denken allein überfordert. In vielen Bereichen stoßen wir heute an unsere Grenzen.

Schatz an Erfahrungen

In vielen Situationen des Alltags ist das Bauchgefühl oder auch Intuition ein unverzichtbarer Ratgeber. Zum Beispiel im Straßenverkehr, wenn man rasch handeln muss, aber gar nicht die Zeit hat, lange nachzudenken. In Entscheidungssituationen – wenn man ein Auto kauft, eine Wohnung mietet oder eine Urlaubsreise plant – da ist es oft nicht möglich, alle gewünschten Informationen zu beschaffen und auszuwerten. Trotzdem wird dem Bauchgefühl gegenüber oft kein Vertrauen geschenkt: „Intuition wird meist mit weiblichem Denken zusammengebracht. Oder mit einem sechsten Sinn. Und daher eigentlich als ‚verdächtig’ abgetan. In Wirklichkeit ist Intuition eine Form von Intelligenz. Eine ‚unbewusste Intelligenz’, die sowohl Männer als auch Frauen besitzen,“ so Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin.

Die Macht der Intuition ist lange unterschätzt worden, obwohl wir sie immer wieder einsetzten, um rasch Situationen richtig einzuschätzen – erfahrene Sportler handeln oft intuitiv richtig.

Wir setzten Intuition sogar sehr häufig ein: Wissenschaftler gehen davon aus, dass der Mensch etwa 90 Prozent aller Entscheidungen aus dem Gefühl heraus trifft. Die Intuition schöpft aus einem riesigen Schatz von Erfahrungen, die der Mensch im Laufe seines Lebens angesammelt hat. Emotion und Vernunft lassen sich bei intuitiven Prozessen nicht trennen. Selbstvertrauen und eine spezielle Begabung scheinen ein guter Nährboden für intuitive Wahrnehmungen und kreative Ideen zu sein.

Im Bauch liegt die Wahrheit

Je besser wir uns in einem Gebiet auskennen, umso eher können wir auf unseren Bauch vertrauen. Experten gehen davon aus, dass beispielsweise zehn Jahre Berufserfahrung ausreichen, um intuitiv die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Alles, was wir von Geburt an je erlebt und gesehen, erfahren und gelernt haben, fließt in dieses Wissen ein. Hinzu kommt, zahlreichen Experten zufolge, das Wissen, das der Mensch im Laufe der Evolution angesammelt hat – etwa einem fremden Mann zu misstrauen, der uns im Wald begegnet.

Die Wissenschaftler haben in jüngster Zeit viel über unser Bauchgefühl herausgefunden. Sie haben etwa festgestellt, dass die Intuition gleich in mehreren Regionen unseres Gehirns liegt. Doch sie wissen nicht genau, wie das Gehirn unserem Bauch mitteilt, in welche Richtung er uns steuern soll – also das berühmte „Bauchweh“ oder die „Schmetterlinge im Bauch“. „Wir können mit bestimmten Methoden bestimmte Vorgänge lokalisieren, aber wir sind noch weit weg davon, sie wirklich zu verstehen,“ stellt Gerd Gigerenzer fest. Damit bleibt die Intuition vorerst ein weites Feld für Forschungen.

Häufig finden Menschen auf den Gebieten, in denen sie sich gut auskennen, intuitive und kreative Lösungen. Dabei hat zum Beispiel ein Arzt ein anderes intuitives Wissen als ein Lehrer, ein Winzer, ein Installateur oder ein Therapeut. In welchem Beruf auch immer – erfolgreiche Menschen zeichnen sich häufig dadurch aus, dass sie in der Lage sind, eine Situation spontan richtig einzuschätzen und eine gute Entscheidung zu treffen, auch wenn nicht alle Informationen da sind. Mit einfachen Faustregeln, sogenannten Heuristiken, treffen wir oft gute Entscheidungen. Manchmal gilt: Entscheide schnell! Denn je länger wir nachdenken, desto mehr zweitklassige Lösungen fallen uns ein. Wir kommen ins Grübeln, und das Ergebnis wird dadurch nicht besser. Diese Regel gilt besonders dann, wenn wir uns auf einem Gebiet schon gut auskennen. Anders sieht es vielleicht aus, wenn wir darin fremd sind. Dann hilft es, sich Rat bei Experten zu holen. Doch Achtung: Vorher sollten wir prüfen, ob unsere Experten unabhängig sind. Dem Rat eines Bankberaters, erklärt Gerd Gigerenzer, würde er nicht trauen. Denn er ist in einem Interessenskonflikt und wird nur zu etwas raten, was seinem Unternehmen Nutzen bringt.

Blickwinkel ändern

Eine andere Heuristik ist, den Blickwinkel zu ändern. Die neue Perspektive zeigt uns die Lösung. Ein prominentes Beispiel für diesen Trick ist die Notlandung des Airbus auf dem Hudson River im Jahr 2009. Als kurz nach dem Start die Technik versagte, musste der Pilot Chesley Sullenberger innerhalb weniger Minuten eine Entscheidung treffen. Seine Wahl fiel auf die Notwasserung, alle Passagiere überlebten.

Bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in den USA kamen etwa 250 Menschen als Flugzeugpassagiere ums Leben. In der Folge gab es eine Panik vor Terrorismus und Flugzeugen. Geprägt von den Bildern in den Medien, fühlten sich viele im Auto sicherer. Ein perfektes Beispiel für ein „Schockrisiko“, erklärt der Experte für Risikobewertung, Gerd Gigerenzer. Denn der Straßenverkehr stieg im folgenden Jahr stark an – und mit ihm die Zahl der tödlichen Autounfälle. Fast 1600 Amerikaner kamen dadurch ums Leben. Deutlich mehr, als durch die Flugzeugentführungen zuvor. Oft schätzen wir die falschen Dinge als Risiko ein. Tatsächlich ist es um ein Vielfaches wahrscheinlicher, an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall zu sterben als an einem Terroranschlag. Dennoch erkennen viele die Symptome nicht, auch wenn schnelles Handeln hier Leben retten kann.

Fakten als Sicherheit?

Was glauben Sie: Sterben mehr Menschen in Folge eines Unfalls oder an einer Diabeteserkrankung? Hier gab es Untersuchungen, dass den meisten von uns sofort klar ist, dass mehr Menschen bei einem Unfall sterben. Sie schätzen, dass etwa 300-mal mehr Menschen bei Unfällen sterben als wegen Diabetes. Nur: Sie liegen daneben. In Wahrheit, kommen auf ein Unfallopfer vier Tote in Folge von Diabetes. Die massive Fehleinschätzung kommt zustande, weil jeden Tag über Tote im Straßenverkehr berichtet wird, aber sehr viel seltener über all die Menschen, die an Diabetes sterben. Die Folge ist, dass Häufigkeiten völlig falsch eingeschätzt werden.

Sollten Sie eine Frau sein, dann stellen Sie sich mal vor, Sie müssten sich zwischen zwei Männern entscheiden. Sie könnten jetzt für beide Männer eine Liste erstellen, mit Pro und Kontra, könnten diese einzelnen Gründe gewichten und am Ende schauen, welcher der beiden Männer „gewonnen hat“. Aber können Sie diese Fakten mit Sicherheit sagen? Und können Sie voraussehen, wie dieser Mann dann in Zukunft tatsächlich sein wird? Wenn etwa Treue ein wichtiger Faktor war, der dazu geführt hat, dass dieser Mann gewonnen hat, wer sagt Ihnen, dass er auch in Zukunft treu sein wird?

Oder ein Beispiel aus der Wirtschaft: Wenn Sie in Ihrer Firma aufgrund der Zahlen und Fakten, die Ihnen vorliegen, entschieden haben, einen bestimmten Kurs zu fahren, damit die Umsatzzahlen besser werden: Können Sie denn sicher voraussagen, wie sich der Markt entwickeln wird, und entsprechend, ob durch diese Entscheidung die Umsätze wirklich steigen werden? Vermutlich nicht.

Unbewusste Intelligenz

Eine Entscheidung basiert zumeist nur auf einem guten Halbwissen. Die Intuition, die eine Art unbewusste Intelligenz ist, kann uns gerade dann ein guter Wegweiser sein.

Wissen Sie, welche Stadt größer ist – Detroit oder Milwaukee? Wenn Sie diese Frage einmal in Ihrem Bekanntenkreis stellen, dann werden vermutlich die meisten Ihrer Bekannten sagen, dass Detroit die Stadt ist, die mehr Einwohner hat. Und das ist vollkommen richtig. Aber sicherlich kann Ihnen keiner Ihrer Bekannten die genaue Anzahl der Bewohner einer dieser Städte nennen. Sie entscheiden intuitiv.

Prof. Gigerenzer hat diese Frage zusammen mit einem Kollegen in einer Studie zunächst amerikanischen Studenten vorgelegt, dann deutschen Studenten. Die amerikanischen Studenten hatten zu 40 Prozent die richtige Antwort gegeben. Bei den deutschen Studenten haben fast alle richtig geantwortet. Aber warum „wussten“ es die deutschen Studenten besser? Gigerenzer erklärt dies mit dem Grundprinzip der Intuition, das aus zwei Elementen besteht: aus einfachen Faustregeln und aus evolvierten Fähigkeiten. Faustregeln sind Regeln, die uns nicht immer bewusst sind, die sich aber über lange Zeit bewährt haben. Die evolvierten Fähigkeiten wiederum basieren auf unserer evolutionären Erfahrung: das Wiedererkennungs-Gedächtnis, die Nachahmung, Sprache und vieles mehr.

Den amerikanischen Studenten waren beide Städte bekannt und sie hatten viel mehr Informationen über Milwaukee und Detroit.

Den meisten deutschen Studenten war nur Detroit ein Begriff. Sie haben von Detroit schon einmal gehört. Milwaukee war kaum einem der deutschen Studenten bekannt. Deshalb mussten sich die deutschen intuitiv entscheiden. Und dieser Intuition lag folgende Faustregel zu Grunde: Halte dich an das, was du kennst.

Zu viel Wissen schadet?

Auf das Beispiel angewandt, bedeutete das für die deutschen Studenten: „Wenn du den Namen der einen Stadt, aber nicht den der anderen Stadt wiedererkennst, dann schließe daraus, dass die wieder erkannte Stadt mehr Einwohner hat.“ Weil wir Menschen im Laufe der Evolution ein Wiedererkennungs-Gedächtnis (evolvierte Fähigkeit) aufgebaut haben, können wir diese Faustregel nutzen.

Letztlich wussten die amerikanischen Studenten zu viel, um die oben vorgestellte Faustregel anzuwenden. Beide Städte wurden wieder erkannt, nicht nur eine. Und so mussten sie die Informationen, die sie über beide Städte hatten, abwägen und eine Entscheidung treffen.

Intuition ist eben eine andere Art von Intelligenz: Sie zieht ihre Schlüsse aus Faustregeln, die sich im Laufe der Evolution bewährt haben: „Mach das, was das letzte Mal erfolgreich war“, „Ein einziger guter Grund reicht“.

Der Intuition zu folgen, ist nicht unbedingt immer bequem, denn sie erfordert Wachheit und Mut zum Risiko. Denn auch mit seinem Bauchgefühl kann man auch mal falsch liegen. Aus der Intuitionsforschung weiß man, dass die Intuition stark abhängig ist von Stimmungen, von Wünschen, Sehnsüchten und auch von Vorurteilen. Wie wir mit Intuition umgehen, hängt sehr davon ab, was unsere Eltern und unsere Kultur uns bewusst oder unbewusst darüber mitgeteilt haben. Manche Menschen haben einen leichteren Zugang zu dieser Quelle. Die moderne Intuitionsforschung zeigt jedoch, dass wir alle letztlich viel mehr von intuitiven Prozessen beeinflusst werden als wir glauben.

Professor Gerd Gigerenzer schreibt, dass es Menschen gibt, denen die kleinsten Entscheidungen sehr schwer fallen. Weil sie nach der perfekten Lösung suchen. Sie handeln entsprechend nicht intuitiv. Diese Menschen nennt man Maximierer. Wenn ein Maximierer die perfekte Hose finden möchte, dann möchte er jede einzelne Hose, die im Geschäft ist, anprobieren. Alle Vor- und Nachteile gegeneinander abwägen. Und in den nächsten Laden gehen und dort auch noch jede einzelne Hose anprobieren und diese dann miteinander vergleichen.

Maximierer versus Satisficer

Und selbst, wenn er sich dann mal entschieden hat: Er weiß, dass es noch etliche Millionen anderer Hosen gibt und wird niemals so richtig zufrieden mit seiner Entscheidung sein. Weil er eben nicht sicher sein kann, dass es die richtige Entscheidung war.

Maximierer zappen so lange durch das Fernsehprogramm auf der Suche nach der Sendung, die gerade die beste ist, bis sie am Ende gar nichts richtig gesehen haben.

Dem entgegen stehen die Satisficer. So nennt man diejenigen, die ihre Suche begrenzen und sich schnell mit der ersten Möglichkeit zufrieden geben, die „gut genug“ ist.

Wenn eine Hose passt und hübsch ist, dann nehmen sie diese – und es ist ihnen egal, ob es irgendwo auf der Welt noch eine Hose gibt, die besser ist. Und wenn sie den Fernseher anschalten und ein Programm finden, das ihnen interessant erscheint, dann geben sie sich damit zufrieden.

Satisficer handeln hier intuitiv – nämlich nach der Faustregel „Take the best“: Ein einziger guter Grund reicht. Und genau hier lässt sich Intuition trainieren. Suchen Sie nach dem einen guten Grund. Fangen Sie bei kleinen Entscheidungen an, wie etwa dem Hosenkauf, und hören Sie auf zu suchen, wenn Sie den einen guten Grund gefunden haben, der für ein Modell spricht. Trainieren Sie Ihre Bauchentscheidungen also ruhig erst mal an den unbedeutsamen Kleinigkeiten. So können Sie lernen, ein Gespür für Ihr Bauchgefühl zu bekommen. Und auch, dass Sie Ihren Bauchentscheidungen vertrauen können.

Übrigens hat es noch weitere Auswirkungen, wenn Sie es schaffen, von einem Maximierer zu einem Satisficer zu werden. In einer Studie konnte man auch feststellen, dass Maximierer oftmals an Depression, Perfektionismus, Reue und Selbstvorwürfen leiden. Satisficer sind hingegen optimistischer, haben eine höhere Selbstachtung und sind zufriedener mit ihrem Leben.

Maria Riedler

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